Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 3 ° Regenschauer

Navigation:
Ein Kilometer Hecke ersetzt 2900 Liter Heizöl

Pilotprojekt Ein Kilometer Hecke ersetzt 2900 Liter Heizöl

Wer in Momberg über Feldwege geht und feststellt, dass Hecken in ungewohnter Weise daherkommen, muss sich nicht wundern: Das Dorf hat sich für ein Pilotprojekt zur Verfügung gestellt.

Voriger Artikel
Das Kulturspektakel 2015 ist gesichert
Nächster Artikel
Amöneburg grüßt mit Musik

30 Meter Hecke werden auf Stock gesetzt, die nächsten 30 Meter unberührt gelassen. Beim Workshop zum Thema informierten sich die Teilnehmer auch vor Ort über die neue Art des Heckenschnitts.Foto: Florian Lerchbacher

Momberg. 30 Meter lang kommen die Hecken in voller Pracht daher, dafür sind die nächsten 30 Meter „auf Stock“ gesetzt, also auf 60 Zentimeter zusammengekürzt. Und so wechseln sich die Abschnitte ab.

Bisher sieht es so nur an Mombergs Feldwegen aus, denn das Dorf ist ein Musterbeispiel im Landkreis. Die „Bioenergie-Region Mittelhessen“ und der Kreis wollen den Heckenschnitt revolutionieren - zum einen, um Pflanzen und Tieren einen Gefallen zu tun, zum anderen, um die regionalen Ressourcen auszuschöpfen, denn das Schnittgut eignet sich hervorragend als „Futter“ für die Öfen von Bioenergiedörfern, wie Dr. Norbert Clement, der Fachdienstleiter Ländlicher Raum und Verbraucherschutz betont.

Die Rede ist nicht von Hecken, wie sie Bürger als Sichtschutz im Vorgarten haben, sondern von Landschaftshecken, ergänzt Peter Momper von der Bioenergie-Region Mittelhessen. Im Vogelsbergkreis, der ebenfalls an dem Projekt teilnimmt, gebe es zum Beispiel mehr als 15000 Kilometer Landschaftshecken. Das Potenzial sei also enorm, sagt er und betont: „Noch dazu sind viele Hecken überaltert, eine Pflege ist aus naturschutzfachlicher Sicht dringend nötig - aber aufwändig.“

Eine Fachfirma übernimmt die Pflege und kürzt die Hecken abschnittsweise mithilfe eines Fällbaggers. Der Schnitt wird gehäkselt und dann zur Wärmegewinnung genutzt. Ein Kilometer Heckenschnitt kann - je nach Qualität - bis zu 2900 Liter Heizöl ersetzen und somit genug Wärme für einen Durchschnittshaushalt erzeugen. Allerdings kann jeder Abschnitt, im Wechsel mit den Nachbarabschnitten, nur alle zehn Jahre beschnitten werden.

Methode klingt nur radikal

Was nach einer radikalen Methode klingt, bedarf natürlich einiges an Vorarbeit - denn der Fällbagger fährt nicht einfach an die Hecken heran und kürzt sie auf Gedeih und Verderb. Nein, zuvor müssen die Gebiete natürlich genauestens unter die Lupe genommen werden.

Für das Pilotprojekt nahmen zum Beispiel Mitarbeiter des Fachbereichs Geographie der Uni Marburg verschiedene Regionen unter die Lupe. Die Stadt Neustadt habe Interesse bekundet und sei auch von der Landschaftsstruktur repräsentativ für den Kreis, berichtete Diplom-Geograph Tim Roesler während der Vorstellung des Projektes in Momberg. Dann sei allerdings nicht jede Hecke geeignet: Entsprechend seien einen Begehung und eine Kartierung der Hecken notwendig. Unter anderem müssten dabei Höhe und Breite, der Strauch-/Baumanteil, die Artenzusammensetzung, der Stammdurchmesser und vieles mehr erfasst werden.

Mit im Boot waren zudem die Uni Gießen und der Nabu, die sich mit den Marburgern zusammentaten und Vegetation und Vogelpopulation zu analysieren. Den Hecken fehle Licht, stellte Anna-Lena Dietz als Repräsentantin der Gruppe heraus und betonte: Das „Auf-den-Stock-setzen“ der Hecken verschaffe Abhilfe, da so auch „lichtliebende Arten“ gefördert würden. Der Heckenschnitt erhöhe die Diversität, also die Vielfalt - und trage zum Erhalt der Hecken bei.

Die Studenten und ein Ornithologe nahmen aber auch die Vogelwelt in den Hecken in Augenschein: 25 Arten leben in den Momberger Hecken. Die meisten fänden auch nach dem Beschneiden der Hecken geeignete Habitate - eine Ausnahmen bildeten Kernbeißer und Misteldrossel, die allerdings auf den Wald ausweichen könnten.

Doch damit nicht genug der Vorarbeiten: Die Umwelt- und Naturschutzgruppe und die Untere Naturschutzbehörde nahmen die Hecken ebenfalls unter die Lupe, legten ein Konzept fest und entschieden, welche Bäume und Sträucher nicht beschnitten werden dürfen. Diese wurden dann markiert und bei der Arbeit mit dem Fällbagger außen vor gelassen.

Ob die Kommunen sich für diese Art des Heckenschnitts entscheiden, bleibt ihnen überlassen, da sie auch die Kosten tragen, fasst Clement zusammen und stellt heraus: Der Kreis fungiere an dieser Stelle nur als Organisator.

von Florian Lerchbacher

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Ostkreis
Von Redakteur Florian Lerchbacher

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr