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"Die richtige Balance ist die Antwort"

Margot Käßmann "Die richtige Balance ist die Antwort"

Professor Margot Käßmann ist Botschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für das Reformationsjubiläum 2017. Sie macht sich unter anderem dafür stark, den Reformationstag zum Feiertag zu erklären.

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Margot Käßmann sprach in der früheren Herrenwaldkirche mit OP-Redakteur Michael Rinde unter anderem über ihre Zeit in Stadtallendorf. Foto: Tobias Hirsch

Quelle: Tobias Hirsch

Stadtallendorf. Im OP-Gespräch äußerte sich Margot Käßmann zu Jugenderinnerungen, Kirchenschließungen und dem Reformationsjubiläum.

OP: Was aus Ihrer Zeit in Stadtallendorf hat Sie geprägt?

Margot Käßmann: Natürlich das Aufwachsen hier mit meiner Familie. Und auf alle Fälle hat mich auch die Herrenwaldkirche geprägt. Da waren Kindergottesdienste, der Posaunenchor, Feiern. Ich habe sie auch als eine Heimat empfunden.

OP: Mit welchen Gefühlen sind Sie in diese Räume zurückgekehrt, jetzt, wo die Kirche entwidmet ist?

Käßmann: Mit wirklich sehr gemischten Gefühlen. Auf der einen Seite ist es für eine Gemeinde sehr, sehr traurig, wenn ihre Kirche schließen muss. Auf der anderen Seite freut es mich, dass die Kirche jetzt wieder geöffnet wird und wieder Menschen eine Möglichkeit bietet, zusammenzukommen.

OP: Vor vier Jahren, bei Ihrem Hessentag-Besuch, haben Sie gesagt, dass Stadtallendorf immer noch „ein Stück Heimat“ bedeutet. Was ist denn für Sie Heimat, wenn Sie an diese Stadt denken?

Käßmann: Heimat ist für mich eine Erinnerung an die Kindheit. Und wenn es eine gute, positive Erinnerung ist, dann kann ich diese Heimat auch im Herzen dahin mitnehmen, wo ich hingehe. Ich kenne aber auch Menschen, die schreckliche Heimaterinnerungen haben.

OP: Gab es einen weiteren besonders schönen Ort in Ihrer Kindheit in Stadtallendorf?

Käßmann: Da waren zum Beispiel die Akazienbäume hinter der Werkstatt meines Vaters. Da habe ich als Kind an den Nachmittagen viele Stunden spielend verbracht.

OP: Die Stadtallendorfer Kirchengemeinde hat die Herrenwaldkirche aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben, auch, um ihre Kinder- und Jugendarbeit erhalten zu können. Sollte inhaltliche Arbeit generell vor die „Kirche im Dorf“ gehen, wenn es nicht anders finanzierbar ist?

Käßmann: Das muss am Ende jede Gemeinde für sich selbst entscheiden. Wir haben einige Grundkriterien zu Kirchenschließungen. Aber letztlich sind es die Kirchenvorstände, die solche Entscheidungen zu treffen haben. Für sie wird das in jedem einzelnen Falle eine sehr harte Entscheidung sein.

"Gehören zu den reichsten Kirchen der Welt"

OP: Muss Kirche angesichts immer leerer werdender Kassen vor Ort auch wirtschaftlich neue Wege gehen, etwa über andere Finanzierungsmodelle nachdenken?

Käßmann: Mit dem Kirchensteuer-Modell gehören wir zu den reichsten Kirchen der Welt. Auch wenn freiwillige Finanzierungen immer wieder sehr hochgelobt werden, so wäre ich doch vorsichtig, was das für unsere Kirche bedeuten könnte.

OP: Auch wenn die evangelische Kirche zu den reichsten Kirchen der Welt gehört, sieht man aber, dass das Geld trotzdem nicht reicht.

Käßmann: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden für die Flüchtlinge viele Kirchen neu gebaut. Und in den 70er und 80er Jahren sind viele Stellen geschaffen worden. Wir erleben jetzt aus vielen Gründen eine andere Zeit. Und bei allen Zwängen dürfen wir dabei auch nicht immer gleich Angst vor Veränderungen haben.

