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Ein Angeklagter macht reinen Tisch

Schwerer raub Ein Angeklagter macht reinen Tisch

Für zwei Jahre und sechs Monate schickte gestern das Marburger Jugendschöffengericht einen knapp 22-Jährigen Stadtallendorfer in eine Jugendstrafanstalt. Füreinen Ersttäter ist das ein ungewöhnlich hohes Strafmaß.

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Der Tatort: Auf diese Kirchhainer Spielothek verübte der Angeklagte einen Raubüberfall. Ein zweiter Raubzug scheiterte an der wegen Schichtwechsel verschlossenen Tür. Foto: Matthias Mayer

Kirchhain. Allerdings hatte der junge Mann seine kriminelle Karriere auch gleich ziemlich weit oben begonnen. Das unter Vorsitz von Richter Thomas Rohner tagende Gericht verurteilte ihn wegen schweren Raubes, versuchten schweren Raubes und wegen Vortäuschung einer Straftat verbunden mit Diebstahl mit Waffen. Für erwachsene Straftäter, die bei einem schweren Raub eine Waffe mit sich führen, sieht das Strafgesetzbuch eine Mindestfreiheitsstrafe von fünf Jahren vor. Auf Anregung der Jugendgerichtshilfe wandte das Gericht für den zur Tatzeit 20,6 Jahre alten Angeklagten Jugendrecht an.

Fingierter Raubüberfall, Überfall auf Spielothek und mehr

Mit der Beweisaufnahme musste sich das Gericht nicht lange aufhalten. Der Angeklagte zeigte sich vollumfänglich geständig und ließ seinen Verteidiger Peter Thiel gleich zu Beginn mitteilen, dass die von Staatsanwalt Christian Laubach verlesenen Anklagepunkte so richtig sind. Danach hat der Angeklagte diese Taten begangen:

  • 12. Januar 2012: Der Angeklagte überfällt mit zwei Mittätern eine Spielothek in Kirchhain. Er selbst geht in die Spielhalle und bedroht die Aufsicht mit einer Schreckschusspistole. Die Kassiererin händigt ihm 370 Euro aus. Draußen steht ein Komplize Schmiere, ein Dritter sitzt im Fluchtauto. Die Beute wird aufgeteilt.
  • 5. Februar 2012: Weil‘s beim ersten Mal so gut geklappt hat, schlägt das Trio mit gleicher Aufgabenverteilung an der Kirchhainer Spielothek erneut zu. Der Versuch scheitert, weil die Tür gerade wegen Schichtwechsels verschlossen ist.
  • 4. Februar 2011: Mit anderen Mittätern beteiligt sich der Stadtallendorfer an einem fingierten Raubüberfall auf eine Spielothek in Wetter. Der Kassierer dieses Casinos gehört zu den Tätern und will sich zum Schein ausrauben lassen. Der Angeklagte führt erneut die „Tat“ mit einer Schreckschusspistole aus. Die Beute - 2556 Euro - wird aufgeteilt. Als einzige Zeugin war die Aufseherin aus der Kirchhainer Spielothek geladen. Sie berichtete von schwerwiegenden Tatfolgen. Auch fast eineinhalb Jahre nach der Tat leide sie unter Alpträumen und Angstzuständen.

Trotz eines sechswöchigen Aufenthalts in einer psychosomatischen Klinik sei sie noch immer arbeitsunfähig.„Du siehst mich jetzt ohne Maske, ich hoffe, Du hast jetzt keine Angst mehr vor mir“, bat der Angeklagte das Opfer um Entschuldigung. „Angenommen“, antwortete die 34-Jährige knapp und wandte ihren Blick wieder ab. Alkohol, Drogen,Geldnot, Raub Die Hauptverhandlung widmete sich hauptsächlich der Aufklärung des Tathintergrunds. Der Angeklagte berichtete, dass er mit 18 Jahren begonnen habe, Alkohol zu trinken. Als 19-Jähriger sei er in den Drogenkonsum eingestiegen - Haschisch und Aufputschmittel.

Zwischen ihm und seiner tief religiösen Familie hätten sich Spannungen aufgebaut. Sein Vater habe den Großteil seines Verdienstes einbehalten. Spätestens mit dem Verlust seines Arbeitsplatzes habe er seinen Drogenkonsum nicht mehr finanzieren können. Das sei der Auslöser für die spontan begangenen Taten gewesen.Sein Mandant schäme sich für die Taten und habe sich schließlich auch selbst angezeigt, führte Peter Thiel aus. Er sei von der staatlichen Macht, die ihm während der Untersuchungshaft in einem Frankfurter Gefängnis für Erwachsene begegnet sei, tief beeindruckt und wisse heute, was er für einen Bockmist gebaut habe.

"Damit schneiden Sie gut ab"

Sein Mandant habe aus freien Stücken zur Aufklärung mehrerer Straftaten beigetragen, „ohne seinen eigenen Tatbeitrag in den Windschatten zu stellen.“ So viel Ehrlichkeit sei bei Raubprozessen selten und müsse beim Strafmaß berücksichtigt werden, sagte Thiel. Ohne eine Bewährungsstrafe zu beantragen, legte er deren Erwägung dem Gericht ans Herz. Zuvor hatte Staatsanwalt Christian Laubach eine Jugendstrafe von drei Jahren und vier Monaten beantragt.

„Damit schneiden sie gut ab. Beim Erwachsenenstrafrecht landen Sie bei diesen Taten schnell bei sechs Jahren“, sagte Laubach. Thomas Rohner sprach von einer schwierigen Strafmaß-Findung, da der wichtige erzieherische Aspekt, wie ihn die Möglichkeit zum Nachholen eines Schulabschlusses biete, für den Angeklagten nicht gegeben sei. Das Urteil erreichte durch Rechtsmittelverzicht sofort Rechtskraft. Mit der Jugendstrafe ist es für den Angeklagten nicht getan. Da er ab 2010 bis 2013 weitere Straftaten beging, drohen ihm weitere Verurteilungen nach dem Erwachsenenstrafrecht.

von Matthias Mayer

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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