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Der trübe Tag der großen Emotionen

Stolpersteine Der trübe Tag der großen Emotionen

Steine gegen das Vergessen und Tränen der Rührung: Unter großer Beteiligung der Bevölkerung wurden am Samstag 15 Stolpersteine im Gedenken an jüdische Bürger gesetzt, die in der NS-Zeit gelitten hatten, vertrieben oder ermordet wurden.

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Vor dem Haus Steinweg 4 verlegte Künstler Gunter Demnig fünf Stolpersteine zur Erinnerung an Familie Adolf und Bella Plaut.

Quelle: Karin Waldhüter

Kirchhain. Manchmal schrumpft eine Zeitspanne von fast acht Jahrzehnten auf einen kleinen Moment zusammen und scheint plötzlich greifbar nah zu sein. Als Meir Wertheim, Estee Bligh und Tochter Karen Haber, die für die Gedenkfeier aus Israel angereist waren, ergriffen das Mikrofon nehmen, ist so ein Moment. Vor dem Haus Am Marktplatz 3 gedenken sie an diesem trüben Samstagmorgen zusammen mit rund 100 Menschen ihrer Familie, die hier einst zuhause war und einen Viehhandel und ein Warenhaus betrieb, und immer wieder steigen ihren die Tränen der Rührung in die Augen.

Schließlich findet Meir Wertheim die Kraft, „Thank you for all - Danke für alles“ zu sagen. „You are doing a wonderful thing - Sie tun etwas Wundervolles“, sagt er und rührt mit seiner offenen Art auch manchen Besucher zu Tränen. Künstler Gunter Demnig hatte zuvor sechs Stolpersteine mit den Lebensdaten der Familie auf die Straße gesetzt.

Dank an ehemalige Lehrer

Ausgegangen ist die Verlegung von Stolpersteinen von einer Anregung von Schülern der Alfred-Wegener-Schule. 2014 beschloss das Stadtparlament einstimmig, das Projekt „Stolpersteine für Kirchhain“ zu realisieren. Es ist ein Projekt, das Schüler und Lehrer der AWS, Mitglieder des Heimat- und Geschichtsvereins, der politischen Parteien und die Stadt Kirchhain unter der Überschrift „Arbeitskreis Stolpersteine“ vereint. Bei der Erstverlegung im Oktober 2015 waren zehn Stolpersteine verlegt worden.

Schüler und Lehrer sowie der Geschichtsverein hatten in den letzten Monaten die Biografien der Familien Julius Plaut, Adolf Plaut, Ludwig Abt und Meier Wertheim I. recherchiert. Meir Wertheim ist der Sohn von Walter Wertheim (geb. 1915) und lebt heute in Israel. Walter und seine Brüder Herbert (geb. 1906), Kurt (geb. 1908) und Günter (geb.1924) sind die Söhne von Meier (geb. 1878) und Minna Wertheim (geb. 1881).

Estee Bligh ist die Tochter von Kurt Wertheim. Sie war auch bei der ersten Stolpersteinverlegung dabei, sprach damals auch mit Schülern. Daraus entstand eine enge Bindung. Die wird spürbar, als sie ihren Dank an Lehrerin Barbara Sonnenberger, Schulleiter Matthias Bosse, den ehemaligen Schüler Lasse Lowak und an Kerstin Ebert, Vorsitzende des Geschichtsvereins, richtet und diese mit Vornamen anspricht.

Nächtliche Flucht im Laufschritt nach Marburg

Hochemotional erinnert Estee Bligh an die Flucht ihres Vaters im Jahre 1935. Von Verhaftung bedroht, blieben ihm zwei Stunden Zeit, um aus Kirchhain zu fliehen. Mit tränenerstickter Stimme holt ihre Tochter Karen Haber die Vergangenheit zurück. Man stelle sich vor, die Tür seines Zuhauses für immer zu schließen, die Häuser hier zu sehen, über den Platz zum Bahnhof zu laufen und durch die Schatten der Dunkelheit an den Gleisen entlang bis nach Marburg zu rennen. „Ich bin dankbar, dass wir die Tür zu unseren Herzen wieder öffnen“, sagt sie unter Tränen und ihre Mutter nimmt sie tröstend in den Arm.

