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Die große Stärke: Eigeninitiative

Brachter Bürger sprachen über die Vorzüge, Schwächen und die Zukunft ihres Dorfes Die große Stärke: Eigeninitiative

Es war eine Art Nabelschau, zu der am Dienstagabend knapp 200 Einwohner Brachts in die Mehrzweckhalle gekommen waren. Sie beschäftigten sich an diesem Abend ausschließlich mit sich selbst.

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Bracht sieht nicht nur gut aus, sondern hört sich auch gut an. Der Posaunenchor und der Gesangverein musizierten am Gesprächsabend in der Mehrzweckhalle. Foto: Matthias Mayer

Bracht. Es war eine Art Nabelschau, zu der am Dienstagabend knapp 200 Einwohner Brachts in die Mehrzweckhalle gekommen waren. Sie beschäftigten sich an diesem Abend ausschließlich mit sich selbst.

von Matthias Mayer

Bracht. Was haben wir? Was zeichnet unser Dorf aus? Was fehlt uns? Wo wollen wir mal hin? Was können wir noch tun, um unsere gemeinschaftlichen Wünsche zu verwirklichen? Es sind existenzielle Fragen einer jeden Dorfgemeinschaft, die an jenem Abend die Brachter wohl zum ersten Mal in der Geschichte ihres Dorfes in einem so großen Rahmen besprachen. Und das im Beisein aller relevanten Dorf-Gruppierungen.

Für Letzteres hatten schon die Einladenden gesorgt: Der Ortsbeirat, die Vereinsgemeinschaft und die Kirchengemeinde repräsentieren Bracht. Dazu kam der „Dienst auf dem Lande“ der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, der mit Pfarrer Karl-Günther Balzer auch den Moderator stellte. Der stammt selber aus Bracht, begrüßte seine ehemaligen Nachbarn auf Brächter Platt und fand entsprechend leicht Zugang zu seinen Gesprächspartnern. Denen hatte zuvor Ortsvorsteher Karl-Heinz Koch noch den „Arbeitsauftrag“ mit auf den Weg gegeben: Herausfinden, was das Dorf lebenswert und attraktiv macht und Strategien aufzeigen, wie Bracht auch für nachwachsende Generationen liebenswert und zukunftsfest gestaltet werden kann.

Was Brachter Bürgerinnen und Bürger im Gespräch mit Karl-Günther Balzer an Schwächen herausarbeiteten, kann als Blaupause für die meisten Dörfer im ländlichen Raum gelten: Der Lebensmittelladen ist weg, die Bäckerei gibt es nicht mehr, der Geldautomat wurde demontiert, die Wirtschaft geschlossen. Diese Defizite in der Versorgung treffen besonders zwei Altersgruppen: Die noch nicht uneingeschränkt mobilen Jugendlichen, die an diesem Abend von Tom, Paul und Benedikt vertreten wurden, und die nicht mehr uneingeschränkt mobilen älteren Bürgerinnen und Bürger, für die Anneliese Schneider sprach.

Die Jugend drückt ein weiteres Problem: die abendlichen Busverbindungen zwischen Marburg und Bracht. Wenn die Partys in der Stadt gerade richtig interessant werden, ist der letzte Bus nach Bracht längst abgefahren. Und das Fahrrad ist auch keine Alternative. Bracht ist noch nicht an das vorzügliche Radwegenetz des Kreises angeschlossen. Das beginnt in Schönstadt. Mit „zehn Minuten Angst“ beschrieb Karin Lippert den Weg dorthin mit dem Velo über die enge und kurvige Kreisstraße, die wegen des Navi-Unwesens inzwischen auch heftig von 40-Tonnern frequentiert wird.

Aus den Schwachpunkten leiten sich automatisch die Wünsche der Brachter ab, die andernorts auf dem Lande sehr ähnlich klingen: ein rollender Supermarkt, ein mobiler Bäcker, ein Geldautomat, ein Wirtshaus als Treffpunkt und ein Radweg.

