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Ein Kampf gegen die Uhr

„Unser Dorf hat Zukunft“ Ein Kampf gegen die Uhr

Am Anfang stehen Kreativität, Tatkraft und innovatives Denken. Wer aber beim Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ bestehen will, muss letztlich auch eine logistische Meisterleistung vollbringen.

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An markanten Orten im Dorf, wie hier am Dorfbrunnen, halten Referenten Kurzvorträge zu den Wettbewerbsthemen. Die Stoppuhren laufen derweil unbarmherzig weiter.

Quelle: Matthias Mayer

Großseelheim. Damit diese in Großseelheim am kommenden Donnerstag beim Besuch der Wettbewerbsjury für den Landesentscheid gelingt, überlassen die 30 Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft nichts dem Zufall. Am diesen Freitag gibt es eine Generalprobe.

In Echtzeit wird das komplette Programm von der Begrüßung und der Präsentation der Themenposter im Bürgerhaus über den Dorfrundgang bis hin zum Abschlussgespräch im Werkhof simuliert. Das alles muss in zwei Stunden erledigt sein, denn die Jury kommt am Donnerstag um 9 Uhr an und verlässt Großseelheim um 11 Uhr. Die OP besuchte eine erste Ablaufprobe.

20 Störche an der renaturierten Würft

„Außendienstler“ Jürgen Wenz bringt schlechte Nachrichten mit ins Bürgerhaus. „Wir haben 45 Minuten statt 30 Minuten gebraucht“, berichtet er von seiner gemeinsamen Autofahrt mit Christian Spitzner durch die Feldgemarkung. Sie haben soeben virtuell zwei Jurymitgliedern Flora und Fauna in und rund um Großseelheim nähergebracht.

„An der renaturierten Würft haben wir 20 Störche gesehen und gleich festgeklebt, damit sie am Donnerstag noch da sind“, scherzt Jürgen Wenz. Das Duo will seine Kurzvorträge schon während der Fahrt halten, um die Standzeiten an den Zwischenstopps zu reduzieren.

Die Zeit läuft. Brigitte Wenz trägt ein selbstgeschriebenes Mundart-Gedicht vor, was am Donnerstag neun Trachtenkinder übernehmen werden. Ortsvorsteher Helmut Hofmann begrüßt die noch abwesende Jury und die Ehrengäste und gibt einen Überblick über zwei der zehn Poster, die die Großseelheimer zu den Wettbewerbsinhalten gestaltet haben. Die Zeit läuft ihm davon. „Sie haben für das zweite Plakat nur noch 30 Sekunden“, sagt Margot Schneider vom Fachbereich Ländlicher Raum der Kreisverwaltung. „Schaff‘ ich“, gibt Helmut Hofmann zurück und drückt aufs Gaspedal, um dann doch seine Deadline zu verpassen.

Aber dann legt Evelyn Leukel los, reportiert flott über das Leben im Dorf und über das bürgerschaftliche Engagement. „Perfekt, zwei Minuten eingespart“, lobt Margot Schneider. In der Runde gehen die Daumen hoch. Von wegen, eine Frau ein Wörterbuch. . .

Die Wegezeiten sind zu knapp kalkuliert

Margot Schneider wacht nicht nur über den Zeitplan. Die ausgewiesene Wettbewerbsfachfrau gibt auch einige diskrete Hinweise: Diesen Punkt stärker betonen, jenen erst vor Ort ausführlich vorstellen. Die Anregungen werden dankbar aufgenommen.

Nachdem Horst Barthel Initiativen aus dem Ort wie die Streuobstwiese und den Adventsmarkt vorgestellt, Architekt Christian Spitzner von den 40 Kulturdenkmälern im Ort und von der beispielhaften neuen Nutzung der großen Höfe berichtet und Jürgen Wenz die Themen Dorf in der Landschaft, Grüngestaltung, Ökologie und Naturschutz erörtert hat, verlässt die große Gruppe mit einem Zeitpolster von zweieinhalb Minuten das Bürgerhaus.

