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Dringender Verdacht: Anschlag aus Fremdenhass

Schweinemett gegen Schaufenster Dringender Verdacht: Anschlag aus Fremdenhass

Als Gökhan Müjdeci am Freitagmorgen vor seinen Geschäftsräumen steht, traut er seinen Augen kaum. Die Eingangstür und das Schaufenster sind über und über mit Hackfleisch beschmiert.

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Kein appetitlicher Anblick: Schweinehackfleisch und Fettschlieren haften am Schaufenster eines Stadtallendorfer Versicherungsbüros.

Quelle: Matthias Mayer

Stadtallendorf. Der türkischstämmige Versicherungsmakler, der seit mehr als 20 Jahren in Stadtallendorf lebt, vermutet Fremdenhass als Tatmotiv für diesen Anschlag. Und für diese Annahme hat er gute Gründe.

Er sei am Vortag beim Einkaufen in einem Supermarkt von einem Neonazi mit ausgefahrenen Ellbogen angerempelt worden. Auf seine Frage, was das solle, habe ihm der Hühne beschieden: „Wir sehen uns noch.“

Gökhan Müjdeci kennt den Mann namentlich. Dieser sei früher Nachbar seines Großvaters gewesen und habe wiederholt dessen Briefkasten mit Nazi-Aufklebern zugeklebt. Der Mann sei aufbrausend und unberechenbar. Deshalb mieden er und seine Familie die Nähe des Mannes, ignorierten dessen Beleidigungen.

Mutmaßlicher Täter hat rechtradikale Vergangenheit

Bei diesem Mann handelt es sich um einen polizei- und gerichtsbekannten Straftäter mit mehreren einschlägigen Vorstrafen. Bei einem spektakulären Prozess im Oktober 2012 brachte der Mann mit dem rechtsextremen Gedankengut äußerst lautstark zum Ausdruck, dass er sich nicht unter Kontrolle hat.

Die Staatsanwaltschaft hielt ihm damals vor, entweder Ausländer mit vorsätzlichen Lügen für sein eigenes Unglück verantwortlich zu machen oder in einer Scheinwelt zu leben, aus der er ohne ärztliche Hilfe nicht mehr herauskomme. Derzeit steht der Hartz-IV-Bezieher noch unter Bewährung.

„Für mich ist der Mann eine tickende Zeitbombe. Warum handelt die Justiz nicht?“, fragt sich der unabhängige Versicherungsmakler.

Polizei ermittelt gegen Unbekannt wegen „politisch motivierter Beleidigung“

Im konkreten Fall kann die Justiz nichts tun, denn Gökhan Müjdeci hat den Fall nicht angezeigt. „Ich bin zwar überzeugt, dass er es gemacht hat, aber ich kann es ihm nicht nachweisen“, begründet er seine Zurückhaltung. Warum er und seine Familie immer wieder von dem ehemaligen NPD-Mitglied beleidigt werden? Gökhan Müjdeci kann sich das nur mit der türkischen Abstammung erklären. „Meine Familie lebt neutral in Deutschland. Wir äußern uns nicht über Religion, Politik oder Fußball“, sagt er und zählt dieses Verhalten zu seinen wichtigsten geschäftlichen Grundsätzen.

Gökhan Müjdeci rief am Freitag die Polizei, die die buchstäbliche Schweinerei an der Geschäftsstelle in der Straße Am Hallenbad nicht als Sachbeschädigung im Sinne des Paragraphen 303 des Strafgesetzbuches wertete. Dafür ermittelt die Polizei gegen Unbekannt wegen „politisch motivierter Beleidigung“, wie gestern ein Stadtallendorfer Polizeibeamter auf Anfrage berichtete.

Eine solche Attake mit Schweinefleisch ist für jeden Moslem eine kaum noch zu überbietende Demütigung - zumal in den Tagen des Opferfest. Und dann erinnert der Anschlag ein Stück weit an den Beginn der Pogrome während des Nazi-Terrors. Zuerst wurden die Häuser von jüdischen Mitbürgern beschmiert. Was dann folgte, ist hinlänglich bekannt.

von Matthias Mayer

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