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Eifersucht führt zu Messerattacke

Stadtallendorf Eifersucht führt zu Messerattacke

Nach Auffassung der Schwurgerichtskammer des Marburger Landgerichts war es eine Beziehungstat, die glücklicherweise mit leichten Schnittverletzungen und Prellungen endete.

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Vor Beginn der Verhandlung nahm eine Wachtmeisterin der Angeklagten die Handschellen ab. Verteidigerin Nadin Nitz wartete auf die Vorführung der Frau. Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Stadtallendorf. Stadtallendorf. Eine 43 Jahre alte Stadtallendorferin ist am Montag von der Schwurgerichtskammer des Marburger Landgerichts wegen gefährlicher Körperverletzung zu zwei Jahren Haft verurteilt worden. Die Strafe ist für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt worden. Ursprünglich lautete die Anklage gegen die 43-Jährige auf versuchten Morden. Doch der Vertreter der Staatsanwaltschaft und später auch die Strafkammer kamen nach der gestrigen Beweisaufnahme zu einer anderen Einschätzung. Der Haftbefehl gegen die 43-Jährige wurde aufgehoben. Am 1. Oktober vergangenen Jahres war in der Wohnung des 23 Jahre alten Opfers in Stadtallendorf zu einer Auseinandersetzung gekommen. Die beiden Frauen hatten etwa ein Jahr lang zusammengelebt und zumindest zeitweise auch eine Beziehung geführt. Das Opfer erlitt Schnittwunden an mehreren Körperteilen. Hintergrund des Angriffs war offenbar Eifersucht, weil sich die 23-Jährige für einen Mann interessiert hatte.

Vor Gericht machte die Angeklagte von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Sie hatte allerdings direkt nach der Tat bei der Polizei Angaben gemacht, das sollte im Laufe der Beweisaufnahme vor der 6. Strafkammer des Landgerichts noch eine Rolle spielen.

Fast drei Stunden lang befragten die Strafkammer, Staatsanwalt Nikolai Wolf, Rechtsanwalt Gerhard Bretthauer als Vertreter der Nebenklägerin und Rechtsanwältin Nadin Nitz, Pflichtverteidigerin der Angeklagten, das 23 Jahre alte Opfer. Die junge Frau und die Angeklagte hatten etwa ein Jahr lang zusammengewohnt. Ob und wie lange sie dabei ein Paar waren, wurde nicht endgültig geklärt. Was hatte sich am 1. Oktober vergangenen Jahres in der Wohnung der 23-Jährigen abgespielt? Offenbar hatte es schon im Vorfeld Streit zwischen den beiden gegeben. Die 23-Jährige interessierte sich für einen Arbeitskollegen. An jenem Tag ging die junge Frau unter die Dusche, ihr Handy lag im Bad. Als die 43-Jährige hereinkam und auf das Handy schauen wollte, stürzte die Jüngere der beiden, verletzte sich an einer Glastür, wurde von der Angeklagten zunächst versorgt. Zur Eskalation kam es im Schlafzimmer der 23-Jährigen. Dort habe die Frau plötzlich ein Messer in der Hand gehabt. Sie habe sie umarmt und dann schließlich die Schnitte in Arm und Oberkörper zugefügt. Es kam nach Schilderungen der 23-Jährigen zum Kampf. Dabei soll sie die ältere Frau von sich gestoßen haben. Die junge Frau flüchtete zu Nachbarn eine Etage tiefer. Sie habe um Hilfe gerufen. Später, als sie von oben Schreie der 43-Jährigen hörte, sei sie aber noch einmal zurückgerannt. Sie versorgte die Frau, die sich einen Schnitt am Hals zugefügt hatte. Alle Verletzungen der beiden Frauen waren nicht lebensbedrohlich, wie zunächst der Notarzt, später auch der Arzt im Uniklinikum Marburg feststellte.

23-Jährige weiterhinin Behandlung

Doch hatte die 43-Jährige die Absicht, die jüngere Frau zu töten? Das 23-jährige Opfer erinnerte sich daran, dass die Angeklagte gesagt habe, dass sie erst sie, dann sich selbst töten wollte. Aber wann genau hatte sie das gesagt? Das wurde während der langen Befragung der Zeugin nicht abschließend geklärt. Beide Frauen waren sichtlich bewegt von der Situation vor Gericht. Es flossen mehrfach Tränen. Sie habe die 43-Jährige in ihrer Wohnung aufgenommen, weil sie nach der Trennung von ihrem Freund nicht allein sein wollte, erzählte die 23-Jährige. Und sie sei ihr damals nahe gewesen. Bei diesem Punkt ihrer Befragung musste sich die junge Frau auf Nachfragen hin korrigieren. Zunächst hatte sie berichtet, dass sie lediglich einmal einen schwachen Moment gehabt habe, später stellte sie klar, dass sie mehrfach sexuellen Kontakt zueinander gehabt hätten. Doch: „Ich habe klargestellt, dass ich keine Beziehung will. Ich bin heterosexuell, will Kinder haben, heiraten“, sagte 23-Jährige, die wie die Angeklagte ebenfalls Saisonarbeiterin bei einem Stadtallendorfer Unternehmen ist.

Sie leidet immer noch unter der Tat, befindet sich seitdem in psychologischer Behandlung. Ihre physischen Wunden sind verheilt. Die Angeklagte „muss bezahlen für das, was sie getan hat. Doch sie braucht auch Hilfe“, beschrieb sie ihre Gefühle auf Fragen des Gerichts. Am Morgen nach der Tat habe sie sich telefonisch bei ihr entschuldigt.

Ein Kriminalbeamter hatte die 43-Jährige am Tattag im Krankenhaus vernommen. Dabei habe sie ihm versichert, dass sie die 23-Jährige nicht töten wollte. „Sie war erleichtert, als sie hörte, dass sie nicht schwer verletzt ist“, erklärte der Beamte. Und sie hat wohl eingeräumt, dass sie sich selbst töten wollte.

Bei seinem Plädoyer kam Staatsanwalt Wolf zu dem Ergebnis, dass sich Widersprüche in den Aussagen der 23-Jährigen gefunden hätten, weshalb er von einer gefährlichen Körperverletzung ausgehe. „Zweifel bleiben, die sich zugunsten der Angeklagten auswirken“, so der Staatsanwalt. Wolf forderte zwei Jahre und vier Monate Haft.

Zu einer ganz anderen Bewertung kam Rechtsanwalt Bretthauer. Für ihn gab es „einen absoluten Tötungsvorsatz“. Nur der Gegenwehr seiner Mandantin und Glück sei es zu verdanken, dass nicht mehr passiert sei.

Anwältin Nadin Nitz führte die vergleichsweise leichten Verletzungen der 23-Jährigen an. „Es wäre ein Leichtes gewesen, zuzustechen“, sagte sie. Ihre Mandantin sei von Gefühlen übermannt worden, was aber nichts entschuldige. Sie beantragte ein Jahr und zwei Monate Haft auf Bewährung.

Die Kammer unter Vorsitz von Dr. Carsten Paul, Vizepräsident des Landgerichts verhängte eine zweijährige Haft, auf drei Jahre ausgesetzt zur Bewährung. Die 43-Jährige wurde nach der Verhandlung aus der Haft entlassen. Sie erhält einen Bewährungshelfer und muss zudem 150 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten.

von Michael Rinde

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