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"Dort leben Menschen noch wie Ausgestoßene"

Rumänien-Hilfsaktion "Dort leben Menschen noch wie Ausgestoßene"

Zwei Institutionen, die heimische Gruppe „Hessen helfen“ und der Verein „Maulbronn hilft“, unterstützen eine rumänische Roma-Siedlung, in der rund 250 Menschen unter erbärmlichen Verhältnissen leben.

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Joachim Boucsein hält während der Hilfsaktion in Felnaq zwei Kinder im Arm. Privatfoto

Hertingshausen. Die Bilder, die Joachim Boucsein zeigt, bewegen wieder einmal. Entstanden sind sie in einem kleinen Teil des rumänischen Ortes Felnaq. Rund 250 Roma leben dort, darunter 80 Kinder. Ende Februar besuchten Mitglieder des Vereins „Maulbronn hilft“ und der Gruppe „Hessen helfen“ den Ort mit Hilfsgütern. Vieles davon stammt aus der Region, dem Ostkreis, Marburg und dem Umland. Alles organisierten beide Institutionen über soziale Netzwerke und die persönlichen Kontakte der Mitglieder, etwa zu Kleiderkammern.

Die Hilfe war dringend notwendig. „Dort leben Menschen noch wie Ausgestoßene“, berichtet Joachim Boucsein aus Hertingshausen, einer der Teilnehmer und Organisatoren der Aktion.

Beide Institutionen haben sich sehr in der Flüchtlingshilfe engagiert, unter anderem in Lagern in Griechenland (die OP berichtete). Da dort die Möglichkeiten für ausländische Vereine aktuell eingeschränkt sind, fiel die Wahl auf Rumänien.

Es fehlt in der Siedlung an allem. Ein Haus, gebaut von einer Hilfsorganisation, ist massiver. Alle anderen Gebäude sind primitivste Baracken, es gibt zwei Plumpsklos, einzige Fortbewegungsmittel sind zwei Pferdefuhrwerke. Müll landet notgedrungen auf wilden Kippen, was die hygienischen Verhältnisse in dem Ort weiter verschlechtert.

Das Verhältnis zwischen dem Oberdorf und der Roma-Siedlung ist zudem extrem angespannt, wie Boucsein berichtet. In den drei Sprintern haben die Helfer aus Deutschland alles nur Denkbare mitgebracht. In den Tagen Ende Februar gab es viele sehr persönliche Erlebnisse, vor allem mit Kindern - und wohl nur schwer zu fassende Bilder. Etwa von der Lebenssituation von 19 Menschen, die sich 25 Quadratmeter teilen. Bei allem, was die Helfer unternehmen, arbeiten sie mit zwei Helfern einer Organisation vor Ort („Kleine Löwen) zusammen.

Die Helfer aus Deutschland kauften bei ihrem Besuch dank Barspenden außerdem ein, was unmittelbar gebraucht wurde: etwa Windeln für einen Mann, der sein „Bett“ (eine bessere Pritsche) seit Monaten nicht verlassen kein, einen Rollstuhl für eine Frau, die aus dem Krankenhaus in ihre Baracke entlassen werden sollte, und Lebensmittel. Mithilfe eines heimischen Kochs aus dem Dorf versorgten sie Menschen aus dem ganzen Ort in der Kulturhalle von Felnaq, einer Art Bürgerhaus, mit einer warmen Mahlzeit. „Allein das Lachen der Kinder war das alles wert“, sagt der Hertingshäuser Boucsein.

Es soll nicht die letzte Aktion der Helfer gewesen sein, im Gegenteil. Zu Ostern wird der Gründer von „Maulbronn hilft“ nach Felnaq reisen, um dort Spielsachen wie auch Süßigkeiten an die Kinder zu verteilen. Das hat gute Gründe. „Es gibt dort keine Spielsachen, das ist uns gleich ganz bitter aufgefallen“, sagt Boucsein.

Es fehlt eben an allem, leider auch an so Elementarem wie einem Feuerwehrauto. Das Jahrzehnte alte bisherige Fahrzeug ist seit Langem nicht mehr zu reparieren, seine Überreste stehen noch in Felnaq. Als eine Baracke in der Roma-Siedlung vor Kurzem Feuer fing, war Rettung nicht möglich, die Bewohner entkamen den Flammen, doch ihren wenigen Besitz verloren sie. „Für eine Reparatur oder ein neues Auto hat die Gemeinde kein Geld, vom Land gibt es keine Hilfe“, sagt Boucsein nach einem Gespräch mit dem Bürgermeister von Felnaq.

Joachim Boucsein berichtet, dass die Feuerwehr, verantwortlich für den Schutz von mehr als 6200 Menschen, nach wie vor existiert. Er hat Kontakt mit Lars Schäfer aufgenommen, dem Vorsitzenden des Kreisfeuerwehrverbandes Marburg-Biedenkopf. Der hat sich wiederum mit einer Bitte an alle heimischen Wehren nach ausgedientem Material gewandt. Schon einfache, gebrauchte Kübelspritzen (Neuwert rund 200 Euro) wären eine Hilfe. „Wir unterstützen die Hilfsaktion vorbehaltlos“, sagt Schäfer im Gespräch mit der OP. Feuerwehren seien eine weltweite Familie. „Da hilft man sich untereinander“, so der Vorsitzende des Kreisfeuerwehrverbandes.

nBei Facebook ist der Verein „Hessen helfen“ ebenso wie der Kreisfeuerwehrverband unter seinem Namen per Suchfunktion zu finden. Joachim Boucsein ist unter der Rufnummer 06453/7164 erreichbar.

von Michael Rinde

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