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Diskurs ohne erkennbaren Ausweg

Hochwasserschutz in Großseelheim Diskurs ohne erkennbaren Ausweg

Mit großer Wucht entlud am Montagabend gegen 18 Uhr eine Gewitterzelle über Stadtallendorf ihre Wasserfracht. Hätte diese Großseelheim getroffen, wäre der Kirchhainer Stadtteil unweigerlich ein zweites Mal binnen weniger Tage abgesoffen.

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Der Bauerbach ist ein problembehaftetes Gewässer. Dafür sorgen unter anderem illegale Einbauten und die Tiefenerosion. 

Quelle: Matthias Mayer

Großseelheim. Keine Frage: Die zeitlich so beängstigend dichte Abfolge von Starkregenereignissen in diesem Sommer hat das Thema Hochwasserschutz in Großseelheim mit seiner kesselartigen Topografie wieder auf die Tagesordnung gesetzt. Und das ein gutes Jahr, nachdem die haushaltsrechtlich abgesicherten fertigen Planungen für den seit mehr als 30 Jahren geforderten Hochwasserschutz in dem Ort in die Tonne gekloppt werden mussten. Einige Grundstückseigentümer oberhalb und innerhalb der Ortslage hatten sich geweigert, Teile ihrer Flächen für die Renaturierung des Bauerbachs zum Zwecke des Hochwasserschutzes abzugeben.

Großseelheims Ortsvorsteher Helmut Hofmann hatte unter dem Eindruck des Unwetters und der Überflutungen vom 29. Juli gegenüber der OP dem Bau eines Rückhaltebeckens oberhalb von Großseelheim als hilfreich für den Hochwasserschutz bezeichnet. Allerdings stehe ein solches Becken nicht auf der Tagesordnung, da diese nicht mehr gefördert würden. Alternativ hatte Hofmann dafür geworben, das Einstau-Volumen des Uni-Rückhaltebeckens am Osthang der Lahnberge bei solchen Unwettern besser auszulasten und die Einmündung des Bauerbachs in die Ohm zu verbreitern, um die Rückstaugefahr des gefällearmen Baches zu vermindern.

Diese Vorschläge des Ortsvorstehers wies Kirchhains Bürgermeister Jochen Kirchner (parteilos) in einem Schreiben an die OP entschieden zurück. Helmut Hofmann wisse aus öffentlichen Gesprächen, aus Ortsterminen, Verfahren zum Hochwasserschutz, dass seine Vorschläge nicht geeignet seien, das Bauerbach-Hochwasser zu beherrschen, weil sie Technologien aus dem vergangenen Jahrhundert darstellten, die der moderne Wasserbau „als zu teuer und nicht nachhaltig verwirft und deshalb aus weiteren guten Gründen nicht genehmigungsfähig sind.“

Stadt drang bei den Bürgern nicht durch

Der Bürgermeister verweist darauf, dass schon während der ersten Ortsbegehung, die Grundlage der weiteren Hochwasserschutz-Planungen werden sollte, im Beisein von Bürgermeister, Ortsvorsteher, RP und Behördenvertretern klargestellt worden sei, dass ein drittes Bauerbach-Rückhaltebecken oberhalb von Großseelheim weder das Problem löse noch genehmigungsfähig sei. Während der folgenden Ortsbeiratssitzung sei diese jedoch in Richtung pro Rückhaltebecken interpretiert worden.

Unter den Großseelheimern herrscht noch immer mehrheitlich die Überzeugung, dass allein ein weiteres Rückhaltebecken den Ort vor Hochwasser schützen könne. Er bedaure sehr, dass die Stadt Kirchhain in dieser komplexen Angelegenheit mit den Fakten und den Überzeugungen der Fachleute bei den Großseelheimer Bürgern nicht durchgedrungen sei, sagte Kirchner der OP. Zu den Details gehören:

  • Ein drittes Rückhaltebecken würde mehr landwirtschaftliche Flächen verbrauchen, als die geplante Bauerbach-Renaturierung.
  • Ein drittes Becken ist mit den Zielen der EU-Wasserrahmen-Richtlinie nicht in Einklang zu bringen, weil es neue Barrieren in dem Fließgewässer schafft.
  • Rückhaltebecken sind nur noch genehmigungsfähig, wenn andere Vorkehrungen nicht mehr greifen. Während der Planungsphase wurde festgestellt, dass die Bauerbach-Renaturierung mit weniger Landverbrauch, geringeren Eingriffen in die Natur, Aufwertung der Ökologie und geringen Folgekosten zu besseren Ergebnissen beim Hochwasserschutz führt. Diese Ergebnisse schließen - so der Bürgermeister - die Genehmigung eines dritten Rückhaltebeckens aus.