In diesem hochemotionalen Moment fällt es Landrätin Kirsten Fründt nicht leicht, Worte an die Versammlung zu richten. Immer wieder bricht ihre Stimme, und sie muss einen Moment inne halten. „Das, was Sie hier auf die Beine gestellt haben, ist etwas ganz wertvolles“, sagt sie. Die Erinnerung aufrecht zu erhalten und über Menschen zu reden und den nachfolgten Familien einen Ort zu geben, an den sie gehen können, sei etwas ganz besonders.

Aus London angereist, nahmen auch Nachfahren der Familie Adolf Plaut an der Gedenkfeier teil. Gekommen waren Enkel David Plaut, seine Frau Judy und Davids Schwester Marylin mit ihrem Mann Frank Kanter. Am Steinweg 4 erinnern fünf Stolpersteine an Familie Sara und Levi Plaut, aus deren Verbindung die Söhne Adolf, Julius und Helene hervorgingen. „Vor dem Haus zu stehen, in dem unsere Großeltern gelebt haben, ist ein sehr emotionaler Moment für mich“, erklärte David Plaut. „Die vorangegangenen Recherchen und ihr offensichtliches Interesse an den Ereignissen vor 80 Jahren, die Bereitschaft, anzuerkennen, dass Menschen aus unserem Ort vertrieben wurden, haben mich beeindruckt und berührt - auch der Wunsch, mit den Familien derer in Verbindung zu treten, die damals großes Leid erfahren haben“, sagt der 68-Jährige.

Brutaler Angriff auf die Familie Julius Plaut

Begonnen hatte die Veranstaltung vor der Villa „Am Gipshaus“, heute Am Bahnhof 6. Mit Unterstützung durch Bauhofmitarbeiter hatte Künstler Gunter Demnig still drei Stolper­steine in Erinnerung an Familie Julius Plaut, seine Frau Selma und Tochter Helga verlegt. In der Pogromnacht war das Ehepaar Opfer eines brutalen Angriffs geworden und schließlich aus Deutschland geflohen. In der Brießelstraße 34 erinnert ein Stolperstein an Ludwig Abt. Er starb 1943 im KZ Theresienstadt, angeblich an den Folgen einer Nierenbecken- und Lungenentzündung.

Das Thema „Flucht“ stellte eine Gruppe Schüler, die sich aus verschiedenen Jahrgängen des Fachs „Darstellendes Spiel“, unter der Leitung von Silke Trux, speziell zur Stolpersteinverlegung gegründet hatte, in bemerkenswerten szenischen Darstellungen in den Mittelpunkt. Der Wahlpflichtkurs Musik der Jahrgangsstufe 9 hatte teils selbst arrangierte jüdische Stücke eingeübt.

Bürgermeister Olaf Hausmann eröffnete die zweistündige Gedenkveranstaltung. „Die Stolpersteine bieten eine Gelegenheit, sich im Alltag mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, sich berühren zu lassen von der Vergangenheit - vor allem und gerade durch das individuelle Schicksal, das einen Namen und ein Gesicht bekommt“, erklärte er. Als Vertreterin der Arbeitsgruppe „ARRET“ der AWS, die zur Geschichte der jüdischen Bewohner Kirchhains forscht, sprach Johanna Gücker. „Es geht um das Gedenken an Menschen, die auf unmenschlichste Weise wie Objekte aus der Gesellschaft ausgeschlossen, verfolgt und ermordet wurden“, sagte sie.

Blumen legten Ehrenbürger Willibald Preis, Stadtverordnetenvorsteher Klaus Weber, Kirsten Fründt, Landtagsabgeordnete Handan Özgüven, Matthias Bosse und Mitglieder des Arbeitskreis Stolpersteine nieder. Lehrer, Schüler und Mitglieder des Arbeitskreises hielten Portraits und verlasen Biografien der Opfer. Kerstin Ebert fiel es am Ende schwer, zum Tagesgeschäft überzugehen. „Die Erinnerung darf nicht enden“, sagte sie. Matthias Bosse hob hervor, dass die Flamme der Hoffnung nicht nur heute brenne: „Wir machen das nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal.“

von Karin Waldhüter

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