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Ein Bürgermeister, der Spuren hinterlässt

Wechsel Ein Bürgermeister, der Spuren hinterlässt

Der kommende Montag ist für Kirchhain ein besonderer Tag. Während der Stadtverordnetenversammlung wird Bürgermeister Jochen Kirchner nach zwölf Jahren im Amt feierlich verabschiedet.

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Jochen Kirchner hatte als Bürgermeister fast immer einen Plan. Hier den für sein letztes Großprojekt, die Sanierung und Neugestaltung des Stadteingangs Süd. Fotos: Mayer

Kirchhain. Die öffentliche Sitzung im Bürgerhaus beginnt um 18 Uhr. Stadtverordnetenvorsteher Klaus Weber wird zunächst die sachpolitischen Themen der Tagesordnung aufrufen. Ab 19 Uhr beginnt der Festakt zur Verabschiedung des noch bis zum Sonntag, 31. Juli amtierenden Bürgermeisters Jochen Kirchner und zur Amtseinführung des neuen Bürgermeisters, der das Amt am 1. August übernimmt. Zu dem Festakt haben sich zahlreiche Ehrengäste angesagt, um die Leistungen des parteilosen Jochen Kirchner zu würdigen, und um Olaf Hausmann (SPD) viel Glück zu wünschen.

Jochen Kirchner wird weit über seine Amtszeit hinaus in Kirchhain präsent bleiben, denn der Neustädter hat in seiner Wahlheimat als äußerst erfolgreicher Bürgermeister Spuren hinterlassen. Sichtbare wie unsichtbare. Zu den Sichtbaren gehören die von ihm unerschrocken angefassten Großprojekte. Genannt seien hier nur die beiden zentralen Ankerprojekte für die Innenstadt-Entwicklung, das Ärztehaus und die Umgestaltung des Bahnhofsumfeldes, die Altstadtsanierung, die einem Neubau gleich kommende Kernsanierung des Baudenkmals Borngasse 29 für das Jukuz, die teilweise Umnutzung des Bürgerhauses für Wohnzwecke, die energetische Sanierung zahlreicher städtischer Gebäude wie Kitas, Bürgerhaus, Dorfgemeinschaftshäuser, Feuerwehrhäuser und schließlich auch die kaum noch für möglich gehaltene Erneuerung und modellhafte Umgestaltung des südlichen Stadteingangs Am Amöneburger Tor/Borngasse.

Auch ohne großes städtisches Geld in die Hand zu nehmen, wirkte der kunst- und feinsinnige Bürgermeister stilprägend für Kirchhain. Das Projekt „Kirchhain blüht“ verwandelt nicht nur schnöde Verkehrsinseln in Hingucker, sondern hat auch wegen des optischen und ökologischen Nutzens zahlreiche Nachahmer gefunden. Ziemlich einzigartig ist die Dichte von Kunst im öffentlichen Raum in Kirchhain. Künstler wie Henner Thielemann und Mäzene wie Ulrich Eitel haben das stetige Wachsen des Kirchhainer Skulpturenpfades ermöglicht. Jochen Kirchner beförderte die Präsenz von zum Teil hochrangigen Kunstwerken in der Stadt durch intensive Kontaktpflege und nicht zuletzt durch das Kirchhainer Bildhauer-Symposium.

Zu Jochen Kirchners unsichtbaren Spuren gehören die vielen Millionen verschlingenden Erneuerungen der Leitungsnetze in der Kernstadt und in den zwölf Stadtteilen. Ebenso wichtig ist die Implementierung eines neuen Denkens in der Stadt. Dieser Prozess galt zunächst der Stadtverwaltung, deren Mitarbeiter der Rathauschef ausdrücklich zur kritischen Begleitung von Entscheidungsprozessen aufforderte. Sein neues Denken half aber auch, den Kostendruck für die Stadt zu reduzieren. So bei der Übergabe der sanierten Dorfgemeinschaftshäuser in Burgholz, Himmelsberg und Schönbach an die Dorfgemeinschaften oder bei der Einführung des Ein-Euro-Modells für die Erschließung von Neubaugebieten. Viele kleine Bausteine dieser Art trugen zur Sanierung des Ergebnishaushaltes bei. Dreimal in Folge schaffte der Kämmerer im Zusammenspiel mit Verwaltung und Parlament den Haushaltsausgleich. Kirchhain wurde gemeinsam mit Kassel als erste Kommune aus dem Hessischen Schutzschirm-Programm entlassen. Das ist wohl Jochen Kirchners größte Leistung überhaupt - nicht sichtbar, aber spürbar.