Bei den Stärken des Dorfes zeigt sich indes sehr schnell der besondere Charakter Brachts. Das beginnt bei der Lage. „Bracht ist ein Natur- und Erholungsparadies“, stellte Wiegand Schütz fest und verwies auf den 200 Quadratkilometer großen Burgwald, der 75 Prozent des Ortes umgibt. Peter Rambow, der vor zehn Jahren mit seiner Familie aus Marburg nach Bracht gezogen ist, würdigte entsprechend die „himmlische Ruhe“ im Dorf. Seine Ehefrau Karen schwärmte vom „phantastischen Kindergarten“, dessen variabel nutzbare Betreuungszeit von 7 bis 17 Uhr für sie als Mutter von drei Kindern der pure Luxus sei. Übereinstimmend lobten die Eheleute, die dem Posaunenchor beziehungsweise dem Gesangverein angehören, die große integrative Kraft der Vereine.

„Die Vereine sind der Kitt des Dorfes, sie halten die Generationen zusammen“, sagte Werner Metke und unterstrich seine These mit einem Blick auf die zahlreich im Saal vertretenen Mitglieder des Gesangvereins und des Posaunenchors: „Mehr als die Hälfte der Besucher sind aktive Sänger und Bläser“, sagte der Vorsitzende des Gesangvereins und Stadtverordnete.

Der in Bracht lebende Stadtverordnetenvorsteher Norbert Ruhl hob ein weithin unbekanntes Detail hervor: Bracht verfüge kreisweit über die größte Gemarkungsfläche, sei größer als die Kernstädte von Marburg und Stadtallendorf. Das eigentliche Kapital des Ortes seien jedoch dessen Menschen. Diese machten Bracht lebens- und liebenswert.

Das unterstrich auch Bürgermeister Michael Emmerich. Brachts größte Stärke sei das Engagement seiner Bürger. „Wo immer es nottut, wird aus der Bürgerschaft reagiert. So zum Beispiel im Ringen um den Erhalt der Grundschule“, sagte der Bürgermeister.

Wie entwickelt sich dieses Engagement? Anne Schmidt und Astrid Aillaud berichteten darüber am Beispiel des Vereins Bracht aktiv, der sich der Kinder- und Jugendfürsorge verschrieben hat. Am Anfang stand ein Problem: die fehlende Grundschulbetreuung. Mit Hilfe des dafür eigens gegründeten Vereins gelang es, die Betreuung im vom anfänglich 25 auf 85 Kinder gewachsenen Kindergarten unterzubringen. Außerdem organisiert der Verein Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche im Dorf und beteiligt sich an den Rauschenberger Ferienspielen. Selbstverständlich war Bracht aktiv auch dabei, als es galt, Strategien für den Erhalt der ab 2016 oder 2017 wegen Schülermangels von der Schließung bedrohten Grundschule zu entwickeln.

„Die Menschen in Bracht identifizieren sich mit dem, was wir haben und was wir sind. Hier reden die Leute über ,unsere Kirche‘ und nicht über ,die Kirche‘. Das sind Schätze, die ich sehr genieße“, skizzierte Pfarrer Dierk Brüning eine weitere Stärke. Er wünsche sich, dass dieses große Plus im Kampf gegen die Vereinzelung in den Köpfen der Brachter eine größere Wertschätzung erfahre.

Damit leitete der Pfarrer zur nächsten Fragestellung über: Wie soll es weitergehen? Ulrike Bauer vom Arbeitskreis Grundschule erklärte, dass der Kampf für den Erhalt der Schule im Dorf durch aktive Öffentlichkeitsarbeit fortgesetzt werde. Die Schule sei für die Zukunftsfähigkeit des Ortes wichtig. Unterstützung kündigte Bürgermeister Michael Emmerich an. Notfalls müssten in Absprache mit dem Landkreis und der Rauschenberger Grundschule ein paar schwache Jahre an der Brachter Schule überbrückt werden. Die Stadt werde durch die Ausweisung von Baugebieten in Bracht und Bracht-Siedlung den „Zuzugsort ohne Leerstand“ stärken und suche zudem ein Förderprogramm für die Finanzierung eines Radweges.

„Der Treffpunkt des Dorfes ist derzeit der Friedhof“, unterstrich die Stadtverordnete und Ortsbeirätin Karin Lippert die Notwendigkeit für ein Wirtshaus. Und auch die Verwirklichung dieses Wunsches haben die Brachter bereits in eigene Hände genommen. Im Martin-Luther-Haus soll ein Dorfplatz-Wander-Café eingerichtet werden. Wer bei diesem Zukunftsprojekt mithelfen möchte, konnte sich an jedem Zukunftsabend gleich in ausliegende Listen eintragen.

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