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Der "Tanker Bundeswehr" steuert um

OP-Interview Der "Tanker Bundeswehr" steuert um

Wie gut hat die Bundeswehr das Ende der Wehrpflicht vor fünf Jahren verkraftet? Divisionskommandeur Generalmajor Andreas Marlow gibt im OP-Interview Antworten. Aus seiner Sicht lief die Umstellung "überraschend gut".

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Generalmajor Andreas Marlow kommt zu der Einschätzung, dass die Bundeswehr die Aussetzung der Wehrpflicht gut bewältigt hat.

Quelle: Tobias Hirsch

Stadtallendorf. Seit fünf Jahren existieren Wehrpflicht und Ersatzdienst in Deutschland faktisch nicht mehr. Im Zuge der OP-Serie „Ausgedient“ äußert sich der Kommandeur der in Stadtallendorf beheimateten Division Schnelle Kräfte.

OP: Was für Erinnerungen haben Sie an Ihre eigene Grundausbildung?

Andreas Marlow: Wie für alle, die „beim Bund“ waren, war sie eine prägende Erfahrung. Es war das erste Kennenlernen des hierarchischen Systems, von einem Tag auf den anderen bekam man gesagt, wann man aufzustehen hat, welchen Anzug man zu tragen hat, etc. Es war der 1. Juli 1982, ein toller Sommer übrigens.

OP: Der heimische Bundestagsabgeordnete Dr. Stefan Heck (CDU) hat vor wenigen Tagen bedauert, dass diese prägende Phase im Leben junger Männer mit Ende der Wehrpflicht verlorengegangen ist.

Marlow: Es gibt sicher viele Aspekte, die man im Zusammenhang mit dem Aussetzen der Wehrpflicht bedauern kann. Die Folgen für die Streitkräfte an sich sind aber ein gesondertes Thema und haben sich meiner Meinung nach in Grenzen gehalten. Ich persönlich denke, dass mit dem Ende von Wehrpflicht und auch Ersatzdienst eine wichtige soziale Funktion für die Gesellschaft aufgegeben wurde. Der flächendeckende Charakter dieser Dienste ist jedoch schon Jahre vor Aussetzen der Wehrpflicht verlorengegangen. 2011 wurde noch ein kleiner Teil der Tauglichen eines Jahrgangs eingezogen oder leistete Ersatzdienst und dies im Ergebnis faktisch auch schon auf freiwilliger Basis.

OP: Es gab allerdings in den Jahren 2010 und 2011 hohe Offiziere, die beklagt haben, dass das Aus von Wehrpflicht und Ersatzdienst viel zu schnell kam. Der damalige stellvertretende Divisionskommandeur Volker Bescht befürchtete eine Überforderung der Bundeswehr. Hatten die Kritiker im Nachhinein gesehen seinerzeit Recht?

Marlow: Nein, ich glaube, wir haben den Übergang besser als erwartet hinbekommen. Ich war seinerzeit Brigadekommandeur, habe diesen Wechsel zur Freiwilligenarmee also sehr nahe miterlebt. Der Wechsel war, wie ich schon sagte, 2011 bereits in vollem Gange. Die Zahl der freiwillig Wehrdienstleistenden hat sich auf einem guten Niveau stabilisiert, und zwar quantitativ als auch qualitativ. In den einsatzrelevanten Truppenstrukturen haben die Wehrpflichtigen auch 2011 schon keine Rolle mehr gespielt.

OP: Vor fünf Jahren gab es auch die Befürchtung, dass die Bundeswehr ein Stück ihrer Identität verliert, dass der „Staatsbürger in Uniform“ verschwindet, meinten Kritiker. Hat sich das auch relativiert?

Marlow: Das Konzept des „Staatsbürgers in Uniform“ ist nicht an die Wehrpflicht gebunden. Ich bin auch „Staatsbürger in Uniform“, jeder Bundeswehr-Soldat ist das. Die Sichtbarkeit der Soldaten in der Öffentlichkeit hat sicherlich nachgelassen. Als wir im Westen noch 495000 Soldaten hatten, sah man Soldaten häufig auch in kleineren Städten, es gab viele Garnisonen. In Ballungsräumen sieht man heute kaum noch welche, auch in ehemaligen großen Standorten wie zum Beispiel Hamburg. Der „Staatsbürger in Uniform“ hat ein eigenes Selbstverständnis. Der Soldat ist ein Bürger mit allen Rechten und einigen einschränkenden Pflichten, die über die des „normalen“ Bürgers hinausgehen. Jedenfalls ist er nicht seinen Vorgesetzten oder Schikanen schutzlos ausgeliefert. Er ist Teil einer Parlamentsarmee. Das hat sich durch das Ende der Wehrpflicht in keinster Weise verändert.

OP: Welche Rolle spielen freiwillig Wehrdienstleistende in der Division Schnelle Kräfte in der Gegenwart?

Marlow: Das Aufkommen ist natürlich saisonal geprägt, im Sommer haben wir immer einen ordentlichen Zuwachs, allein wegen der Abiturienten. Die freiwillig Wehrdienstleistenden, die sich länger verpflichten, sind naturgemäß breiter einsetzbar als diejenigen, die nur sechs Monate dabei sind. Gerne gewinnen wir auch Soldaten auf Zeit aus den freiwillig Wehrdienstleistenden, wenngleich die Anzahl wegen der quantitativ definierten Dienstposten begrenzt ist.