Dieses schmilzt jedoch unterwegs von Meter zu Meter dahin. Die Wegezeiten sind offenbar zu knapp kalkuliert. Als Christian Spitzner an der Grundschule die Tafeln und Schilder des neuen Geschichts- und Kulturpfades vorstellt, bekommt er das Signal, diesen im Gehen fortzusetzen. Auch Helmut Knäpper ereilt dieses Schicksal. Er steht neben den Sportstätten der Schule und stellt das sportliche Vereinsleben im Ort vor, bis der Ruf erschallt: „Wir haben nur noch 15 Sekunden bis zum Kindergarten.“ Als Heinz-Wilhelm Leinweber am Kindergarten die Großseelheimer Biogasanlage und das dazugehörige Nahwärmenetz vorstellt, sind die Protagonisten bereits wieder im Zeitplan.

Einwohnerzahl hat 2000er-Marke geknackt

Ob dies am Donnerstag zwischen 9 und 11 Uhr auch gelingt, können die Großseelheimer live verfolgen. Sie sind herzlich eingeladen, die Präsentation im kleinen Saal des Bürgerhauses und den anschließenden Rundgang zu begleiten. Je mehr kommen, um so besser, denn die Zahl der interessierten Bürger ist auch ein Gradmesser dafür, wie stark der Rückhalt für die Wettbewerbsteilnahme im Dorf verankert ist. Eine Orientierungsgröße:

Als der spätere Bundessieger Mengsberg den Landessieg errang, war ein Drittel der Bevölkerung dabei – vom Säugling bis zum Greis. Übertragen auf Großseelheim müssten am Donnerstag knapp 700 Leute auf der Straße sein.

Eigentlich hätten sich die Großseelheimer vor der Wettbewerbsteilnahme keine großen Gedanken machen müssen, die Zukunftsfähigkeit ihres Dorfes ist fest implementiert. Der größte Kirchhainer Stadtteil beeindruckt mit einer stetig wachsenen Einwohnerzahl, die inzwischen die 2000er-Marke geknackt hat. Und es herrscht weiter eine rege Bautätigkeit.

Dazu kommen 380 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze im Ort. Eine Vielzahl unterschiedlichster Unternehmen, eine komplette Infrastruktur von der Apotheke bis zum Zahnarzt, von der Tankstelle bis zu Feinkost- und Bio-Läden sowie das große bürgerschaftliche Engagement sprechen für eine andauernde Prosperität am Rande des Marburger Speckgürtels.

Großseelheim wird zum Freiluftmuseum

Gleichwohl haben sich die Großseelheimer speziell für den Landesentscheid zwei neue Projekte einfallen lassen. Auf einer Brache im Ort, die einst Standort einer Stellmacher-Werkstatt war, legten sie unterhalb der Kirche ein Luther-Gärtchen an – eine Reverenz an das große Luther-Jahr 2017, in dem 500 Jahre Reformation gefeiert werden. Das mit einheimischen Pflanzen und natürlich auch mit einem Apfelbäumchen bestückte Gärtchen ist inzwischen zu einem beliebten Treffpunkt für alle Generationen geworden.

Das zweite Projekt ist der neue Geschichts- und Kulturpfad, der das 1236 Jahre alte Großseelheim in ein Freiluft-Heimatmuseum verwandelt, das auf aufwändig gestalteten Tafeln und Schildern die Geschichte des Orts von den Anfängen bis in die Gegenwart erzählt. Die Schilder und Tafel werden am Wochenende an 14 Standorten im Ort aufgestellt und weisen auf 169 Besonderheiten in und um Großseelheim hin.

Wer sich nicht nur an den Standorten der Tafeln, sondern auch unterwegs orientieren möchte, findet die 14 Tafeln zum Ausdrucken auf der Großseelheimer Homepage: www.grossseelheim.de.

von Matthias Mayer

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