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Die Umzugskistensind noch nicht gepackt

Anja Fülling verlässt Kirchspiel Die Umzugskistensind noch nicht gepackt

Zäsur für das Kirchspiel Josbach-Hatzbach-Wolferode: Nach gut achtjähriger Tätigkeit in den drei Gemeinden wird Pfarrerin Anja Fülling am Sonntag in einem Festgottesdienst verabschiedet.

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Noch ist nichts verpackt: Pfarrerin Anja Fülling in ihrem Arbeitszimmer im Josbacher Pfarrhaus. Die Pfarrerin verlässt das Kirchspiel Josbach-Hatzbach-Wolferode Richtung Nordhessen. Foto: M. Mayer

Josbach. Schon ab Montag ist die Seelsorgerin nicht mehr im Dienst. Sie zieht es aus familiären Gründen zurück in ihre nordhessische Heimat, wo sie im Wolfhagener Stadtteil Altenhasungen in der Nähe ihrer Eltern eine Pfarrstelle antritt. Ihr Mann, Pfarrer Dr. Michael Dorhs, ist im nahen Kassel im Landeskirchenamt als Referent der Evangelischen Kirche von Kurhessen Waldeck für den Bereich Schule und Unterricht tätig.

Mit großer Offenheitempfangen

Seit dem 1. November 2008 ist Anja Fülling nach ihrem Theologie-Studium in Bethel, Heidelberg und Marburg Pfarrerin des Kirchspiels. Die drei Gemeinden hatten die junge Vikarin, die erst am Sonntag vor ihrem Dienstantritt in Schlüchtern zur Pfarrerin ordiniert wurde, zu ihrer Kirchspiel-Pfarrerin gewählt. Das sollte sich für beide Seiten als segensreiche und glückhafte Entscheidung erweisen.

Beim OP-Besuch im Josbacher Pfarrhaus erzählt die Pfarrerin von der großen innerlichen Kraft, den ihr der Ordinierungsgottesdienst gegeben habe. „Ich bin Pfarrerin und ich kann das jetzt“, schildert sie ihre damalige Empfindung, die sie davor bewahrte, ohne Gefühle wie Unbehagen oder gar Angst sich den ihr anvertrauten Gemeinden zu stellen.

Ein gutes Miteinander von Pfarrer und Gemeinde ist trotz des gemeinsamen christlichen Auftrags und Anliegens nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit. Unterschiedliche Auffassungen und eine nicht passende Chemie können Störfaktoren sein.

Anja Fülling blieb in ihrer ersten Pfarrstelle davor bewahrt. „Die Gemeinden haben es mir sehr leicht gemacht und sind mir mit großer Offenheit begegnet. Das gilt auch für die von mir eingebrachten Ideen. Wir haben die Dinge gemeinsam besprochen und dann gesagt, lasst uns das probieren“, erzählt die Pfarrerin. Sie habe diese Offenheit der drei Kirchenvorstände und der Gemeindemitglieder sehr genossen. Diese haben sie ermutigt, viele neue Dinge zu entwickeln. „Das war eine lebendige und vielfältige Zeit, geprägt von einem hohen Engagement der Ehrenamtlichen. Im Vorfeld von Festen oder Projekten kamen Gemeindemitglieder zu mir und sagten, ,das kann ich, hier kann ich helfen‘“, erinnert sich Anja Fülling an die ersten Jahre.

Weil klein an Mitgliedern, sind die drei Gemeinden regelrecht arm. Das hatte man der Pfarrerin schon vor deren Amtsantritt gesagt, sodass sie es anfangs nicht wagte, Druckerpapier auf Gemeindekosten zu kaufen. Anja Fülling regte die Einführung eines freiwilligen Kirchgeldes für die notwendigsten Ausgaben an, was die Kirchenvorstände billigten. Jetzt reicht das Geld für das Druckerpapier aber nicht dafür, um die Kirchen im Winter zu beheizen. „Im Winter finden unsere Gottesdienste im Gemeinderaum statt. Das ist kein Schaden, da kommen wir als Gemeinde enger zusammen“, macht sie aus der finanziellen Armut eine Tugend, die einen Bezug zu den christlichen Anfängen hat: Jesus Christus wurde in einem Stall geboren. Und am Palmsonntag zog der König der Juden auf einem Esel in Jerusalem ein.

