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Die Hasch-Waage gab‘s im Ausverkauf

Geldstrafe für Dealer Die Hasch-Waage gab‘s im Ausverkauf

Die mangelhafte Qualität von Zeugenaussagenhaben schon vielen Angeklagten zu Freisprüchen verholfen. Dieses Glück war gestern einem31-jährigen Kirchhainer nicht beschieden.

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Vor dem Kirchhainer Bahnhof endete am 31. Juli 2013 die junge Dealer-Karriere eines 20-Jährigen mit dessen Festnahme. Die Aussagen des jungen Mannes brachten seinen Lieferanten vor Gericht.     

Quelle: Thorben Wengert

Kirchhain. Der Minijobber musste sich vor dem Kirchhainer Amtsgericht verantworten, weil er laut Anklageschrift im Juli 2013 einmal 10 Gramm und einmal 35 Gramm Haschisch an einen weiteren Kirchhainer verkauft haben soll. Die Anklage stützte sich auf einen einzigen zeugenschaftlichen Beweis - die Aussage des Abnehmers. Harte Sachbeweise wie Drogen wurden beim Angeklagten nicht gefunden. Die Polizei fand lediglich kleine Kunststofftüten und größere Mengen Alufolie in der Wohnung des Mannes, der vor Gericht für den Nutzungszweck dieses klassischen Drogen-Verpackungsmaterial eine nicht unbedingt überzeugende Erklärung gab.

Neun von zehn Zeugen verlassen den Saal

So blieb der heute 21-jährige Zeuge, der Staatsanwalt Poppe wie Richter Joachim Filmer derart überzeugte, dass sie zu der für eine Verurteilung notwendigen Sicherheit gelangten. Das Gericht verurteilte den nicht einschlägig vorbestraften Angeklagten wegen unerlaubten Handelns mit Betäubungsmitteln zu einer Geldstrafe in Höhe von 70 Tagessätzen à 12 Euro.

Der Angeklagte hatte zuvor die Taten bestritten. Er sei Konsument und kein Dealer. „Ich habe mit der Sache eigentlich nichts zu tun. Ich habe ihm nichts verkauft. Wir sind nicht befreundet, ich kenne ihn nur vom Hören und Sehen“, gab er zu Protokoll.

An dieser Stelle hätte das Verfahren schon beendet sein können, denn Richter Joachim Filmer wies den Abnehmer vor dessen Zeugenaussage eindringlich auf sein Zeugnisverweigerungsrecht hin. Es bestehe die Gefahr, dass er sich durch Aussagen einer weiteren Strafverfolgung aussetze. Neun von zehn Zeugen stehen in dieser Situation auf und gehen. Nicht so dieser Zeuge.

Einkaufen für 9 Euro, Weiterverkauf für 10 Euro

Er berichtete dem Gericht von seinem Haschisch-Konsum und von seiner Idee, sich diesen durch das Dealen zu finanzieren. Der Geschäftsplan: Einkaufen für 9 Euro, Weiterverkauf auf der Straße für 10 Euro. Eine aberwitzige Idee: Für eine lächerliche Gewinnspanne von 45 Euro setzte er sich dem großen Risiko einer Strafverfolgung aus.

Ein Bekannter habe ihn auf den Angeklagten hingewiesen, weil dieser über einen Marburger Großhändler leichter an den Stoff komme als er selbst, sagte der Zeuge. Bei diesem habe er einmal 10 Gramm und eine Woche später 35 Gramm gekauft und bar bezahlt.

Anschließend plauderte er sehr detailliert über die Geschäfte. Kommunikation? Nur über das persönliche Gespräch. Telefonate und SMS sind zu gefährlich. Übergabe: Einmal im Wohnzimmer des Angeklagten, einmal unten im Hausflur. Die 35 Gramm holt der Händler auch ohne Vorbestellung oben aus der Wohnung. Verpackung? Keine. Ein Haschisch-Riegel passt auch so in die Hosentasche. Die Ausrüstung? Waage im Fachhandel gekauft - und zwar im Ausverkauf! Ebenso die Portionstüten. Das Ziel? „Ich hätte weitergemacht, aber dann gab es den großen Knall. Gott sei Dank, denn sonst wäre noch Schlimmeres passiert“, sagte der Zeuge.

"Wahrscheinlich verhandeln wir hier nur über die Spitze des Eisberges"

Der große Knall erfolgte am 31. Juli 2013, als die Polizei den Jung-Dealer mit 22 Gramm Haschisch in der Tasche vor dem Kirchhainer Bahnhof festnahm.

Rechtsanwältin Rabea Schuchardt monierte einige Abweichungen zwischen den Aussagen des Zeugen vor der Polizei und vor Gericht. Außerdem sei es für sie nicht nachvollziehbar, dass der Zeuge bei ihrem Mandanten Drogen gekauft haben soll, während in seinem Wohnhaus ein Dealer lebe. Möglicherweise habe der Zeuge diesen Mann schützen wollen und deshalb ihren Mandanten zu Unrecht beschuldigt, mutmaßte die Verteidigerin, die für den Angeklagten Freispruch beantragte.

Dem folgte das Gericht nicht. Die Aussagen des Zeugen seien im Kern konstant. Dieser den Angeklagten zusammen mit dem von ihm benannten Hauptlieferanten in Kirchhain gesehen. Zudem habe der Zeuge weder Belastungstendenzen erkennen lassen noch einen Grund gehabt, eine Geschichte zu erfinden, sagte Joachim Filmer.

Als bedenklich stufte der Richter die Tatsache ein, dass der Angeklagte ohne Vorbestellung 35 Gramm habe liefern können. „Wahrscheinlich verhandeln wir hier nur über die Spitze des Eisberges“, sagte er und empfahl dem Angeklagten, die Geldstrafe als letzten Warnschuss zu begreifen.

von Matthias Mayer

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