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Die lautlose Rückkehr einer Königin

Thema Wildkatzen Die lautlose Rückkehr einer Königin

Sie sind die Schatten des Waldes. Sie meiden die Zivilisation, sind nachtaktiv, und kaum einer wird je eines dieser Tiere lebend zu Gesicht bekommen - aber die Wildkatzen sind da: auch im Landkreis.

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Das Din-A-4-Blatt rechts neben dem Tier gibt einen Eindruck ob der Größenverhältnisse. Eine Hauskatze ist im Vergleich wesentlich kleiner, als dieses Exemplar. Privatfoto

Bracht. Es ist tiefschwarze Nacht. Zwei Uhr. Im Lichtkegel der Autoscheinwerfer erscheinen Büsche, Bäume und Leitpfosten. Hier auf der Strecke zwischen Schönstadt und Bracht bleibt nicht viel Platz bis zum Fahrbahnrand. Wäre ein durchgängiger Mittelstreifen vorhanden, würde deutlich, wie grotesk schmal die Straße wirklich ist. Unfälle gab es in der Vergangenheit zur Genüge. Franzis­ka Wagner kennt die Gefahren des Verbindungsweges.

Und plötzlich - in einer langgezogenen Kurve - blitzt etwas auf. Es sind zwei Augen, die das Scheinwerferlicht reflektieren. Franziska Wagner stoppt ihren Wagen und ist sich sicher: Das ist ganz bestimmt kein gewöhnlicher Stubentiger, der da auf dem kalten Asphalt liegt.

Sagenumwobenes Wesen

Wagner lebt in Bracht. Sie kennt die Erzählungen aus ihrer Heimat - die angeblichen Sichtungen von Wildkatzen. Diese Geschichten haben immer auch etwas Mystisches - jeder kennt irgendwen, der schon mal eines dieser seltenen Wesen gesehen hat. Fotos oder andere Beweise gibt es jedoch fast nie.

Während die Warnblinkanlage die Umgebung in flackernd orangenes Licht taucht, nähert sich Wagner vorsichtig dem Tier. Lediglich die Wunde an der Nase deutet auf eine Gewaltein­wirkung hin. Sicher ist jedoch: Die acht Kilo schwere Katze ist tot. Vermutlich hat ein vorbeifahrender Wagen die bullige Samtpfote am Kopf erwischt.

„Grundsätzlich sollte man in so einem Fall die Gefahrenquelle beseitigen - das Tier also an den Straßenrand ziehen“, erklärt Eberhard Leicht, der Leiter des Forstamts Burgwald. „Das war auch mein erster Gedanke“, sagt Franziska Wagner. „Einer der nächsten Wagen hätte die Katze sicherlich überrollt.“

Ist das „Hindernis“ für die übrigen Verkehrsteilnehmer beiseite geräumt, sollte die zuständige Stelle informiert werden, erläutert Leicht: „Grundsätzlich darf man sich die Tiere nicht aneignen.“

Die Wildkatze unterliegt einem strengen Naturschutz, ist aber gleichzeitig eine Wildart. Daher steht dem jeweiligen Jagdpächter das Recht auf die Aneignung toter Tiere zu. Eine unberechtigte Aneignung tot aufgefundener Tiere, die dem Jagdrecht unterliegen, kann als Wilderei verfolgt werden. Bei Tierarten, die ausschließlich dem Naturschutzrecht unterliegen, wie beispielsweise der Igel, die Haselmaus oder der Siebenschläfer, ist die Untere Naturschutzbehörde beim Landkreis zu benachrichtigen. Informationen über den jeweiligen Ansprechpartner im Falle eines Wildunfalls gibt die örtliche Polizeidienststelle.

Keine Spekulationen

Die Warnweste übergestreift, blickt Franziska Wagner auf den Kadaver und wird sich zunehmend über ihren besonderen „Fund“ klar. Sie schnappt sich eine Mülltüte, legt die Katze darauf ab und bringt das Tier in Sicherheit. Als Eberhard Leicht über den Vorfall informiert wird, macht er sich auf den Weg, das aufgefundene Tier zu begutachten.

Denn noch ist nicht gesagt, dass es sich dabei wirklich um eine Wildkatze handelt. „Ich gehe aber zu 90 Prozent davon aus.“ Absolute Sicherheit gibt es allerdings erst, nachdem die Ergebnisse der genetischen Untersuchung aus dem Forschungsinstitut Senckenberg vorliegen. Dorthin hat Leicht ein Stück der Katzenzunge entsendet. Möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich ist, dass es sich bei dem angefahrenen Tier um einen sogenannten „Blendling“ handelt, einer Mischung aus Wild- und Hauskatze.

„Man hat mir gesagt, dass die Katze wohl rollig gewesen sei und möglicherweise deswegen in Richtung Dorf unterwegs war, um sich dort einen Partner zu suchen“, sagt Franziska Wagner. Bis vor 80 Jahren wurden Wildkatzen noch gejagt, erklärt Leicht. Mit teils perfiden Fallen rückte man dem damals als „Schädling“ bekämpften Tier zu Leibe. Die Sichtungen des stillen Einzelgängers wurden in den folgenden Jahrzehnten immer seltener. Erst mit der Einführung des Preußischen Jagdgesetzes im Jahre 1934 wurde die Jagd auf die Wildkatze eingestellt.

Mittlerweile ist sie wieder in Teilen des Landkreises heimisch geworden.Spekulationen über die Größe der Population hält Leicht jedoch für vergebene Liebesmüh. Da die Wildkatze so scheu sei, könne man kaum verwertbare Rückschlüsse auf die Anzahl der Tiere ziehen. „So traurig das jetzt klingt, aber wenn wir mal so ein verunfalltes Tier finden, ist das immerhin ein Indiz dafür, dass Wildkatzen dabei sind, sich angestammte Lebensräume wieder zu erschließen“, sagt Leicht.

In den vergangenen vier Monaten hat es im Forstgebiet Burgwald zwei Wildkatzen-Funde gegeben, sagt Leicht. Mitgezählt ist hierbei aber schon das Tier, das Franziska Wagner auf der K3077 gefunden hat. Ob es sich dabei wirklich um eine Wildkatze handelt, das wird sich in ein paar Wochen zeigen.

von Dennis Siepmann

 
Hintergrund
Die Europäische Wildkatze oder Waldkatze ( Felis silvestris silvestris) ist in Europa, auf einigen Mittelmeerinseln und in Teilen Südwestasiens verbreitet und zeichnet sich vor allem durch den buschigen Schwanz aus, der in einer breiten, stumpfen Rundung endet. Am Schwanzende finden sich häufig drei schwarze „Kringel“. Das Fell ist dicht, das Streifenmuster recht auffällig, aber auch oft verwaschen.
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