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„Der größte Fehler meines Lebens“

Freiheitsstrafe für Drogenhändler „Der größte Fehler meines Lebens“

Den drei Abnehmern der Kirchhainer Eheleute, die zwischen 2008 und 2013 einen schwunghaften Handel mit Cannabisbetrieben, haben einsgemeinsam: Sie üben nahrhafte Berufe aus.

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Der einer finanziellen Notlage heraus versuchte sich ein 52-Jähriger als Cannabis-Händler. Das ging schief.

Quelle: Abir Sultan

Kirchhain. Ein fränkischer Käsehändler bezog nach eigenem Bekenntnis gleich 80,5 Kilo Cannabis von dem Ehepaar. Ein Biobauer aus der Region soll ebenso auf der Kundenliste stehen wie ein Metzger aus dem Raum Saarbrücken. Letzteren wurde gestern vor der 1. Großen Strafkammer des Marburger Landgerichts der Prozess gemacht.

Zwei weitere Verfahren werden in Marburg folgen: Die 49-jährige Ehefrau des am 11. August erstinstanzlich zu einer Freiheitsstrafe von sieben Jahre verurteilten 63-jährigen Kirchhainers (die OP berichtete) muss sich noch vor Gericht verantworten, weil sie zur Verbesserung der persönlichen Lebensverhältnisse gemeinsam mit ihrem Mann mit 102 Kilo Cannabis gehandelt haben soll. Zudem hatte die Polizei in einem Erdbunker unweit des Wohnhauses 38 Kilo Cannabis sichergestellt. Ebenso steht das Verfahren gegen den Biobauern an, der offenbar einmal mehrere Kilo Cannabis von den Kirchhainern bezogen haben soll.

Ehefrau ist "Kopf" des Drogen-Duos

Dem fränkischen Käsehändler wird in Bayern der Prozess gemacht. Der Mann war Anfang des Jahres mit seinem florierenden Nebenerwerb aufgeflogen. Mit seinen umfassenden und detaillierten Aussagen hatte er das Kirchhainer Ehepaar hochgehen lassen und insbesondere die Ehefrau als kaufmännischen Kopf, als Buchhalterin und Schuldeneintreiberin schwer belastet. Die Ansbacher Polizei hatte daraufhin die Marburger Kripo informiert, die über Telefonüberwachung die geschäftlichen Beziehungen zwischen den Kirchhainern und dem 52-Jährigen Saarländer offenlegte und am 16. Mai zugriff.

Der nicht vorbestrafte Angeklagte zeigte sich geradlinig, erzählte knapp aber stringent aus seinem Leben: Sieben Geschwister. Der Vater brutal, aber nur selten da. Die Mutter das glatte Gegenteil. Metzgerlehre. Den Gesellenbrief kaum in der Hand, macht er sich sofort selbstständig und arbeitet in Skandinavien und anderen europäischen Ländern als Ausbeiner. Im Jahr 2000 kauft er gemeinsam mit einem Bruder in seiner saarländischen Heimat ein Mietshaus.

Die Investition in die Zukunft wird zum Fiasko. Mieter zahlen nicht. Die Brüder schreiben mit dem Haus tiefrote Zahlen. Heirat 2006. Kurz darauf Kauf eines Bauernhauses. Ehefrau wie Haus halten weniger, als sie ursprünglich versprachen. Ehescheidung 2009. Das Haus mit seiner maroden Substanz wird zum Fass ohne Boden. Um einen Käufer zu finden, investiert der Käufer 100000 Euro für das Dach und Fotovoltaik. Ein Interessent verlangt noch mehr Investitionen, aber der Metzger ist nach einem Unfall 2011 körperlich und finanziell am Ende. Der Metzger, seit seinem 16. Lebensjahr Haschisch-Konsument, wird von seinem Dealer gefragt, ob er für ihn Stoff besorgen kann. Er erinnert sich an seinen Kirchhainer Freund. Die gemeinsame Liebe zu Motorrädern und Spanien hat sie zusammengebracht.

Zweimal fährt er nach Kirchhain, kauft je ein Kilo Cannabis für je 3500 Euro. Für je 4100 verkauft er die Drogen an seinen Dealer, dessen Namen er verschweigt. Beim ersten Mal holt die Frau seines Freundes den Stoff aus dem Erdbunker. Beim zweiten Mal liegt das Cannabis bereits im Haus.

Übergabe in einem Marburger Café

Am 16. Mai fährt er unter den Augen der Polizei vor dem Haus seines Freundes vor. Wieder verlässt die Ehefrau das Haus, um diesmal vier Kilo Cannabis zu holen, das, wie die spätere Analyse zeigt, 505,7 Gramm des Wirkstoffs THC enthält. Schon bei einem THC-Gewicht von 7,5 Gramm beginnt die strafrechtlich relevante Grenze zur „nicht geringen Menge“. Um 12.10 verlässt der Saarländer das Haus, fährt zwei Ortschaften weiter Richtung Marburg und wartet. Der Ehemann fährt los und nimmt seine Frau auf einem Feldweg auf. Die führt einen kleinen Rucksack mit. Die Eheleute fahren Richtung Marburg, ihr letzter Kunde folgt. Die Fahrt endet vor einem Café in der Neue Kasseler Straße. Dort wird der Stoff übergeben. Der Saarländer braust in seinem Opel-Kombi Richtung Heimat. Als auf der A 5 vor ihm das Schild „Polizei - bitten folgen“ aufleuchtet, weiß er: „Ich habe den größten Fehler meines Lebens gemacht.“

Ursprünglich sind drei weitere Ankäufe angeklagt. Die Beweisaufnahme bestätigt diese jedoch nicht. Der aus der Haft in den Zeugenstand vorgeführte Ehemann kann sich nur an zwei Geschäfte erinnern. Seine Ehefrau wiederum spricht von insgesamt mindestens fünf Geschäften, hat aber Probleme mit der zeitlichen Zuordnung. Im Übrigen setzten die Eheleute ihren Rosenkrieg aus der Verhandlung vom 22. August vor. Beide belasten sich gegenseitig.

Staatsanwalt Dr. Kurt Sippel beantragte für die drei verbliebenen Anklagepunkte eine Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren und vier Monaten und einen Wertersatzverfall von 8200 Euro. Den Antrag der Verteidigung auf eine zweijährige Freiheitsstrafe zur Bewährung verortete der Vorsitzende Richter Dr. Carsten Paul im Bereich des Wunschdenkens. Die Kammer verhängte eine Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren und einen Wertersatzverfall von 8200 Euro. Da das Urteil noch nicht rechtskräftig ist, ordnete das Gericht auf Antrag der Staatsanwaltschaft eine Fortdauer der U-Haft an.

von Matthias Mayer

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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