Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 0 ° Regen

Navigation:
"Die Kirche ist da weiter als der Staat"

Gleichstellungsdebatte um Homo-Paare "Die Kirche ist da weiter als der Staat"

"Wir gehen nicht im rosa Tutu zu Veranstaltungen - wir sind ein ganz normales Paar." In ihrer Heimat sind sie engagiert, während sie der Gesetzgeber schikaniert.

Voriger Artikel
Kurzer Draht zu Soldaten
Nächster Artikel
Mitglieder stehen für ihren Verein ein

„Unsere Hunde sind kein Ersatz für einen unerfüllten Kinderwunsch“, widerspricht Norman Merkel-Herwig dem Klischee von schwulen Paaren und ihren Hunden. „Wir sind einfach tierlieb“, ergänzt Maik Merkel-Herwig.Foto: Thomas Strothjohann

Rauschenberg. Als Norman und Maik Merkel-Herwig im Sommer 2012 in Wolferode heiraten, ist das ganze Dorf dabei. Für die 450 Einwohner ist die Schwulen-Hochzeit eine Attraktion. Auch, weil sie in einer Kirche stattfindet. Norman und Maik Merkel-Herwig sagen von sich, dass sie keine Allsonntags-Kirchgänger sind, trotzdem stand für sie fest: „Wenn wir heiraten, dann kirchlich“.

Manche wird es wundern, andere nicht: Die Werte, auf denen diese Partnerschaft fußt, sind die gleichen, die klassischen Ehen zugrunde liegen. „Natürlich gibt es auch in guten Ehen mal Streit“, sagt Maik Merkel-Herwig, „aber wir haben Verständnis füreinander, wir respektieren und lieben uns und treffen Entscheidungen gemeinsam.“

Die Synode der evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck hat der öffentlichen Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren im Gottesdienst im November 2011 zugestimmt. „Da ist die Kirche eindeutig fortschrittlicher als der Staat“, sagt Norman Merkel-Herwig. Die Pfarrerin, die seine Lebenspartnerschaft segnete, habe nie einen Unterschied zur herkömmlichen Ehe gemacht.

Gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften sind 2001 von der rot-grünen Mehrheit im Bundestag zugelassen worden. Das heißt aber nicht, dass eingetragene Lebenspartnerschaften die gleichen Rechte haben wie Ehepaare. Schwule und Lesben fühlen sich vor allem durch das Adoptions- und das Steuerrecht diskriminiert.

"Sukzessivadoption" verstärkt die Diskussion

Am 19. Februar brachte das Bundesverfassungsgericht mit einem Urteil frischen Wind in die Gleichstellungsdebatte. Darin ging es um die so genannte „Sukzessivadoption“, bei der ein Partner das Adoptivkind seines gleichgeschlechtlichen Lebenspartners adoptiert. Während leibliche Kinder vom Lebenspartner adoptiert werden dürfen, war die Adoption eines Adoptivkindes bislang verboten. Die Verfassungsrichter stellten fest, dass dadurch sowohl die betroffenen Kinder als auch die Lebenspartner in ihrem Recht auf Gleichbehandlung (Grundgesetz Art. 3 Abs. 1) verletzt werden.

Das Urteil betrifft nur wenige Paare und ihre Kinder, in der Urteilsbegründung finden sich aber zwei Sätze mit Sprengkraft: „Es ist davon auszugehen, dass die behüteten Verhältnisse einer eingetragenen Lebenspartnerschaft das Aufwachsen von Kindern ebenso fördern können wie die einer Ehe. Bedenken, die sich gegen das Aufwachsen von Kindern in gleichgeschlechtlichen Elterngemeinschaften im Allgemeinen richten, wurden in der ganz überwiegenden Zahl der sachverständigen Stellungnahmen zurückgewiesen.“

Das geht konservativen Politikern wie Christean Wagner, der sich im OP-Interview zum Thema äußert, gehörig gegen den Strich: „Ich glaube, es ist für Kinder und ihre seelische Entwicklung wichtig, dass sie in einer geborgenen Atmosphäre der Familie aufwachsen können“, sagt Wagner und stellt weiter klar, dass eine Familie seiner Auffassung nach aus Frau, Mann und Kind bestehe. Zwei Lesben, die in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft leben und ein Kind haben, sind in seinen Augen keine Familie.

Maik und Norman Merkel-Herwig fühlen sich gedemütigt, weil Konservative wie Wagner annehmen, einem Adoptivkind würde es bei ihnen nicht gutgehen. „Wenn ich in den Nachrichten sehe, dass Kinder verhungern, weil ihre Eltern sich nicht um sie kümmern, erscheint mir das Ganze noch verrückter“, ärgert sich Norman Merkel-Herwig.

7.000 Kinder leben bei Eltern gleichen Geschlechts

Der 26-Jährige und sein 29-jähriger Mann fühlen sich noch zu jung, um Kinder zu haben. Aber wenn es möglich wäre, ein Kind zu adoptieren, würden sie es in ein paar Jahren tun. Dass ihr Kind eine weibliche Bezugspersonen vermissen könnte, macht Norman Merkel-Herwig keine Sorgen. „Mein Vater ist gestorben, als ich noch ein Kind war. Da musste ich auch mit klar kommen.“ Außerdem gebe es in ihren Familien natürlich auch Frauen, die für das Kind da wären. Derzeit leben laut statistischem Bundesamt rund 7000 Kinder bei Elternteilen gleichen Geschlechts.

Die Zulassung der Adoption für gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften ist eng verknüpft mit der steuerlichen Diskriminierung, die diese erfahren. In der traditionellen Annahme, dass Kinder aus Ehen hervorgehen, werden Ehepartner steuerlich erheblich entlastet. Dabei spielt es keine Rolle, ob aus der Ehe tatsächlich Kinder hervorgehen oder nicht.

„Die Finanzen können für uns jedenfalls nicht der Grund gewesen sein, zu heiraten“, sagt Norman Merkel-Herwig mit einem Augenzwinkern - „es war Liebe.“ Dass eine Hochzeit einen steuertechnischen Anlass haben kann, räumt Steuerberater Dietmar Dingel vom Cappeler Steuerberatungsbüro Ruckert ein. Heterosexuelle Ehepaare kommen nämlich in den Genuss des „Ehegattensplittings“. Die Einkommen der Ehepartner werden dabei addiert und nach einer besonderen Tabelle besteuert. So verdoppelt sich beispielsweise der Steuerfreibetrag, ab dem ein Erwerbstätiger Steuern zahlen muss, wenn er heiratet. Der doppelte Freibetrag zählt für beide Einkommen zusammen. Wenn einer der beiden aber weniger oder gar nichts verdient, zahlt der Hauptverdiener deutlich weniger Steuern als vorher.

Zurzeit ist das für Maik und Norman Merkel-Herwig kein Problem, weil sie beide Vollzeit arbeiten. Wenn sie sich aber um ein Kind kümmern müssten, wäre das anders.

von Thomas Strothjohann

Das Interview mit Christean Wagner finden sie hier.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Am liebsten ist ihm der "Normalfall"

Sollten Homosexuelle Paare adoptieren dürfen? Warum sollten sie nicht auch steuerlich begünstigt werden? Der Fraktionsvorsitzende der CDU im hessischen Landtag äußert sich zu diesen Fragen.

mehr

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr