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Ein Angeklagter, der die Nähe scheut

Aus dem Gericht Ein Angeklagter, der die Nähe scheut

Amtsgerichtsdirektor Edgar Krug, Staatsanwalt Dr. Kurt Sippel und Rechtsanwalt Winand Kochhatten gestern ein gutes Stück Arbeit zu verrichten, um der Wahrheitsfindung in einem Strafprozess nahe zu kommen.

Kirchhain. Die Protagonisten machten es Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung nicht gerade einfach. Diese waren:

n Ein 41-jähriger Angeklagter aus Stadtallendorf, der bei den angeklagte Taten Verhaltensmuster an den Tag legte und diese mit seltsamen Wahrnehmungen begründete, die den Verdacht nahelegten, dass er an Wahnvorstellungen leidet. Tut er aber ausweislich eines psychiatrischen Gutachtens nicht. n Zwei Stadtallendorfer Nachbarn, die im Zeugenstand ohne jede Struktur viel und ausschweifend erzählten, ohne wirklich etwas Konkretes zur Sache zu sagen. n Eine Gruppe junger Leute, die den Angeklagten als „Kurzzeit-Autodieb“ stellten, sich aber in ihren Aussagen zum Teil deutlich widersprachen. n Drei von elf geladenen Zeugen, die es vorzogen, der Verhandlung fern zu bleiben. Ihre Abwesenheit sorgte mutmaßlich dafür, dass dem Angeklagten die „widerrechtliche Nutzung eines Pkw“ nicht mit der für eine Verurteilung notwendigen Sicherheit nachzuweisen war. Einer dieser Zeugen hatte sich mit einer ärztlichen Krankmeldung abgemeldet. Uncool für ihn, dass ihn ein Kumpel mit den Worten entschuldigte: „Der kann heute nicht, der hat heute praktische Fahrprüfung.“ Auf Antrag der Staatsanwaltschaft verhängte das Gericht gegen das Trio eine Ordnungsstrafe in Höhe von je 150 Euro, ersatzweise je drei Tage Ordnungshaft. Zur Sache. Die Anklageschrift warf dem Angeklagten vier Taten vor: n Am 19. März 2012 soll der Hartz-IV-Empfänger in einem Stadtallendorfer Wohngebiet einem 60-jährigen Nachbarn grundlos ins Gesicht geschlagen, auf den Fuß getreten und mit einem Gürtel auf den Oberarm geschlagen haben. n Am 13. April 2012 soll der geschiedene Vater von zwei Kindern in einem Lebensmittelmarkt gegen 23.20 Uhr einem Kunden grundlos erst gegen das Schienbein und dann in den Bauch getreten haben. n Die anschließende Flucht aus dem Markt führte den Mann zur nahe gelegenen VR-Bank, wo er laut Anklage ein unverschlossenes Auto widerrechtlich nutzte und davon fuhr. Nach kurzer Fahrt lenkte er das Auto auf eine Grünfläche, überfuhr eine Parkbank und rammte den Sockel des dort stehenden Industrie-Denkmals. n Der Angeklagte verließ das Auto und entfernte sich unerlaubt vom Unfallort. „Ich weiß nicht, wasich übersetzen soll“ Die Beweisführung zu Fall eins erwies sich als äußerst schwierig. Aus eigenem Erinnern vermochte das 60-jährige Opfer nur zu sagen, dass er von dem Angeklagten mit einem Militärgürtel geschlagen worden sei. Der Mann, der als Fünfjähriger eine schwere Kopfverletzungen erlitten hatte, offenbarte intellektuelle Defizite, verstand selbst einfache Fragen nicht oder wusste diese nicht zu beantworten. „Ich weiß nicht, was ich übersetzen soll“, sagte die Russisch-Dolmetscherin nach einem langen Monolog des Zeugen halb hilflos, halb entschuldigend in Richtung Gericht.Sein Freund könne alles genau sagen, versicherte das Opfer, aber der wusste im Zeugenstand nur zu berichten, dass sein unter Schock stehender Nachbar ihm von dem Vorfall berichtet habe. Gesehen hatte er nichts. Der Angeklagte wiederum erklärte, dass er sich seit zwei Jahren durch den behinderte Mann bedroht und angegriffen fühle. Im März 2010 habe dieser ihn an der Schulter umfasst. Auch bei dem Vorfall im Supermarkt habe er sich durch die Nähe des Kunden bedroht gefühlt. Zudem habe der Mann eine Flasche in der Hand gehabt. Deshalb habe er sich in einer Notwehr-Situation befunden. „Ich tue niemanden etwas, ich bin einer offener Mensch“, sagte der 62-jährige Kunde im Zeugenstand. Beim Einkaufen habe er zu dem ihm unbekannten Angeklagten kurzen Blickkontakt gehabt. Daraufhin habe er einen Tritt vor das Schienbein bekommen. Auf die Frage „warum“ habe der Mann mit einem Kickboxer-Tritt in seine Magengrube reagiert. Das bestätigte auch die Lebensgefährtin des Zeugen, die angab, einen Faustschlag gegen die Brust von dem wütenden Mann bekommen zu haben. Der Marktleiter erklärte, dass er den Vorfall nicht gesehen habe, den Angeklagten aber sehr wohl kenne. Der sei schon an der Kasse ausgerastet, benehme sich merkwürdig gegenüber dem Personal, der Security und ihm selbst. So habe er sich verbeten, ihn zu grüßen. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft stellte das Gericht den Fall eins und die vom Angeklagten bestrittenen Fälle drei und vier (Autofahrt) vorläufig ein. Wegen einfacher Körperverletzung in zwei Fällen beantragte Dr. Kurt Sippel eine Gesamtstrafe von 95 Tagessätzen à 8 Euro. Rechtsanwalt Winand Koch beantragte mit Blick auf die gefühlte Notwehrsituation Freispruch für seinen Mandanten. Edgar Krug verurteilte den fünfmal vorbestraften Mann zu einer Geldstrafe in Höhe von 85 Tagessätzen à 8 Euro. Durch Rechtsmittelverzicht erlangte das Urteil sofort Rechtskraft.

von Matthias Mayer

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