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"Die Politik ist mein A und O"

Ehrung für Nils Runge "Die Politik ist mein A und O"

Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich überreicht am Dienstag in Stadtallendorf das Bundesverdienstkreuz an einen Mann, der mit ihm vor Jahren noch gemeinsam Recht gesprochen hat.

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Nils Runge, hier bei seiner Vereidigung als Stadtrat, erhält heute das Bundesverdienstkreuz. Archivfoto: Rinde

Stadtallendorf. Der Wehrdienst brachte Nils Runge 1962 nach Stadtallendorf, dort lernte er auch seine Frau kennen. Er wurde sesshaft. In den folgenden Jahrzehnten bewegte er auf ganz verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen sehr viel. Dafür dankt ihm heute die Bundesrepublik Deutschland mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes. Runges Liste an Ehrenämter ist lang und facettenreich. Er ist Kommunalpolitiker mit Leib und Seele. „Die Politik ist mein A und O“, sagt er spontan.

Das hat sich aus seiner Familiengeschichte heraus schon angedeutet. Geprägt haben ihn Erlebnisse in seiner Kindheit und Jugend. Geboren wurde Runge als sechstes Kind des Chemikers Dr. Franz Runge und seiner Ehefrau Ilse 1942 in Mannheim. Die Kriegswirren brachten die Familie Ende 1946 nach Halle, wo der Vater eine Professur annahm. Nils wurde in einer sehr politischen Familie groß, alle, insbesondere die Mutter, standen der DDR sehr kritisch gegenüber. Es kamen die Ereignisse des 16. und 17. Juni 1953, des Volksaufstandes in der DDR. Runge erlebte sie als Elfjähriger. Diese Ereignisse schildert er im Gespräch mit der OP detailreich. Er weiß noch genau, was er in welchem Moment getan hat. Etwa, als Demonstranten SED-Mitgliedern ihre Parteiabzeichen abrissen. Oder als er selbst die Großkundgebung am Marktplatz Halle am frühen Abend des 16. Juni miterlebte. Das machte er gegen den Willen seiner Eltern. Doch die Ereignisse waren es auch, die dazu führten, dass ihn seine Eltern in den Westen schickten. Ab 1955 war Nils Runge auf sich allein gestellt, aber er meisterte die Herausforderung. Er entschied sich in diesen Jahren bewusst, bei der BASF eine Lehre als Dreher zu beginnen. Am Ende stand der Facharbeiterbrief.

Hesse-Abwahl war einschneidend

Seit der Kommunalwahl im März 2016 ist Nils Runge Stadtrat. Doch er kennt alle Gremien, die zur politischen Willensbildung in Stadtallendorf gehören. Er führte verschiedene Ausschüsse, war auch sechs Jahre lang Fraktionsvorsitzender der SPD, zehn Jahre lang Stellvertreter. Das ist nur ein kleiner Ausschnitt. Außerdem ist er seit 2004 Kreistagsabgeordneter.

Es gab einschneidende Ereignisse und Erlebnisse in dieser Zeit seiner bisherigen kommunalpolitischen Arbeit. Als Beispiel nennt Nils Runge die Abwahl von Werner Hesse (SPD) als hauptamtlicher Erster Stadtrat durch CDU und Republikaner. „Das war schlimm, aber wir konnten es nicht verhindern“, blickt er zurück. Gefreut hat ihn der Hessentag 2010, den Stadtallendorf so erfolgreich ausrichtete.

In seinem kleinen Büro hängt ein großes Bild der Schalke-Arena, der FC Schalke 04 ist eine seiner großen Leidenschaften. An der Wand gegenüber hängt ein Plan des zweiten Bauabschnitts der B454. „Das war für die Stadt eine tolle Errungenschaft, gut, dass der dritte Abschnitt jetzt auch kommt“, sagt er dazu. Bei allem Engagement war es nicht nur die Politik, die ihn ehrenamtlich bewegte. Nils Runge hat auch die Richterbank gedrückt. Zunächst war er Schöffe am Verwaltungsgericht Gießen, dann zwei Perioden lang ab 2002 ehrenamtlicher Richter einer Strafkammer des Landgerichts Marburg. Ganz unterschiedliche Gerichtsbarkeiten. „Doch beides hat mir viel Freude gemacht“, sagt Runge. Dorthin sei er immer besonders gerne gefahren. Auch wenn mancher Strafprozess ihn auch nach dem Urteil noch beschäftigte. Beim Verwaltungsgericht war er bei einer Kammer eingesetzt, bei der es fast ausschließlich um Anliegerrechte, also zum Beispiel Straßenbeitragsgebühren ging. Auch etwas, was viel mit der Lebensrealität von Menschen zu tun hat.

Außerdem hat der 74-Jährige 1969 die Volleyballabteilung des TSV Eintracht Stadtallendorf mitgegründet. Zwölf Jahre lang war er ihr Leiter.

Nils Runge hat sich einen Namen als jemand gemacht, der sagt was er denkt und der dabei auch einmal Unbequemes anspricht. Sich für andere einzusetzen hat ihm dabei immer viel bedeutet. Fast zwei Jahrzehnte lang war er Betriebsrat bei seinem Arbeitgeber, der Eisengießerei Fritz Winter. Dort hatte er es in nur drei Jahren Betriebszugehörigkeit in der ­Justage bereits zum Vorarbeiter gebracht, war selbst Vorgesetzter von 45 Kollegen. Und natürlich hat er sich auch in der IG Metall als seiner Gewerkschaft engagiert.

Er habe immer Respekt vor der Leistung anderer, sagt der Stadtallendorfer über sich selbst. „Und mir ist es wichtig, zuzuhören“, betont er. Schließlich könnte ansonsten auch mal ein wichtiges Argument oder eine gute Idee übersehen werden.

Nils Runge ist Vater von vier Kindern und hat mittlerweile elf Enkel und zwei Urenkel. Stolz blickt er auf ein Familienfoto im Wohnzimmer. „Dort sind dann mal alle zusammen“, freut er sich.

von Michael Rinde

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