Geschafft hat er das alles vielleicht auch, weil Jochen Kirchner der Gegenentwurf zum gängigen Politiker-Bild ist. Kein Machtmensch, sondern ein Sachwalter der Interessen seiner Stadt. Entsprechend war und ist ihm PR in eigener Sache wesensfremd. Das Festzelt war nie seine Bühne und aktive Pressearbeit für ihn ein Fremdwort. Manchmal musste der Bürgermeister der drittgrößten Stadt des Landkreises in dieser Beziehung zum Jagen getragen werden. Und er leistete sich mitunter während der oft hitzigen Debatten im Parlament - auch für einen neuzeitlichen Politiker völlig untypisch - Emotionen, machte aus seinem Herzen keine Mördergrube.

Getragen wurde der Bürgermeister von der KfK genannten Koalition aus CDU, Grünen und FDP. Die OP sprach mit seinen wichtigsten Weggefährten.

„Jochen Kirchner war ein Glücksfall für Kirchhain. Er war reich an Sachverstand und innerlich frei“, sagt der langjährige Stadtverordnetenvorsteher und neue Kirchhainer Ehrenbürger Willibald Preis (CDU). Die innerliche Freiheit des Neustädters sieht er als Schlüssel für dessen Erfolge. „Er war nicht in alte Scharmützel verstrickt, trug keine Altlasten, hatte den freien und unbefangenen Blick von außen auf die Dinge“, stellt der Himmelsberger fest. Den Wert dieser inneren Freiheit macht Willibald beispielhaft an zwei Punkten fest. Der Teilabriss des Kirchhainer Bürgerhauses und des alten EAM-Hofs seien geradezu revolutionäre Projekte gewesen, die altgediente Kirchhainer Stadtpolitiker nur schwer hätten umsetzen können, weil sie den Bürgerhaus-Bau und den Ankauf des EAM-Hofs noch mitgetragen hätten.

Willibald Preis bescheinigt dem Bürgermeister, vorausschauend gedacht und entschieden zu haben. So habe der Ankauf einer alten Lagerhalle und des Güterzentrums erst den Bau des neuen Busbahnhofs ermöglicht. „Wir können uns über das Ergebnis freuen“, sagt Willibald Preis, der die Bahnhofsumfeldgestaltung zusammen mit dem 13 Millionen Euro teuren Generalentwässerungsplan, dem Ärztehaus, den zahlreichen energetischen Sanierungen, dem Neubau der Krabbelstube, dem Abschluss der Altstadtsanierung, der Entwidmung der Erlenstraße für den Schulcampus der AWS, den neuen Stadteingang Süd und der Haushaltssanierung als größte Erfolge des Bürgermeisters ansieht.

Dietmar Menz fungierte in den vergangenen fünf Jahren als Erster Stadtrat und damit als stellvertretender Bürgermeister. Den Christdemokraten imponieren besonders zwei Dinge an Jochen Kirchner: „Die Art, wie er auf intelligente Weise den Haushalt zu sanieren wusste, ohne die Stadt kaputt zu sparen, und seine Fähigkeit, KfK zusammenzuhalten.“ Es habe innerhalb der Koalition viele Diskussionen um den richtigen Weg gegeben. Die Auseinandersetzungen seien mit Blick auf das gemeinsame Ziel stets unter der Decke gehalten worden.

„In den vergangenen zwölf Jahren ist in Kirchhain unheimlich viel passiert“, sagt Dietmar Menz mit Blick auf die vielen großen Bauprojekte. Besonders wichtig ist ihm, dass alle Bauvorhaben entweder kostengünstiger oder zumindest im Kostenrahmen verwirklicht wurden. „Das ist eine ganz große Leistung der Verwaltung und des Bürgermeisters“, erklärt der Kernstädter. Jochen Kirchner hat aus einer stark weisungsgebundenen Verwaltung eine kreative und eigenverantwortlich arbeitende Verwaltung mit eigenen Budgets gemacht“, sieht Dietmar Menz einen Schlüssel zu den Erfolgen des Bürgermeisters.

„Ich habe ihn als phantasievollen und durchsetzungsfähigen Bürgermeister mit verminderter Schmerzwahrnehmung kennengelernt“, sagt Uwe Pöppler über Jochen Kirchner. Als Beispiel für dessen Langmut nennt der CDU-Fraktionsvorsitzende den Langzeit-Konflikt um ein Großseelheimer Neubaugebiet und den Großseelheimer Schützenverein. Der Bürgermeister hätte die Sache viel früher zulasten des Vereins beenden können, stellt er fest.

