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Ein Großstadtleben kam nie in Frage

Serie "50 mit 50" Ein Großstadtleben kam nie in Frage

Sie waren immer viele - die Männer und Frauen, die im Babyboomer-Jahr 1964 zur Welt kamen und damit zum geburtenstärksten Jahrgang der deutschen Geschichte gehören. Gerold Vincon ist einer von ihnen.

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„Hier gehöre ich hin“: Gerold Vincon lebt in und für Kirchhain. Der 50-Jährige ist nicht nur in der Ohmstadt geboren und aufgewachsen, er arbeitet auch für die Stadt und ihre Menschen: als stellvertretender Leiter des Bauamtes und als ehrenamtlicher Feuerwehrmann. Foto: Tobias Hirsch

Quelle: Tobias Hirsch

Kirchhain. Gerold Vincon war irgendwie immer einer der ersten: im Kindergarten, in der Grundschule, im Beruf. Wirklich wahrgenommen hat er das nicht so recht. „Komisch, ist mir noch nie aufgefallen“, sagt er und rückt kurz die Brille zurecht.

Auch jetzt ist er wieder einer der ersten. Ungewollt, unbewusst. Im März feierte der stellvertretende Bauamtsleiter aus Kirchhain seinen 50. Geburtstag - als erster aus seinem Freundes- und Bekanntenkreis, wie er betont. Von den zehn Mitarbeitern der Kirchhainer Stadtverwaltung, die in diesem Jahr 50 Jahre alt werden, ist er auch der Erste gewesen.

Gerold Vincon wurde in Kirchhain geboren, und aufgewachsen ist er dort auch. Er kennt die Stadt und in der Stadt kennt man ihn. „Das gefällt mir hier so. Deshalb hat es mich nie in eine Großstadt gezogen“, sagt er.

Zu Fuß in den Kindergarten

Und weil er sein Leben bisher dort verbracht hat, kann er auch vom dortigen Leben berichten: Mit drei Jahren kam er in den Kindergarten. „Ich gehörte zu den ersten Kindern, die in den Kindergarten Auf der Röthe gingen“, erinnert er sich.

Der war damals frisch gebaut worden, vermutlich um dem ständig steigenden Bedarf gerecht zu werden - schließlich waren gerade im Jahr 1964 in Deutschland so viele Kinder zur Welt gekommen wie nie zuvor - und niemals wieder.

„Wir sind aus der Nachbarschaft immer gemeinsam in den Kindergarten gelaufen, mit dem Auto gebracht wurde damals keiner“, berichtet Vincon.

Nach drei Jahren Kindergarten ging es in die Grundschule: „Das erste Schuljahr hat unsere Klasse noch in einem Keller in der Gesamtschule verbracht, dann sind wir in die neu gebauten Räume an der Dresdener Straße umgezogen.“

Und so zählte Vincon mit seinen Schulkameraden auch zu den ersten Schülern der Grundschule Kirchhain, die bis zum 31. Juli 1974 noch als Grundstufe zur Kirchhainer Gesamtschule gehörte. Schulleiter wurde Rektor Werner Jörg.

„In der Schule waren wir immer viele“, sagt Vincon - egal wann und in welcher Schulform.

Auf die Grundschulzeit folgt für den heute 50-Jährigen die Gesamtschule auf dem Realzweig. „Es gab, glaube ich, fünf Klassen mit jeweils rund 30 Schülern“, beschreibt der Kirchhainer die Situation. Gymnasium und Hauptschulzweig hätten ähnlich viele Jungen und Mädchen unterzubringen versucht.

Extra Pavillions auf dem Schulhof

Weil der Platz nicht ausreichte, wurden - so erinnert sich Vincon - Pavillons auf dem Schulhof aufgebaut. „Ein brauner auf dem unteren Schulhof, der heute noch steht, blaue auf dem oberen Schulhof, die später wieder abgebaut wurden.“ Dass jemals ein Klassenkamerad nicht mitkam, daran kann sich der Kirchhainer nicht mehr entsinnen: „Die Lehrer haben schon sehr darauf geachtet, dass keiner auf der Strecke bleibt.“

Nach dem Schulabschluss beginnt Gerold Vincon eine Lehre bei der Kirchhainer Stadtverwaltung. Der Beruf des Verwaltungsfachangestellten war gerade neu benannt worden. „Wir waren der erste Jahrgang, mit dem ,fach‘ im Titel“, berichtet der Kirchhainer, der damals insgesamt vier Bewerbungen um eine Lehrstelle geschrieben hatte.

An der Kasse im Freibad

Besonderheiten während der Ausbildung? „Ja, die gab es. Ich musste im Sommer im Freibad mit Kasse machen, weil die Schlange der Leute, die schwimmen gehen wollten, bis an die ersten Häuser heranreichte“, erzählt er. Damals habe es noch zwei Kassenhäuschen und zwei bis drei Bademeister gegeben. Das Kirchhainer Freibad war ein Besuchermagnet. Und schon für das Kind Vincon ein Höhepunkt des Sommers.

Nach der Lehre drückt Vincon noch einmal die Schulbank in der Fachoberschule. Es folgt ein Studium an der Verwaltungsfachschule in Wiesbaden, bevor er wieder an den Schreibtisch im Kirchhainer Rathaus zurückkehrt - fast 30 Jahre ist das nun her. Zwei Kinder hat Vincon in dieser Zeit mit seiner Frau bekommen.

„Vieles hat sich verändert: Das Wichtigste damals war, dass man ein Fahrrad hatte, um überall hinzukommen. Das Wichtigste heute ist das Handy, um alles mitzubekommen.

Und Sonntags wurde mit den Eltern spazieren gegangen - nicht Computer gespielt“, berichtet der engagierte Feuerwehrmann und rückt noch einmal die Brille zurecht: Es war anders früher, aber nicht schlecht - auch nicht als einer der ersten.

von Katharina Kaufmann

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Von Redakteur Katharina Kaufmann

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