OP: Die Sollstärke der Bundeswehr liegt bei 170.000 Soldaten. Ganz aktuell sind es aber nur 167000, es fehlen also bereits 3000 Soldaten. Und ab nächstem Jahr gibt es zusätzliche 7000 Planstellen bei der Truppe. ­Besteht da nicht ein größeres Problem bei der Nachwuchsgewinnung?

Marlow: Bei der Zahl 170000 reden wir zunächst von Soldaten auf Zeit und Berufssoldaten. Die freiwillig Wehrdienstleistenden werden hinzugezählt. Natürlich versuchen wir, die Lücke zu schließen. Wir sind gerade in einer Übergangsphase. Beispielsweise verließen bis vor kurzem Soldaten die Truppe, die unter ganz anderen Voraussetzungen zur Bundeswehr kamen. Natürlich machen sich auch geburtenschwächere Jahrgänge bemerkbar. 2011 haben wir zur Reduzierung der Truppenstärke Anreize gegeben, die Bundeswehr zu verlassen. Inzwischen hat sich aber die Sicherheitslage geändert. Jetzt muss der „Tanker Bundeswehr“ umgesteuert werden. Aktuell gibt es die Trendwende in der Politik, wieder aufzustocken, weil die Bundeswehr neue Aufgaben bekommt. Als Beispiel nenne ich die Cyberabwehr oder mehr Verpflichtungen im Bündnis. Ich begrüße diese Trendwende, die Truppe wieder zu vergrößern, weil wir dieses zusätzliche Personal brauchen.

OP: Seit 2011 steht die Bundeswehr endgültig in Konkurrenz zur Wirtschaft. Unternehmen und Bundeswehr werben um dieselben Spezialisten. Wie gut behauptet sich dabei die Bundeswehr?

Marlow: Das ist eine große Herausforderung, die aber absehbar war. Die Wirtschaftslage ist momentan außerordentlich gut. Bei den Spezialisten, etwa bei dem großen Feld IT, merken alle, dass das Angebot an Bewerbern begrenzt ist. Ich glaube, die Bundeswehr behauptet sich in diesem Wettbewerb um qualifiziertes Personal überraschend gut, soweit ich das überblicken kann. Wobei ich für die Division schon mehr Spezialisten bräuchte, etwa Hubschraubertechniker oder Fallschirmjäger. Auch Fallschirmjäger und Spezialkräfte sind Spezialisten. Sie brauchen alle besondere Fähigkeiten, geistig wie auch körperlich. Ein Plus beim Werben der Bundeswehr sind der vergleichsweise gute Verdienst und planbare Arbeitszeiten beim Routinedienst in der Kaserne bei gleichzeitiger Chance auf internationale Herausforderungen in Übungen und Einsatz. Das ist auch in das Bewusstsein junger Männer und Frauen gedrungen.

OP: Womit wirbt die Bundeswehr in Stadtallendorf vor Ort um Nachwuchs?

Marlow: Für die Menschen in der Region ist Stadtallendorf ein hochinteressanter Standort. Hinzu kommt, dass es im Raum Stadtallendorf auch für die Zeit nach der Bundeswehr attraktive Arbeitgeber gibt. Das Klima für Soldatinnen und Soldaten ist hier gut. Allerdings muss sich natürlich jeder aus der Region, der Führungskraft werden möchte, bewusst sein, dass er nach zwei bis drei Jahren versetzt werden kann. Da die Bundeswehr insgesamt aufgrund der sinkenden Zahl von Standorten in der Fläche weniger präsent ist. Das ist auch eine Herausforderung für die Nachwuchsgewinnung nach dem Ende der Wehrpflicht. Heute ziehen nicht mehr alle Familien mit, viele pendeln zwischen Wohnort und Dienstort.

OP: Wer wie ein Unternehmen wirbt, muss auf sein Image achten. Wie sehr schaden Schlagzeilen rund um Ausrüstungsmängel dem Bundeswehr-Image dabei?

Marlow: Das lässt sich nicht exakt bewerten. Gut sind solche Schlagzeilen sicherlich nicht. Aber es ist auch ein wenig müßig. Teilweise ist es nämlich eine Gespensterdiskussion, weil die Realität deutlich besser ist als das, was Medien suggerieren. Manche Probleme wurden dramatisiert, vieles ist auf einem guten Weg. Das eine oder andere Manko lag nicht an der Bundeswehr, sondern an der Unzulänglichkeit in den gelieferten Produkten, für die die Industrie verantwortlich ist (zum Beispiel Airbus A400M). Im internationalen Vergleich stehen wir in vielen Bereichen sehr gut da.

Zahlen

Bei der Division Schnelle Kräfte dienen aktuell (Stand August) rund 9500 Bundeswehrsoldaten. Darunter sind etwa 450 freiwillig Wehrdienstleistende, kurz FWDs genannt. Der Rest sind Berufssoldaten und Soldaten auf Zeit. Fünf Prozent aller Soldaten der Division sind Frauen. Am Standort Stadtallendorf gibt es derzeit vier freiwillig Wehrdienstleistende in der Stabskompanie. Außerdem gehören zur nicht der DSK angehörenden 4. Kompanie des 7. Versorgungsbataillons aus Unna weitere fünf FWD. Alle stammen aus der weiteren Umgebung des Standorts Stadtallendorf.

Klassische Grundausbildung von Soldaten gibt es seit der Auflösung des „Luftlandefernmeldebataillons DSO“ in Stadtallendorf nicht mehr. Bei der Division erfolgt die Grundausbildung in Kompanien in Seedorf und Merzig.

von Michael Rinde

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