"Nicht jeder Gottesdienst braucht einen Videoclip"

OP: Sie werben auch im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum 2017 für neue Formen von Kirche. Welche neuen Formen braucht Kirche denn, wenn sie die Menschen erreichen will?

Käßmann: Kirche braucht Formen zwischen Innovation und Tradition. Nur Innovation kann auch nicht sein. Denn Menschen brauchen auch Beheimatung, Rituale, Räume, die sie kennen. Nicht jeder Gottesdienst braucht einen Videoclip. Auf der anderen Seite müssen sich Menschen aber auch daran gewöhnen, dass es jetzt Gospelmusik in Gottesdiensten gibt, andere Klänge da sind und sie auch mitgestalten können. Die richtige Balance ist die Antwort.

OP: Sie engagieren sich für das Reformationsjubiläum 2017. Aber ist die Reformation in Deutschland überhaupt noch in den Köpfen der Menschen?

Käßmann: Ich hoffe, dass das Thema Reformation bald wieder in den Köpfen vorkommt, in denen es nicht mehr drin ist. Reformation hat für die evangelischen Christen eine große Bedeutung. Aber wie es der Bundestag auch festgestellt hat, war die Reformation auch kulturhistorisch für das ganze Land wichtig und hat es verändert. Wir tun alles, damit die Menschen wissen, worum es bei der Reformation und ihrem Jubiläum 2017 geht.

OP: Wäre es dabei nicht hilfreich, wenn der Reformationstag am 31. Oktober ein Feiertag wäre?

Käßmann: Auf jeden Fall wird er das im Jahr 2017 sein. Aber ich wünsche mir, dass er grundsätzlich Feiertag ist. Die evangelischen Christen haben den Buß- und Bettag als Feiertag für die Pflegeversicherung hergegeben. Heute sagen alle, das war ein Fehler. Aber noch viel wichtiger wäre der Reformationstag als Feiertag, damit er im Gedächtnis bleibt.

OP: Aus der katholischen Kirche gibt es laute Kritik daran, wie die EKD das Reformationsjubiläum feiern will. Der Fuldaer Bischof Heinz-Josef Algermissen fühlt sich durch EKD-Positionen gar „ausgeladen“ und zeigt sich empört. Er bezieht sich auf einen Grundlagentext der EKD. Hat er Grund dazu?

Käßmann: Nein, überhaupt nicht! Der Grundlagentext ist gedacht für ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeitenden in der evangelischen Kirche, um noch einmal zu erklären, was die Reformation theologisch bedeutet hat. Es ist eine innerevangelische Selbstverständigung sozusagen und nicht das Programm des Jubiläums. Gleichzeitig gibt es eine herzliche Einladung an die römisch-katholische Kirche dabei zu sein, weil wir feiern können, dass wir inzwischen gute gemeinsame Erfahrungen mit der Ökumene haben. Das sind zwei ganz verschiedene Punkte, die nicht durcheinander geraten sollten.

ZUR PERSON
Margot Käßmann, geborene Schulze, wurde am 3. Juni 1958 in Marburg geboren, wuchs aber in Stadtallendorf auf. Sie wurde in der Notkirche getauft und in der Herrenwaldkirche konfirmiert. Ihr Abitur machte sie 1977 an der Marburger Elisabethschule. 1981 heiratete sie Eckhard Käßmann. das Paar trennte sich Ende 2006. Die beiden haben vier Töchter. 1985 wurde sie zur Pfarrerin ordiniert, 1999 zur Bischöfin der Evangelischen Landeskirche Hannover gewählt. Am 28. Oktober 2009 wurde sie Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Nach ihrer Alkoholfahrt im Februar 2010 trat sie von allen Ämtern zurück. Nach verschiedenen Lehraufträgen, unter anderem in den USA, ist sie seit dem 27. April 2012 Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017. Besuche Käßmanns in Stadtallendorf sind selten. Zuletzt trat sie beim Landfrauentag beim Hesssentag 2010 und bei einer Benefizveranstaltung am 10. Juli in der früheren Herrenwaldkirche auf.

von Michael Rinde

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