Die gemeinsame Prämisse von Bürgermeister und KfK sei gewesen, das zu tun „was unter dem Gebot der Nachhaltigkeit richtig und wichtig für Kirchhain ist.“ Uwe Pöppler nennt dazu die auch rechtlich sehr komplizierte Teilung des Bürgerhauses, den von politischen Anfeindungen begleiteten Sparkurs unter dem Schutzschirm-Programm und die gegen anfänglichen Widerstand durchgesetzte Übertragung des sanierten Schönbacher Dorfgemeinschaftshauses an die Dorfgemeinschaft und ergänzt mit Blick auf die Wahlergebnisse im März: „Wir haben nie auf die nächsten Wahlen geschaut. Das politische Werben für uns kam zu kurz.“

Gleichwohl ist Uwe Pöppler mit der Bilanz des Bürgermeisters und der ihn tragenden Koalition sehr zufrieden: „Jochen Kirchners Arbeit war immer auf Sachlichkeit ausgerichtet. Es wurden in kurzer Zeit viele zukunftweisende Projekte umgesetzt. Und wenn es mal klemmte, landeten die Vorhaben nicht auf Halde, sondern wurden erneut auf die Tagesordnung gesetzt.“

„Jochen Kirchner versteht es, ideologiefrei unterschiedliche Sachverhalte unter einen Hut zu bringen, neue Ideen zu entwickeln, die Ökologie und Ökonomie zusammenzubringen. Rechnerisch ist Kirchhain heute energieautark. Das ist auch ein Verdienst des Bürgermeisters“, urteilt Reiner Nau. Der Fraktionsvorsitzende von Bündis 90/Die Grünen nennt dafür Kirchners Engagement für den zwischen Burgholz und Emsdorf gelegenen Windpark, die Aktion Kirchhain blüht und die konsequente energetische Sanierung der städtischen Gebäude. „Er ist mit seiner Erfahrung als Berater öffentlicher Verwaltungen mutig auch an die bekannten Großprojekte gegangen. Er hat Ideen in die Koalition eingebracht, für die ich keine Umsetzungschance gesehen habe. Er war einfach mutig und hatte ein gutes Händchen“, sagt Reiner Nau.

„Er ist ein emotionaler Mensch, der Erfolge nicht herausstellt. Repräsentative Aufgaben sind nicht sein Ding“, schildert der Grüne ein Wesensmerkmal des Bürgermeisters. Diesem bescheinigte er, sich nach dem traumatischen Start - Jochen Kirchners erste Wahl sollte aus unhaltbaren Gründen angefochten werden, eine vernünftige Übergabe fand nicht statt - trotzdem sehr schnell in die Thematik eingearbeitet zu haben. „Er hat die Fachkompetenz der Verwaltung genutzt, die Mitarbeiter einbezogen. Zugleich war er immer in der Lage, den politischen Gremien auch ohne die Verwaltung über aktuelle Vorgänge Auskunft zu geben.“

„Wir sind Freunde und unsere Freundschaft hat schon während seines ersten Bürgermeister-Wahlkampfs begonnen, als die FDP dem Stadtparlament noch nicht angehörte“, bekennt Angelika Aschenbrenner. Für die in Anzefahr beheimatete FDP-Fraktionsvorsitzende ist Jochen Kirchner „fair, transparent und menschlich“. Entsprechend traurig sei sie über den Verzicht des Bürgermeisters auf eine dritte Kandidatur gewesen. „Ich bin überzeugt, dass er noch mehr bewegt und die Bürgermeisterwahl mit 70 bis 80 Prozent gewonnen hätte“, sagt sie.

Ihre Prognose stützt die Liberale auf die Außenwirkung des Bürgermeisters und dessen Kompetenzen: „Ein Strahlemann, wenn er durch die Stadt geht; ansprechbar für jeden Bürger. Und ein Meister der politischen Kreativität. Auch ohne Parteibuch gelang es ihm in Wiesbaden immer wieder, Fördertöpfe anzuzapfen“, lobt Angelika Aschenbrenner, die die Sanierung der Stadtfinanzen als Jochen Kirchners größte Leistung ansieht - neben der Umsetzung der bekannten Großprojekte.

von Matthias Mayer

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