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Ein Charakterkopf macht Schluss

Politik Ein Charakterkopf macht Schluss

Mehr als 20 Jahre engagierte sich Herbert Fischer in der Kommunalpolitik. Rund sieben Monate saß der Mann der klaren Worte dabei sogar im Chefsessel des Rathauses und führte die Stadt.

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Die Treppe zum Burg-Café erstrahlt nach Jahren des Rangelns um das Projekt seit 2014 in neuem Glanze. „Ich hätte als Ortsvorsteher so lange weitergemacht und den Bürgermeister genervt, bis die Treppe renoviert ist“, sagt Herbert Fischer.

Quelle: Florian Lerchbacher

Amöneburg. „Es war eine tolle Zeit, eine ausgefüllte Zeit, in der ich viel, sehr viel gelernt habe“, sagt Herbert Fischer mit Blick auf die vergangenen fast 24 Jahre. Vor allem in den vergangenen zehn Jahren als Ortsvorsteher drückte er gemeinsam mit seinen Mitstreitern vom Ortsbeirat der Kernstadt Amöneburgs seinen Stempel auf. Überregionale Bekanntheit erlangte er jedoch vornehmlich zwischen März und September 2005, als er vom Ersten Stadtrat zum kommissarischen Rathauschef aufstieg, nachdem die Stadtverordneten Bürgermeister Anders Arendt vom Hof gescheucht hatten.

Von 1993 bis 1997 war Fischer Stadtverordneter der CDU und Vorsitzender des Haupt- und Finanzausschusses. Nach vier Jahren als Stadtrat folgten weitere fünf Jahre als Erster Stadtrat, die auf dem Chefsessel endeten. Im Bürgermeisterwahlkampf kehrte Fischer seiner Fraktion dann den Rücken und liebäugelte damit, der Politik den Rücken zu kehren: „Ich hatte die Parteiklüngelei satt.“

"Das hat mich einfach umgehauen"

Zahlreiche Bürger nahmen daraufhin Kontakt zu ihm auf und baten ihn, sich im Ortsbeirat für das Wohl der Kernstadt einzusetzen. „Das hat mich einfach umgehauen.“ Zunächst machte er seinem Motto „Parteipolitik hat im Ortsbeirat nichts zu suchen“ alle Ehre und hob die Gemeinschaftsliste Amöneburg aus der Taufe, die bei der Wahl der CDU die Fersen zeigte und vier von fünf Plätzen belegte. Bei der Kommunalwahl 2011 wurde Fischer dann sogar mit rund 90 Prozent aller Stimmen als Ortsvorsteher im Amt bestätigt. Die Zutaten seines Erfolgsrezeptes: mit den Menschen reden, ihnen zuhören, Verbindungen nutzen und beharrlich seine Ziele verfolgen.

Dabei hatte er sich mit seiner streitbaren, aber stets offenen und ehrlichen Art nicht nur Freunde gemacht. Nach öffentlich geführten Streitgesprächen sei er von Bürgern auch einige Male angesprochen worden, ob das denn unbedingt notwendig gewesen sei. „Wenn man in der Politik etwas gestalten und etwas erreichen will, muss man auch die Bereitschaft mitbringen, Konflikte auszutragen“, kommentiert Fischer und gibt mit einem Augenzwinkern zu: „Mancher Streit war zwar nicht nötig - aber so bekam das Thema, für das ich mich einsetzte, wenigstens Aufmerksamkeit.“ Und auch er habe sich an einige Personen und ihre Art erst gewöhnen - legendär sind seine Auseinandersetzungen mit Bürgermeister Michael Richter-Plettenberg - und eine angepasste Streitkultur entwickeln müssen: „Die ich bei meinen Gegenübern in den verschiedensten Bereichen leider manchmal vermisst habe.“

Motto: Nicht locker lassen, bis das Ziel erreicht ist

„Man muss streiten können, gleichzeitig beharrlich sein und viel Geduld haben“, weiß der 66-Jährige. Ein hervorragendes Beispiel dafür ist die Treppe zum Burg-Café, für deren Sanierung sich Fischer und der Ortsbeirat jahrelang einsetzten und nicht locker ließen. Es ging sogar so weit, dass das Gremium nur die Treppe für den Haushalt anmeldete. Sonst nichts.

Im Jahr 2014 zahlten sich die Bemühungen und die Geduld aus: Die Stadt setzte das Projekt um und ebnete quasi den Weg Fischers in die kommunalpolitische Rente. „Ich hätte als Ortsvorsteher so lange weitergemacht und den Bürgermeister genervt, bis die Treppe renoviert ist“, erinnert er sich. Dabei darf er sich noch weitere Erfolge auf die Fahne schreiben - oder, um Fischers Hinweis nachzukommen: Ortsbeirat und Ortsvorsteher dürfen sich die Erfolge auf die Fahnen schreiben. Beispiele sind der Fußweg gegenüber der Brücker Mühle, um den jahrelang gestritten worden war, oder auch der lange vermisste Sandtisch auf dem Marktplatz, bei dessen Suche sich der gelernte Polizist Fischer als hervorragender Ermittler hervortat.

Jetzt nachholen, was bisher zu kurz kam

„In dieser Zeit war alles enthalten, was das Leben so bereithält: Enttäuschungen, Glücksmomente, Herausforderungen“, sagt Fischer, der nun jedoch einen Schlussstrich zieht. Zum einen, weil er an einem Punkt aufhören wolle, an dem ihm sein Engagement als Ortsvorsteher noch Spaß macht. Zum anderen, weil sich sein Lebensmittelpunkt verändert habe - er ist inzwischen Großvater - und er das nachholen wolle, was in vielen Jahren oft zu kurz gekommen sei: beispielsweise mit der Familie etwas unternehmen, reisen und fotografieren. Und das, ohne Rücksicht auf Termine nehmen zu müssen.

Einige Pflichten warten aber immer noch auf Fischer, den das Kultusministerium zunächst für mehr als 20 Jahre als Elternvertreter auszeichnete, ehe das Land ihn für sein politisches Engagement mit dem Ehrenbrief auszeichnete: Zum einen ist er seit 2009 Vorsitzender der Amöneburger Vereinsgemeinschaft und seit 2010 „Kirmesmacher“. Zum anderen trainiert er eine von ihm gegründete Sportgruppe für Männer und ist als freier Berater und Dozent für den Hessischen Städte- und Gemeindebund in Sachen Hundeverordnung tätig.

von Florian Lerchbacher

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