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„Die Polizei schießt sowieso nicht“

Freiheitsstrafe ohne Bewährung „Die Polizei schießt sowieso nicht“

Weil er zwei zur Hilfe gerufene Polizeibeamte bedrohte und in eine Extremsituation versetzte, muss ein 22-jähriger Kirchhainer für ein Jahr ins Gefängnis.

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Kirchhain. Richter Joachim Filmer verweigerte dem achtfach vorbestraften Mann, der unter anderen zu den Drahtziehern des fingierten Raubüberfalls auf den Kirchhainer Aldi-Markt zählte, eine neuerliche Bewährungschance. Die Tat vom 21. Januar 2013 verübte der Kirchhainer unter laufender Bewährung. Zudem brachte er trotz seiner jungen Jahre 20 Ermittlungsverfahren mit in die Hauptverhandlung vor dem Kirchhainer Amtsgericht. Entscheidend war für den Richter aber der Aspekt der Generalprävention. Es sei nicht hinnehmbar, dass Polizeibeamte um ihr Leben fürchten müssten, wenn sie zwei völlig verängstigten Frauen zu Hilfe eilten. „Wir müssen die Polizei schützen“, sagte Filmer, der den Angeklagten wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte in zwei besonders schweren Fällen in Tateinheit mit Beleidigungen verurteilte und in das Urteil eine Verurteilung von 23. April 2013 mit einbezog.

Was war geschehen: Der Angeklagte hatte nach eigenem Geständnis am frühen Morgen des 21. Januar in der elterlichen Wohnung einen totalen Ausraster, weil er sich durch seine Freundin belästigt fühlte. Seine Mutter rief deshalb die Polizei. In der Wohnung trafen die Beamten die beiden völlig verängstigten Frauen an, um die sich der 41-jährige Beamte kümmerte. Sein 33-jähriger Kollege, der den Randalierer seit fünf bis sechs Jahren kennt und zu diesem ein gutes Verhältnis hat, trifft den Urheber in aggressiver Stimmung im Bad an. Seine Hand ist verletzt, der Spiegelschrank liegt in Trümmern. Der Beamte fragt ihn routinemäßig, ob er „gefährliche Werkzeuge“ mitführt. „Nur meine Walther PP“, gibt dieser ungerührt zurück. „Da macht man schon große Augen“, bekennt der Polizist im Zeugenstand. Die Durchsuchung des Störenfrieds bringt aber kein Ergebnis. Der Sohn des Hauses wird ermahnt jetzt Ruhe zu geben. Die Polizisten ziehen sich zurück, bleiben aber in Hörweite des Hauses.

Als sie aus dem Haus wieder Schreie und Schläge hören, fordern sie über Funk Verstärkung an. Es schneit aus allen Rohren, die Funkstreife lässt auf sich warten. Es ist Gefahr in Verzug. Die Beamten gehen ohne Verstärkung zurück in das Haus. Dort wütet der Sohn weiter, bezeichnet seine Freundin als Hure, die wieder anschaffen gehen solle. Und den Beamten ruft er „fickt euch“ entgegen. Als die die Ingewahrsamnahme ankündigen, flieht der 22-Jährige in die Küche. Die Beamten besetzen beide Türen der Küche. „Vorsicht, er hat Messer“, ruft der 41-Jährige seinem jüngeren Kollegen zu, der durch einen Türspalt die Messer in den Händen des Tobenden sieht. Der Beamte läuft außen herum, um seinem Kollegen zu helfen. Das nutzt der 22-Jährige, um durch die verwaiste Tür mit den vier Küchenmessern in sein Kinderzimmer zu fliehen. „Es hätte nicht viel gefehlt, und er hätte ein, zwei Schüsse gefangen. Dann säße er heute vielleicht nicht mehr hier“, schildert der 33-Jährige die dramatische Situation. Die ist noch nicht bereinigt. Der 22-Jährige drückt seine Zimmertür von innen zu. Die Beamten öffnen diese einen Spalt weit und attackieren den Wüterich mit Pfefferspray. Mit vereinten Kräften reißen die Polizisten die Tür aus den Angeln, die auf den 22-Jährigen fliegt. Erst jetzt kann der junge Mann festgenommen werden.

Im Streifenwagen erzählt der alkoholisierte 22-Jährige den Beamten freimütig, dass er die Messeraktion bewusst gemacht habe, um Zeit zu gewinnen, zitierte der 33-Jährige den Angeklagten. Und wie sicher der Angeklagte sich in dieser heiklen Situation gefühlt hat, beschreibt der 41-Jährige Polizist mit einem weiteren Zitat: „Die Polizei schießt sowieso nicht - wegen der Scherereien.“

Der Angeklagte bekannte reumütig, großen Mist gebaut zu haben. Allein aus Scham habe er sich nach der Tat nicht bei den Polizisten entschuldigt. Jetzt wolle er sich bessern, sein Leben in den Griff bekommen. Ein im Sommer verbüßter dreiwöchiger Warnschuss-Arrest habe ihm die Augen geöffnet. Zudem habe er einen Ausbildungsplatz in Aussicht.

Die Berufsperspektive bewegte Oberamtsrat Reinhard Hormel mit „größten Bedenken“ und mit „eineinhalb zugedrückte Augen“ dazu, eine Gesamtfreiheitsstrafe von 12 Monaten, auszusetzen auf vier Jahre zur Bewährung, zu beantragen. Dem schloss sich Rechtsanwalt Thomas Strecker an.

von Matthias Mayer

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