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Ein Klassenzimmer im Grünen

Waldschule in Wohra Ein Klassenzimmer im Grünen

Die ersten Kinder der Wald-AG haben kaum ihr grünes Klassenzimmer im Mönchswald erreicht, da ertönt schon der vielstimmige Ruf: „Eine Schlange, eine Schlange!“

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Schlangen in der heimischen Region – Ben Bender erörtert das Thema im Dialog mit den Grundschülern. Leon Wendel, Leonhard Körnschild und Leon Maigré (kleines Foto von links) haben im Kinderwald eine Blindschleiche gefunden, die sie nach der Begutachtung durch ihre Schulkameraden wieder aussetzen.
Fotos: Matthias Mayer

Quelle: Matthias Mayer

Wohra. Leon Wendel, Leonhard Körnschild und Leon Maigré haben das Reptil gefunden. Sie heben es vorsichtig auf und identifizieren es sogleich als Blindschleiche. Die nachfolgenden Schülerinnen und Schüler der Grundschule Wohra stürmen herbei; alle dürfen sich das kleine Tier anschauen. Dann setzen die drei Finder die Blindschleiche etwas abseits der Gruppe wieder aus - und Lehrer Ben Bender hat als AG-Leiter gleich sein erstes Thema.

Er fragt: „Ist die Blindschleiche tatsächlich eine Schlange?“ Leonhard weiß die richtige Antwort: „Es ist eine Eidechse ohne Beine.“ So sind Schlangen während der Frühstückspause das große Thema. Leonhard hat im Burgwald schon einmal eine Kreuzotter gesehen, die zu den wenigen heimischen Giftschlangen zählt. Florian erzählt von Cobras und Leon blättert in seinem Bestimmungsbuch. Da sind leider keine Schlangen drin.

Der von der jahrgangsübergreifenden AG genutzte „Kinderwald“ liegt eine halbe Stunde Fußweg vom Schulhaus entfernt auf einer Waldkuppe. Nur ein Trampelpfad führt auf den Platz, zu dessen Inventar ein offener Holzverschlag, ein kleines Brennholz-Lager, eine Feuerstelle und ein paar Baumstämme als Sitzgelegenheiten gehören. Naturnäher geht es nicht, zumal der „Kinderwald“ - so ein Zugeständnis der Gemeinde und von Hessen-Forst - nicht mehr bewirtschaftet wird.

Und in dieser Umgebung haben die jungen Wald-Forscher schon eine Menge über den Wald und dessen Bewohner gelernt. „Ich habe gelernt, dass man den Bäumen beim Wachsen zuhören kann“, sagt Leon, und Ben Bender präzisiert, dass sich mit dem Stethoskop tatsächlich das Aufsteigen der Baumsäfte hören lässt.Joelle weiß nun, dass man Bäumen keine Äste abreißen darf, weil das diesen Schmerzen bereitet. Florian nennt weitere erlernte Fertigkeiten: Wie baue ich ein Stockhaus? Wie lassen sich mehrere Vögel an ihrem Gesang unterscheiden?

Das Hören, so sagt Ben Bender, wird zentrales Thema an diesem Tag sein. Zur Einstimmung sollen die Kinder eine Minute lang schweigen und von ihren Wahrnehmungen berichten.

Die Ergebnisse sind bemerkenswert. „Zwei Falken prügeln sich“, sagt einer. Leon hat sechs Vögel gehört und einen Rotmilan gehört und gesehen. „Ich habe fünf Vögel gehört“, berichtet Nicole, während Rafael zwei Vögel und ein Eichhörnchen gesichtet hat.

Eine kleine Sensation am Himmel

Leonhard ist das aggressive Verhalten zweier Rotmilane und das plötzliche Aufsteigen eines Raben aufgefallen. „Vielleicht haben die Milane miteinander gestritten oder sie planen einen Angriff auf das Rabennest“, mutmaßt er.

Ben Bender ist die kleine Sensation am Himmel - „das habe ich so noch nie zuvor gesehen“ - nicht entgangen. Und er kann sich vorstellen, dass die Milane tatsächlich das Rabennest ausrauben wollen. Das bringt ihm zu dem folgenden Spiel mit dem martialischen Namen „Jäger und Beute“. Das Spiel soll den Kindern helfen, sich in die Rolle von jagenden Tieren und Beutetieren zu versetzen. Nicole ist der Jäger - ein Fuchs. Ihr werden die Augen verbunden. Ihre Schulkameraden sind die Beutetiere wie Maus, Feldhase oder ein junges Reh. Sie werden mit unterschiedlichen Glöckchen gekennzeichnet. Ohne die Fähigkeit zum räumlichen Hören ist der Jäger chancenlos.

Der Duck-Call ruft zur Heimkehr

Danach ist Waldfreizeit. Die Kinder dürfen sich in einem bestimmten Waldstück frei bewegen, auf eigene Faust die Natur erforschen und nachschauen, wie sich ihr persönlicher Lieblingsbaum seit dem letzten Besuch verändert hat. Bis der Duck-Call erklingt. Ben Benders Entenruf ersetzt in der Kinderwaldschule die Schulglocke, ist das Signal zur gemeinsamen Heimkehr.

Seit 2004 gibt es in Wohra die Wald-AG, die auch Kinderwaldschule genannt wird. Sie gehört zu den zahlreichen außerschulischen Lernorten der Grundschule und will die Kinder anregen, selbst die Natur für sich zu entdecken, diese zu achten und zu schützen.

von Matthias Mayer

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