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"Deutschland war vergiftet"

Zeitzeugen "Deutschland war vergiftet"

Es war ein deutlicher Appell, den der Holocaust-Überlebende Walter Spier in der Aula der Alfred-Wegener-Schule (AWS) an die Schüler richtete. Er rief dazu auf, das Geschehene nicht zu vergessen.

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Walter Spier (rechts) berichtete von seinem Leidensweg. Begleitet wurde er von Annamaria Junge, die in einem Buch das Leben des 87-Jährigen thematisierte. Lehrer Sebastian Sack moderierte die Veranstaltung.Foto: Karin Waldhüter

Kirchhain. Walter Spier ist einer der wenigen Holocaust-Überlebenden, die noch selbst von ihrem Leidensweg berichten können. Die Alfred-Wegener-Schule hatte den Zeitzeugen eingeladen, damit er den Schülern aus erster Hand Informationen über das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte geben konnte.

Walter Spier, geboren 1927, stammt aus Rauischholzhausen, lebt aber inzwischen in New York. Die Rückkehr in die alte Heimat sei ihm nicht leicht gefallen, erklärte seine Frau Karla den Schülern. Walter Spier ließ zunächst sie für ihn sprechen: Er fürchtet, es könnte für ihn zu emotional werden, selbst zu berichten.

„Es ist sehr schwierig und sehr emotional für uns, hier zu sein“, sagte Karla Spier auf Englisch. Sie wurde 1932 geboren und stammt aus Bad Zwesten. Ihr Mann war im Jahr 1942 gemeinsam mit seinen Eltern und seinem Bruder Martin in das Ghetto Theresienstadt deportiert und von dort nach Auschwitz gebracht worden. Als sich die Alliierten näherten, schickten ihn die Nazis auf einen „Todesmarsch“ nach Mauthausen in Österreich.

„Ich war kein menschliches Wesen, ich war eine Nummer“, erzählte Spier und betonte: „Mein Leben war gebrandmarkt durch eine Nummer. Ich konnte nicht glauben, dass Menschen das taten, was sie taten.“

„Wie konnten Sie überleben, wenn Ihr Vater nicht arbeiten durfte“, fragte eine Schülerin. „Nicht jeder in Deutschland war ein Nazi“, lautete die Antwort des Zeitzeugen. Es seien einige Deutsche, „die treuen Nazis“, gewesen, durch die ihr Leben elend geworden sei. Aber es habe auch gute Nachbarn gegeben, die heimlich geholfen hätten.

„Ich weiß nicht mehr, was ich gestern gefrühstückt habe, aber noch genau, was vor über 70 Jahren geschehen ist, als sich die KZ-Tore öffneten“, erinnerte er sich und es war ihm anzumerken, wie schwer ihm die Erinnerung fiel. Er berichtet von SS-Männern mit Zigaretten im Mund und dem Moment der Trennung von seiner Familie, seiner Rückkehr nach Rauischholzhausen, wo er noch ein Jahr lang blieb: „Deutschland war vergiftet, und ich wollte nicht länger ein Teil davon sein.“

Er erzählte von Angehörigen, die auf dem jüdischen Friedhof in Rauischholzhausen begraben sind, seinem Vater, der im Ersten Weltkrieg als Soldat gekämpft hatte, von seiner Befreiung, seinem Leben in Amerika, seinen Söhnen und Enkeln und dem schweren Besuch einer KZ-Gedenkstätte. Sein Bericht war so intensiv und eindrucksvoll, dass keiner der rund 150 Oberstufenschüler reagierte, als die Pausenklingel ertönte.

Die Mutter des 87-Jährigen ist Jenny, die Tochter von Sannchen und Wolf Wertheim und die Schwester von Adolf und Meier Wertheim. An sie und ihre Familien erinnern seit einigen Tagen die von Künstler Gunter Demnig gelegten „Stolpersteine gegen das Vergessen“ in der Kirchhainer Raiffeisenstraße und „Unterm Groth“.

An die Schule kamen die Eheleute Spier auf Einladung des Arbeitskreises „ARRET-Stoppt! Antisemitische, Rassistische, Rechtsextremistische Tendenzen“. Der Arbeitskreis, der sich aus Schülern und Lehrern zusammensetzt, entstand nach der Gedenkveranstaltung „75 Jahre Reichspogromnacht“. Von seinen Mitgliedern stammt die Idee, in Kirchhain „Stolpersteine gegen das Vergessen“ zu verlegen.

„Es ist eine große Ehre, dass Sie heute dabei sein können“, erklärte Lehrerin Barbara Sonnenberger. Sie hob hervor, dass der Arbeitskreis stark von der Arbeit von Annamaria Junge profitiert habe. Junge, die ebenfalls an der Schule zu Gast war, hatte in Rauischholzhausen Forschungen zur NS-Zeit unternommen und das Leben Walter Spiers in dem Buch „Niemand mehr da“ thematisiert.

Schüler des Arbeitskreises erinnerten mit Biografien der Familien Wertheim und Strauss an die Stolpersteinverlegung. Schüler Lasse Nowak hob hervor, dass es wichtig sei, sich auch heute noch zu erinnern.

Selten habe er eine Unterrichtsstunde gesehen, bei der es so ruhig gewesen sei, erklärte Schulleiter Matthias Bosse. „Ich hoffe, wir nehmen diese echte Geschichtsstunde mit der Offenheit und Charakterstärke mit, die er gezeigt hat“, betonte er.

Umrahmt wurde die Veranstaltung, wie schon die Verlegung der Stolpersteine, durch Beiträge der Schüler des Wahlpflichtkurses Musik 10 unter der Leitung von Torsten Mihr und eine szenischen Darstellung des Kurses Darstellendes Spiel unter der Leitung von Silke Trux.

von Karin Waldhüter

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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