Die Vorstellung, dass eine Verbreiterung der Bauerbach-Einmündung in die Ohm das Hochwasser-Problem mindern könnte, bezeichnete Jochen Kirchner als Irrglaube. Im Gegenteil: Die Hochwasser führende Ohm könnte so zusätzliches Wasser in den Bach drücken. Die künstlichen Einbauten im Bauerbach und das durch Nährstoff-Einträge in das Gewässer beförderte Wachstum von Wassergras bremste die Fließgeschwindigkeit im Unterlauf des Bauerbachs. Abhilfe brächten nach den Feststellungen der Planer der Rückbau der Einbauten und die Beschattung des Gewässers durch das Anpflanzen von Erlen und Pappeln an der Ortsseite, die das Wassergras-Wachstum deutlich reduziere. Die Anpflanzungen scheiterten laut Kirchner am Veto von Landwirten.

Hofmann: Vertreten Interessen der Bürger

Helmut Hofmann wies Kirchners Vorwurf zurück, dass im Ortsbeirat das Ergebnis einer Ortsbesichtigung uminterpretiert worden sei. Die fragliche Ortsbeiratssitzung habe nicht nach dem Termin, sondern im Anschluss an eine Bürgerversammlung vom 1. August 2012 zum Hochwasserschutz-Konzept stattgefunden. Bei dieser Versammlung hätten 90 Prozent der Bürger gegen das Konzept votiert. Dafür habe es zwei Gründe gegeben:

  • Die innerörtlichen Bauerbach-Anlieger wollten nicht ein Drittel ihrer Hausgärten für die Bach-Renaturierung abgeben.
  • Angesichts der großen Wassermassen, die auf Großseelheim drücken, hielt es die Versammlung für unmöglich, dass die Renaturierung allein das Problem lösen kann. Sie plädierte zusätzlich für ein weiteres Rückhaltebecken oberhalb von Großseelheim.

Diese Haltung von 90 Prozent der Bürger habe sich der Ortsbeirat bei einer Sitzung vom 30. August 2012 zu eigen gemacht. Und deren Interessenlage vertrete der Ortsbeirat noch heute.Die Situation ist vertrackt. Seit diesem Jahr gibt es für die Renaturierung von Gewässern der Größe des Bauerbachs keine Fördergelder mehr. Und ohne diese kann die Schutzschirmkommune Kirchhain, der finanziell die Luft zum Atmen genommen wird, die Renaturierung nicht stemmen. Gleichwohl wird die Stadt ihrer Verpflichtung zur Pflege des Bauerbachs nachkommen, kündigte Jochen Kirchner an. Doch zuvor müssen die Kleingärtner am Bauerbach-Oberlauf alle Einbauten, Zäune und Gebäudeteile, die näher als zehn Meter an den Bach heranreichen, nach einer gesetzlichen Vorgabe zurückbauen. „Wir brauchen den Platz, um dort überhaupt arbeite zu können“, erklärte der Bürgermeister.

Geschehe die Räumung nicht freiwillig, werde die Stadt das Kreisbauamt bitten, die gesetzliche Vorlage umzusetzen. Jochen Kirchner räumte ein, dass diese Härten für die Kleingärtner in keinem Verhältnis zu den ursprünglichen Planungen stehe: Der Bauerbach hätte an den Gärten um zehn Meter nach rechts verlegt werden sollen. Das scheiterte am Veto von fünf Grundeigentümern. Helmut Hofmann hofft, dass es das nicht für alle Zeit gewesen ist, mit dem Hochwasserschutz. Es lohne sich, die allerletzte Planung, oberhalb des Bauerbach-Knicks am Schützenhaus etwas für den Hochwasserschutz zu tun, weiterzuverfolgen. Diesem Vorhaben stünden zumindest die betroffenen Grundeigentümer positiv gegenüber.

von Matthias Mayer

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