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Der „Markt des Vergessenen“ schließt

Großseelheim bald ohne Vollversorger Der „Markt des Vergessenen“ schließt

„Bei uns gibt es alles“, pflegen die Großseelheimer stolz zu sagen. Nach dem 30. September gilt das nicht mehr. Dann schließt Ellen ­Gerber ihren Laden.

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Ellen Gerber bedient ihre Stammkundin Gertrud Lesch. Ob die 95-Jährige auch künftig ihre Einkäufe in Großseelheim erledigen kann, ist ungewiss.

Quelle: Matthias Mayer

Großseelheim. Schleichs Laden ist das einzige Geschäft im mit 2.000 Einwohnern größten Kirchhainer Stadtteil, das buchstäblich alles für den täglichen Bedarf bietet. Auf 100 Quadratmetern finden sich Lebensmittel aller Art, vom Frischgemüse bis zur Konservendose, ­eine große Abteilung mit Körperpflegemitteln, Getränke, Genussmittel, Spirituosen, Geschenkartikel, Zeitungen und Zeitschriften, Reinigungsmittel, Besen, Schrubber für Haus und Hof, aber auch Artikel, die man hier nicht erwartet: Porzellan und Muranoglas.

Ellen Gerber spricht offen über ihre Situation. Um sich und den Laden über Wasser zu halten, arbeitet sie seit März halbtags als Verkäuferin in Kirchhain. Seit dem 1. August kann sie nur noch täglich zwei Stunden zwischen 10 und 12 Uhr öffnen, weil sie bei einer längeren Öffnungszeit als Selbstständige ihre Krankenkassenbeiträge vollständig selbst bezahlen müsste.

Seit 16 Jahren kontinuierlicher Abwärtstrend

Während sie beim OP-Besuch diese Details schildert, treten nacheinander drei Kunden an die Kasse, die jeweils nur einen Artikel kaufen: Ein kleines Maggi-Fläschchen, einen Becher saure Sahne und eine Glückwunschkarte. Ellen Gerber hat damit kein Problem. „Ich bin der Markt des Vergessenen“, definiert sie ihre Funktion für das Dorf. Will heißen: Für die Geschäftsfrau ist es in Ordnung, wenn die meisten ihrer Kunden ihre Großeinkäufe in der Stadt erledigen und bei ihr die Dinge besorgen, die sie dabei vergessen haben. Nach ihrer Wahr­nehmung ist ihr Markt des Vergessenen bei vielen Großseelheimern in Vergessenheit geraten. Wenn alle Großseelheimer vergessene Kleinigkeiten bei ihr einkaufen würden, könne sie von dem Laden ordentlich leben und auch in dessen Zukunft investieren, ist Ellen Gerlach überzeugt.

Seit dem Jahr 2000 gebe es einen kontinuierlichen Abwärtstrend. Mit einem Lieferantenwechsel 2015 habe es einen großen Einbruch bei den Erlösen gegeben. Eine Folge: Sie musste sich nacheinander von ihren beiden Mitarbeiterinnen trennen. „Die sind Gott sei Dank beide wieder gut untergekommen“, sagt Ellen Gerber, die das von ihren Eltern gegründete Geschäft 1999 übernommen hatte. 2002 nahm sie größere Umbau- und Sicherungsarbeiten an dem Gebäude vor, die ihr ganzes Kapital banden. Heute bekomme sie von den Banken für den Laden keine Kredite mehr, um diesen zukunftsfähig zu machen. Dabei kann der letzte von einst sieben Großseelheimer Lebensmittelläden nach ihrer Überzeugung eine Existenzgrundlage für ein Ehepaar sein. Etwa 30000 Euro müssten investiert werden, sagt sie, die die Hoffnung auf einen Fortbestand des seit knapp 64 Jahren bestehenden Geschäfts noch nicht ganz aufgegeben hat, auch wenn die großen Anbieter Rewe und Tegut ihre entsprechenden Anfragen ebenso abschlägig beschieden haben wie anderer Träger kleinerer Dorfläden.

Ellen Gerber räumt ein, dass sie das nahende Ende des Ladens emotional bewegt: Weil dieser ein großer Teil ihres und ihrer Eltern Leben war und weil sie sich um ihre nicht motorisierten älteren Stammkunden sorgt, die dann keine Einkaufsmöglichkeit mehr haben.

Bürgermeister und Ortsbeirat schalten sich ein

Wie aufs Stichwort betritt Gertrud Lesch mit ihren Einkaufs­trolly den Laden. Die letzte Großseelheimer Trachtenträgerin nimmt sich Zeit für ihren Einkauf, wählt sorgfältig aus. Ein Blick in den Einkaufskorb verrät, dass sie für ihre Schwägerin und ihren Bruder, die ähnlich hochbetagt sind, einen ihrer berühmten Kuchen backen wird. Wo sie nach dem 30. September einkaufen wird? Die Seniorin zuckt ratlos mit den Schultern.

Das Problem beschäftigt längst die Politik, sowohl den Ortsbeirat als auch den Kirchhainer Bürgermeister Olaf Hausmann (SPD). Er habe in dieser Sache den Kontakt zu Tegut und zur Rewe-Tochter Nahkauf gesucht, aber bislang keine qualifizierte Antwort bekommen, sagte Olaf Hausmann. Großseelheim ­brauche auf jeden Fall einen Lebensmittelmarkt. Allerdings bedürfe es dazu einer entsprechend großen Immobilie, die ohne teure Investitionen nutzbar sei, sagte der Bürgermeister während der jüngsten Sitzung des Ortsbeirats.

von Matthias Mayer

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