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Die Seele bleibt auf der Strecke

Pflegesystem Die Seele bleibt auf der Strecke

Zeit ist ein kostbares Gut in Altenheimen. Wie kostbar, das wurde beim Aktionstag am Montag deutlich.

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Nina Fischer hält die Hand eines bettlägerigen Bewohners im Altenheim St.Bonifatius und redet beruhigend auf ihn ein.

Quelle: Nadine Weigel

Stadtallendorf. Normales Tempo kennt Schwester Nina nicht. Sie läuft. „Anders geht es nicht“, sagt Nina Fischer, öffnet die Tür und ruft fröhlich „Hallo, guten Tag“. In einem Bett am Fenster liegt Herr R. Der 80-Jährige leidet unter Parkinson, er ist dement, seine blauen Augen blicken starr an die Decke. Behutsam lagert Nina Fischer den alten Mann anders, damit er sich nicht wund liegt. Als sie fertig ist, hält sie inne, redet mit Herrn R. und tätschelt sanft seine Wange, bis sie in seine ferne Welt durchgedrungen ist. Er lächelt.

Eigentlich hätte Schwester Nina für diese Streicheleinheiten keine Zeit. Denn der Pflegeplan in deutschen Altenheimen ist straff. Zu straff. „Es ist klar, dass da die menschliche Seite zu kurz kommt“, weiß Schwester Ninas Chef. Georg Gnau, Leiter des Altenheims St. Bonifatius in Stadtallendorf, kritisiert die deutsche Sozialpolitik ganz deutlich – und deshalb macht sein Heim mit beim Aktionstag „Jetzt schlägt’s 13“ der Caritas. Der Verband katholischer Altenhilfe in Deutschland lud diejenigen ein, die etwas an der Situation ändern könnten: Politiker. Einer von ihnen ist Manfred Hoim.

Der Kreisbeigeordnete begleitet Schwester Nina bei ihrer Arbeit und ist sichtlich beeindruckt: „Es ist ganz deutlich, dass zu wenig Zeit für Zuwendung vorhanden ist“, sagt Hoim und beobachtet, wie Schwester Nina die Magensonde von Herrn R. überprüft. Hoims Bilanz ist eindeutig: „Der Personalschlüssel müsste verbessert werden.“ Schwester Nina ist derweil wieder in ein anderes Zimmer geeilt. Sie verabreicht Herrn W. Medikamente. Es duftet nach Rosen. „Er hatte einen Garten mit vielen Rosen. Er liebt diesen Duft“, sagt die 50-jährige Altenpflegerin. Sie kennt die Biografien ihrer Heimbewohner ganz genau. „Mann muss die Seele des Menschen bewegen, dann bewegt sich auch alles andere“, betont Schwester Nina lächelnd und eilt schon wieder den Flur des Heimes entlang.

von Nadine Weigel

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