Arm an Geld und reich an Ideen und im Glauben

So arm das Kirchspiel an Finanzmitteln ist, so reich ist es im Glauben und an Ideen. So wurde im Kirchspiel das Pilgern eingeführt. Verteilt auf zwei Jahre pilgerten Kirchspiel-Angehörige vom Kloster Volkenroda in Thüringen über 300 Kilometer bis nach Loccum am Steinhuder Meer. Genächtigt wurde auf Isomatten in Gemeindehäusern. „Die Stimmung war super“, erinnert sich Anja Fülling an das gute Miteinander der Pilger mit der Altersbandbreite vom Teenager bis zum 70-Jährigen. Mehr Komfort und weniger Anstrengung bot die zweite Pilgertour auf dem Lutherweg zwischen Eisenach und Friedewald im vergangenen Jahr.

Nicht alle Kirchspiel-Projekte haben einen sofort erkennbaren kirchlichen Bezug. Dazu gehören die Ritterspiele, die Tagesfahrten für Senioren, das aufwendige Luther-Mahl oder die Gründung des Café Milchbank, das ins Leben gerufen wurde, weil es für ältere Leute kaum noch Möglichkeiten gab, sich untereinander zu treffen.

„Eine Pfarrerin allein kann Gottesdienste vorbereiten und Hausbesuche machen - aber nicht das bewirken, was mithilfe der vielen Menschen aus dem Kirchspiel, die sich eingebracht haben, erreicht wurde. Diese Menschen sind ein unglaublicher Schatz“, sagt die Pfarrerin, die davon überzeugt ist, dass diese gefestigte Gemeinschaft auch ohne sie diese Arbeit fortsetzen kann. Gleichwohl räumt sie ein, dass es ihr schwer fällt, Josbach und diese beiden anderen Gemeinden zu verlassen. „Ich bin hier zu Hause, auch wenn es nicht meine Heimat ist. Es gibt nur sehr wenige Häuser im Kirchspiel, mit deren Bewohnern ich nichts zu tun hatte. Die Menschen werde ich vermissen“, sagt sie und ergänzt, dass dies auch für die drei so unterschiedlichen Kirchen in Josbach, Hatzbach und Wolferode gilt. „Sie haben alle eine klare Linie und ihre Besonderheiten. In ihnen wurde nichts nachträglich verbaut“, konstatiert die Pfarrerin. Vielleicht auch deshalb will sie Kirchspiel-Pfarrerin bis zum letzten Augenblick bleiben. Beim OP-Besuch war noch keine Umzugskiste gepackt.

Abschiedsgottesdienstin Hatzbach

In Hatzbach, das über die größte Kirche des Kirchspiels verfügt, findet am Sonntag ab 13.30 Uhr ihr Abschiedsgottesdienst statt. Da die Kirche den Menschenandrang nicht fassen wird, gibt es eine Liveübertragung ins Bürgerhaus Hatzbach. Dort gibt es anschließend einen Empfang, bei dem sich die Gemeindemitglieder von ihrer beliebten Pfarrerin verabschieden können.

So ganz endgültig wird dieser Abschied noch nicht sein, denn Anja Fülling wird ihre Konfirmanden natürlich bis zur Konfirmation begleiten. Die Gottesdienste finden am 30. April in Hatzbach und Wolferode und am 7. Mai in Josbach statt.

Spätestens dann gibt es im Kirchspiel eine Vakanz, von der Anja Fülling hofft, dass sie bis zum Herbst mit einer Neubesetzung durch den Bischof beendet sein wird. Ihr Wunsch an ihre stets loyalen Kirchenvorstände und die Gemeindemitglieder: „Empfangt meinen Nachfolger mit der gleichen Offenheit, mit der Ihr mich empfangen habt. Und macht Euch bewusst, was Ihr alles leisten könnt.“

von Matthias Mayer

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