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„Ein Arschtritt zur rechten Zeit“

Drogen-Episode nach Job-Verlust „Ein Arschtritt zur rechten Zeit“

Die Polizei musste nicht lange suchen, als sie im April vergangenen Jahres die Wohnung eines Rauschenbergers inspizierte. Die Drogen lagen offen auf der Glasplatte unter einem Wohnzimmertisch.

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Mit einem 50-Euro-Geldschein wird ein weißes Pulver, das Kokain imitieren soll, symbolisch konsumiert. Beim Angeklagten wurde unter anderem Kokain gefunden.

Quelle: David Ebener

Rauschenberg. Und damit in Griffweite eines heute 28-Jährigen, dessen Lebensraum sich zur Tatzeit auf die Couch beschränkte. Dort verbrachte er, so seine Aussage gestern vor dem Marburger Schöffengericht, seine Tage – zwischen Playstation, Fernsehgucken und Drogen – begleitet von depressiven Schüben, Selbstaufgabe, persönlicher Verwahrlosung und völliger Abkapselung von seinen Mitmenschen. Selbst die weinend vor ihm stehende Mutter erreichte ihren Sohn nicht mehr.

Die Polizei fand bei ihm Amphetamin mit einem Wirkstoffgehalt von 7,15 Gramm, Kokain mit einem Wirkstoffgehalt von 1,52 Gramm sowie 1,29 Gramm Marihuana. Daraus ergab sich das erste von zwei großen Problemen des Angeklagten: In der Addition ergaben die Wirkstoffgehalte eine Überschreitung der juristische bedeutsamen Grenze zu „nicht geringen Mengen“ um ganze 1,7 Prozent. Somit wurde aus dem Vergehen unerlaubter Besitz von Betäubungsmitteln das Verbrechen unerlaubter Besitz von Betäubungsmitteln in nicht geringen Mengen – mit einer Strafandrohung zwischen einem und 15 Jahren Gefängnis. Das zweite Problem: Der Rauschenberger steht unter Bewährung. 2013 wurde er in Marburg wegen gefährlicher Körperverletzung und Freiheitsberaubung zur einen Freiheitsstrafe verurteilt, die das Gericht auf drei Jahre zur Bewährung aussetzte.

Dem Gericht um den Vorsitzenden Richter Dominik Best schilderte der Angeklagte Ursache und Verlauf seines Absturzes. Er habe in seinem erlernten Traumberuf eine Anstellung bekommen. Nach fünf Monaten sei er durch einen schweren Arbeitsunfall für fünf Wochen außer Gefecht gesetzt worden. „Dann habe ich wieder gearbeitet – und nach zwei Tagen die Kündigung erhalten“, sagte er.

Angeklagter empfand Kündigung als Niederlage

Der Angeklagte empfand die Kündigung als persönliche Niederlage. Er habe sich und seiner Familie beweisen wollen, dass er in seinem Traumberuf bestehen könne. „Ich fiel in ein tiefes Loch, ließ niemanden mehr an mich ran und hab‘ mich mit Drogen betäubt“, erklärte der 28-Jährige. Den unerwarteten Besuch der Polizei wertete er als „Arschtritt zur rechten Zeit“.

Mit großer Unterstützung seines Hausarztes und seiner Familie habe er seine Drogen-Episode beenden können. „Ich war so, wie die Menschen, die ich zuvor verachtet hatte“, bekannte der Angeklagte, der heute wieder einen Job als Produktionsarbeiter hat.

Seine Bewährungshelferin bestätige die Aussagen ihres Klienten zu dessen Lebenskrise. Anfangs sei die Zusammenarbeit mit dem Angeklagten toll gewesen. „Mit der Kündigung gab es einen Knick. Er war nur schlecht zu erreichen, bei den Gesprächen im Büro nur noch körperlich anwesend, berichtete von Depressionen und Drogengeschichten und wirkte im Vergleich zu früher ungepflegt“, sagte die Bewährungshelferin. Heute laufe es wieder gut mit ihm. Er sei zuverlässig, lasse keine Drogenproblematik erkennen und zeige einen ungewöhnlich hohen Respekt vor dem Gericht und vor der Verhandlung.

Urteil ist bereits rechtskräftig

Das Häufchen auf der Wohlwollenswaage von Gericht und Oberamtsanwalt Jürgen Noll, der die Anklage vertrat, wuchs kontinuierlich an – auch als der Angeklagte erzählte, wie er zu Hause den kalten Entzug schaffte, begleitet von Krämpfen und schlaflosen Nächten, seine Bereitschaft bekundete, auf ärztliches Anraten eine Therapie zu machen und seine beruflichen Ziele offenlegte.

„Es ist kein übermäßiges hartes Urteil. Aber das liegt auch an Ihnen und Ihrem Verhalten“, wird Dominik Best zum Schluss der Hauptverhandlung sagen, als das Urteil bereits rechtskräftig ist. Das kann der Angeklagte als Kompliment verstehen, der wenig später auf dem Flur mit Tränen in den Augen seine ­Angehörigen umarmt.

Das Gericht verurteilte ihn zu einer Freiheitsstrafe von neun Monaten, die es auf vier Jahre zur Bewährung aussetzte. Bewährungsauflagen: 1500 Euro Geldstrafe, Betreuung durch die Bewährungshilfe, die nach eigenem Ermessen bis zu dreimal pro Jahr ein Drogenscreening vom Angeklagten anfordern kann. Das Gericht sah, wie auch Verteidiger Gunther Specht, einen minderschweren Fall. „Die mildernden Umstände überwiegen eindeutig“, sagte der Vorsitzende.

Die Verteidigung hatte eine sechsmonatige Freiheitsstrafe auf Bewährung und 1000 Euro Geldstrafe, die Anklage ein Jahr Freiheitsstrafe, 3000 Euro Geldstrafe und verschiedene Bewährungsauflagen gefordert.

von Matthias Mayer

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