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Der virtuelle Lehrer ist gnadenlos

Fahrsimulator Der virtuelle Lehrer ist gnadenlos

Einsteigen, anschnallen, starten - es ist fast wie bei der allerersten Fahrstunde damals im schwarzen Golf. Diesmal allerdings geht es nicht mit einem Auto los, sondern in einem Simulator in den Räumen der Fahrschule.

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Fahrlehrer Manfred Bernert aus Kirchhain an seinem Simulator, der Fahrschülern die Angst vor dem Straßenverkehr und der ersten Fahrstunde nehmen soll.

Quelle: Katharina Kaufmann-Hirsch

Kirchhain. Früher war Führerschein machen gleichbedeutend mit Fragebögen ausfüllen, Lösungsschablone anlegen und natürlich Autofahren, äh... abwürgen. Heute sieht die Ausbildung ganz anders aus: Fragen werden am Computer, Tablett oder mit einer Handy-App beantwortet. Eine Rückmeldung, ob die Antwort korrekt ist oder falsch, gibt es direkt. Schummeln - wie bei den Fragebögen - ist so gut wie unmöglich. Und selbst die Grundlagen des Auto­fahrens müssen heutzutage­ nicht mehr im Auto geübt werden. Fahrsimulatoren haben Einzug gehalten in deutschen Fahrschulen.

So auch in Kirchhain. Manfred Bernert ist einer der Fahrlehrer im Landkreis, der seinen Schülern jetzt alternativ zu den ersten Runden auf einem Parkplatz Fahrstunden im Simulator anbietet. „Damit können Fahranfänger im Schonraum Fahrschule ohne Gefahren und Stress erste Fahrversuche unternehmen und die Grundlagen des Autofahrens üben“, erklärt er die Idee des Gerätes in einem Satz.

In einem Raum der Fahrschule steht seit Oktober ein Auto-Cockpit. Sitz, Lenkrad, Pedale,­ Schalthebel, Blinker - alles vorhanden. Drei große Computermonitore bilden die Windschutzscheibe. Eine Kamera über den Monitoren kontrolliert die Handlungen des Fahrers, ­damit der virtuelle Fahrlehrer Fehler korrigieren kann.

Und er ist streng, der virtuelle Fahrlehrer. Strenger als Bernert. „Du bist nicht angeschnallt“, warnt die Computerstimme, nachdem sie die heutige Unterrichtseinheit kurz erläutert hat. Es soll erst ums Lenken, dann ums Abbiegen gehen. Und dann geht es auch schon los.

Die ­erste Runde im Slalomparcours muss der Fahrschüler nur lenken, Gas und Bremse steuert der Simulator selbst. Beim nächsten Mal allerdings ist der Schüler dann selbst gefordert: „Bremse und Kupplung treten und den Startknopf drücken“, fordert die Computerstimme. Und weiter: „Kupplung kommen lassen, Gas geben, anfahren.“ Gesagt, getan, abgewürgt.

Sechs Module à 45 Minuten, die den ersten sechs Fahrstunden entsprechen, bietet Bernerts Simulator aktuell an: Von der Funktion des Autos und dem Einstellen der richtigen Sitzposition und der Spiegel über Anfahr- und Lenkübungen bis zu Abbiegemanövern und Rechts-vor-Links-Situationen reichen die Übungseinheiten derzeit. Zwei weitere Module sollen Anfang 2017 folgen.

Sitz und Lenkrad vibrieren

„Bis jetzt habe ich nur positive Erfahrungen mit dem Simulator gemacht“, sagt Bernert. Die Fahrschüler seien deutlich sicherer im Straßenverkehr und hätten weniger Angst, wenn sie auf das „echte Auto“ umsteigen würden, ergänzt der 60-Jährige.

Vom „echten Auto“ unterscheidet sich der Simulator eigentlich nur durch die fehlende Karosserie. „Motor starten, ersten Gang einlegen, anfahren“, erklärt die geduldige Stimme des virtuellen Fahrlehrers erneut - und kein bisschen müde. Diesmal klappt das Anfahren ohne Abwürgen. „Du hast den Schulterblick und das Blinken vergessen“, korrigiert der Simulator ­jedoch nur Sekunden später. Die winzige Kamera über den Monitoren erfasst auch die kleinste Bewegung des Fahrschülers. Es holpert, der Sitz und auch das Lenkrad vibrieren. „Du bist über den Bordstein gefahren. Pass‘ besser auf“, ertönt es als Nächstes. Der virtuelle Lehrer ist gnadenlos.

Das hat auch Manfred Bernert festgestellt: „Dadurch haben die Fahrschüler aber die Grundzüge fast schon perfekt drauf. Als Fahrlehrer muss ich nicht mehr so schnell eingreifen oder etwa an den Schulterblick erinnern.“

Das Gefühl des Fahrens im ­Simulator ist ein wenig seltsam. An die ruckeligen Bewegungen und die bewegten Bilder muss man sich gewöhnen. An die Kupplung, die Bremse und die Lenkung auch. „Das war sehr gut“, lobt der Computer nach einem erfolgreichen Abbiegemanöver: „Und gleich nochmal!“

von Katharina Kaufmann-Hirsch

 
Studie

- Eine von "Moving" der Interessenvereinigung europäischer Verkehrsverlage und Unternehmungen, die im Bereich der Fahrerlaubnisausbildung tätig sind in Auftrag gegebene Studie des Instituts für Automobilwirtschaft (IFA) zum Einsatz von Fahrsimulatoren in Fahrschulen für die Fahrerlaubnisklasse B (Pkw) kommt zu dem Ergebnis, dass die Nutzung eines Fahrsimulators in der Fahrschülerausbildung eine sinnvolle Ergänzung des Unterrichts sein kann.

- Den Simulatoren wird ein hohes pädagogisches Potenzial attestiert, wenngleich sie nicht in der Lage seien, Fahrlehrer zu ersetzen insbesondere was das Einfühlungsvermögen und den sozialen Kontakt während der Ausbildung angeht. Fahrsimulatoren können laut Studie aber stressfrei dazu beitragen, Ängste vor dem Straßenverkehr abzubauen und ein Grundverständnis für den Verkehr und den Umgang mit dem Fahrzeug zu schaffen.

-Wird der Simulator in diesem Rahmen vor den ersten realen Fahrstunden und anschließend praxisbegleitend genutzt, ist der Einsatz der Studie zufolge als sinnvoll zu bewerten. Gleichwohl bleibe festzuhalten, dass Fahrsimulatoren die Ausbildung in einem realen Fahrzeug nicht vollumfänglich ersetzen können und sollen.

- Was den finanziellen Aspekt angeht, gelangt die Studie zu dem Schluss, dass durch Fahrstunden im Simulator wenn auch nur wenig Geld gespart werden kann.

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