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Ein Abend wider das Vergessen

300 Kirchhainer gedachten des 75- Jahrestages der Pogromnacht Ein Abend wider das Vergessen

Die Veranstaltung zum Gedenken an die Schrecken der Reichspogromnacht ist für Kirchhainer kein vom Kalender bestimmter Pflichttermin. Das wurde am Freitagabend in zweierlei Hinsicht deutlich.

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Die Ausstellung über die Auslöschung der jüdischen Gemeinde Kirchhains ist in dieser Woche noch im Mensa-Trakt der Alfred-Wegener-Schule zu sehen.

Kirchhain. 300 Bürgerinnen und Bürger nahmen sich drei Stunden Zeit, um mit dem 75 Jahre zurückliegenden Grauen in ihrer Stadt, aber auch dem Wert, den die jüdische Kultur für das Kirchhainer Gemeinwesen ausmachte, konfrontiert zu werden. Und gleich drei Generationen hatten viel Arbeit, Kreativität und Geisteskraft investiert, damit aus diesen drei Stunden ein eindrucksvoller Abend wider das Vergessen wird.

Das Gedenken beginnt im strömenden Regen an der ehemaligen Synagoge in der Römerstraße, deren Inneres am 8. November 1938 durch Kirchhainer SS-Männer verwüstet worden war. Von dort setzt sich eine Lichterprozession zum Jüdischen Friedhof in Bewegung. Da die Sabbath-Ruhe am Freitag bereits ab 16.40 Uhr gilt, darf der Friedhof nicht mehr betreten werden. Bürgermeister Jochen Kirchner legt am Friedhofstor einen Kranz nieder, der nach Beendigung der Sabbath-Ruhe das Grab des Kirchhainer Lehrers und Autors Elchanan Wolf schmücken soll.

Nach dem stillen Totengedenken zieht der Zug weiter zur Alfred-Wegener-Schule. Im Foyer erwartet eine vom Leistungskurs Geschichte erarbeitete Dokumentation zum Schicksal der jüdischen Bürger Kirchhains nach dem 8. November 1938. Aus dieser geht hervor: Kirchhain stand an der Spitze der braunen Bewegung. Bereits 1933 errang die Nazipartei in der Stadt 68,1 Prozent der Stimmen. Und dort begannen die Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung als eine Art Probelauf bereits einen Tag vor der eigentlichen Reichspogromnacht, wie die Dokumentation offenbart. Ergänzt wird diese durch eine Wanderausstellung des Hessischen Staatsarchivs zum Pogromnacht-Auftakt am 7. November 1938 in Hessen.

Schüler gestalten Gedenken

Stadtverordnetenvorsteher Willibald Preis beklagt das Leid, das der Naziterror über die 1933 noch 250 Köpfe zählende jüdische Gemeinde gebracht hat. Und er beklagt den Verlust an kultureller Vielfalt, den die Auslöschung der Gemeinde für Kirchhain bedeutete. Preis nennt unter anderem den jüdischen Humor und die jiddische Sprache. Selbst Kirchhainer Kaufleute anderer Konfessionen hätten fließend Jiddisch sprechen können, sagt Preis.

Elchanan Wolf, der in Kirchhain zwei Klassiker der ethisch-religiösen Literatur geschrieben hatte (die OP berichtete ausführlich) ist wesentlicher Bestandteil dieser Kultur. Der Potsdamer Professor Nathanael Riemer bringt den Besuchern Leben und Werk des großen Kirchhainer Sohnes näher. „Ermutigung für den Alltag und Hinführung zu Gott“, skizziert Riemer das Ziel, das Wolf mit seinen Büchern Simchat ha-Nefesch I und II erreichen wollte. Dabei sei der Autor ebenso listig wie erfolgreich vorgegangen, indem er seine Morallehre in spannend und lebendig erzählte Geschichten verpackt habe. Wohl auch deshalb habe der 1707 erstmals verlegte Band I sich bis in die heutige Zeit sein Lesepublikum erhalten.

"Wie hätte ich mich in dieser Situation verhalten?"

Den eindrucksvollsten Teil des Kirchhainers Gedenken gestalten die Schülerinnen und Schüler der AWS. Der Leistungskurs Musik trägt getragene Pop-Songs vor, während der Kurs darstellendes Spiel in atemberaubender Weise das Leiden der Shoa-Opfer gegenwärtig macht. Die Schülerinnen und Schüler geben den Opfern Namen und Gesicht - von der Familie Abt bis zur Familie Ziegelstein. Sie zeigen ihre Häuser und Geschäfte und sie schildern ihr Leid, skizzieren den Weg, den der SS-Mob genau 75 Jahre zuvor durch die Stadt genommen hat.

Pastor Jürgen Blum spricht das Gebet für alle Shoa-Opfer. Und Bürgermeister Jochen Kirchner stellt zum Schluss mit Blick auf das Versagen seines Bürgermeister-Amtsvorgängers während der Nazi-Zeit die Frage: „Wie hätte ich mich in dieser Situation verhalten?“

Diese unbeantwortbare Frage nahm am Ende jeder Besucher allein für sich mit nachHause.

von Matthias Mayer

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