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Der Kampf findet im Kopf statt

Drei Spießsport-Legednen erzählen Der Kampf findet im Kopf statt

1967 versuchten sich drei junge Stausebacher mit dem Nachnamen Jennemann erstmals mit dem Luftgewehr. Heute, 48 Jahre später, sind die drei noch immer aktiv. Dazwischen haben sie für die Region Schießsport-Geschichte geschrieben.

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Die drei Jennemänner mit ihren Hightech-Luftgewehren im Stausebacher Schützenhaus (von links): Günther, Norbert und Berthold Jennemann.

Quelle: Matthias Mayer

Stausebach. Drei namensgleiche und nahezu gleichaltrige Schützen, die gemeinsam auf hohem Niveau schießen, hat es im Schützenkreis lange nicht gegeben. Die Brüder Norbert (Jahrgang 1952) und Berthold Jennemann (Jahrgang 1953) sowie Günther Jennemann (Jahrgang 1953) gewannen 1967 gleich bei ihrem ersten Wettkampf die Kreisschützenkette.

Fortan lehrten die Stausebacher Jungs als die drei Jennemänner die Konkurrenz das Fürchten, gewannen zwischen 1967 und 1979 in jedem Jahr mindestens einen Kreismeister­titel und führten Luftgewehr- und Kleinkalibergewehr-Mannschaft des Schützenvereins Stausebach bis hoch in die Gau- und Regionalklasse. Dabei besaßen sie in Harald Böth einen Mitstreiter im Team, der mit seinen Leistungen - so Berthold Jennemann - „ziemlich dicht an uns dran war“. Leider stoppte ein schwerer Autounfalls 1979 dessen Karriere.

Als sich das Trio 1967 dem Schützenverein Hubertus Stausebach anschloss, war der heute 150 Mitglieder zählende Verein drei Jahre jung, hatte soeben den ersten Bauabschnitt seines Schützenhauses fertiggestellt. „Der Schützenverein war der einzige Sportverein im Dorf“, nennt Norbert Jennemann einen pragmatischen Grund für die Wahl der Sportart, und Günther Jennemann fügt nicht minder pragmatisch hinzu: „Wir waren noch nicht so mobil und haben die Angebote genutzt, die das Dorf bot.“

Zur DM mit demTischtennis-Belag

Das Trio entwickelte schnell einen großen Ehrgeiz. „Wir haben uns gegenseitig angestachelt, jeder wollte der Beste sein“, sagt Norbert Jennemann. „Immer wenn wir vom Stand kamen, haben die Kollegen gefragt: ,Was habt Ihr geschossen?‘“, berichtet Günther Jennemann aus dieser Zeit, zu der die Jungs pro Scheibe und pro 15 Schuss noch 50 Pfennige bezahlen mussten.

Und wer war nun der Beste? Günther und Norbert legen sich fest: „Der Berthold war uns ein Stück voraus.“ Das belegen auch die Hausrekorde der Jennemänner mit dem Luftgewehr. Berthold Jennemanns Bestmarke ist die Traumzahl von 393 von 400 möglichen Ringen. Günther und Norbert Jennemann folgen jeweils mit ausgezeichneten 385 Ringen.

Berthold Jennemann war es auch, der 1970 völlig überraschend Hessischer Jugendmeister mit dem Luftgewehr wurde. Mit 285 von 300 möglichen Ringen düpierte er die Konkurrenz, obwohl er keine stützende Schützenjacke besaß. Für die Teilnahme an der Deutschen Meisterschaft pimpte die Mutter des Jungschützen ein Anzugsjackett durch das Aufnähen eines Tischtennisschläger-Belags auf. Der Stausebacher erreichte in dieser Montur Platz 20.

Wie wird man ein guter Schütze? Berthold Jennemann nennt als Grundvoraussetzung „ein gutes Auge“ und eine anzutrainierende mentale Stärke. „Anders als beim Fußball kann man beim Schießen durch Kampfkraft nichts gewinnen. Der Kampf findet im Kopf statt.“ Für seinen Bruder Norbert muss ein Schütze Konzentrationsvermögen und Selbstdisziplin mitbringen und sich durch klassisches Mentaltraining für den Wettkampf wappnen. Es gehe darum, sich mental ganz in das Ziel zu versenken, den Mut zu haben, die Zehn zu sehen und gleichzeitig abzudrücken, einen schwächeren Schuss wegzustecken. „Mit Wut im Bauch wird ein Schütze nichts“, stellt er fest.

Gefragt ist positives und konstruktives Denken

Günther Jennemann hat sein Aha-Erlebnis in Sachen mentaler Stärke bei der zweiten hessischen Mannschaftsmeisterschaft der Stausebacher gehabt. Das Team besaß gute Chancen und bereitete sich intensiv vor. Die Schützen opferten zwei Wochen Urlaub, trainierten in den letzten 14 Tagen vor den Titelkämpfen täglich zur angekündigten Wettkampfzeit und fuhren, mit vielen Fans im Rücken, nach Frankfurt. Das Ergebnis: „Unsere Technik war gut, aber mental waren wir überhaupt nicht auf diesen Wettkampf eingestellt. Ich habe an diesem Tag versagt. Nur Berthold brachte seine Leistung“, fasst Günther Jennemann das Ergebnis zusammen.

Vielleicht war dieser Misserfolg auch der Tatsache geschuldet, dass die drei Senkrechtstarter bis dato als Autodidakten nie einen Trainer hatten. Das änderte sich für Günther und Berthold mit der Berufung in die hessische Landesauswahl. Bei den Lehrgängen lernten sie, Konkurrenten auszublenden und sich ganz darauf zu konzentrieren, das persönlich bestmögliche Ergebnis zu holen. „Im Wettkampf entscheidet das konstruktive und positive Denken. Der Schütze muss das positive Bild der Zehn vor Augen haben, muss das Bild eines schwächeren Schusses ausblenden können. Nur wenn das gelingt, funktionieren die Automatismen im Ablauf. Ist der Automatismus da, spart der Schütze viel Energie für den Wettkampf“, verrät Günther Jennemann ein wichtiges Erfolgrezept.

Berthold Jennemann schätzt, dass das Trio etwa bis 1984 auf hohem Niveau geschossen hat. Dann machte sich das Alter bemerkbar. „Es fängt mit den Augen an“, sagt der Meisterschütze und zeigt auf seine Brille. Alle drei schießen heute mit Hochleistung-Gewehren mit optischen Hilfsmitteln. Trotzdem spielen die Augen den Schützen im Alter den einen oder anderen Streich. „Ich sehe ganz klar die Zehn und treffe nur die Neun. Das Auge spiegelt etwas vor, was nicht die Realität ist“, beschreibt Norbert Jennemann das Phänomen.

Geschossen haben die Jennemänner ausschließlich mit Luftgewehr und KK-Gewehr. Großkalibrige Waffen haben sie nie angefasst. „Wir sind keine Waffennarren. Es gibt Schützen, die haben großkalibrige Pistolen zuhause. Ich bin von uns der einzige, der ein KK-Gewehr besitzt. Berthold und Günther benutzen Vereinsgewehre“, erzählt Norbert Jennemann, der mit seinen beiden Mitstreitern heute noch Seniorenwettkämpfe bestreitet. „Wir können mithalten“, beschreibt Bruder Berthold knapp den heutigen Leistungsstand des Trios.

Ein offener Treffpunktfür das ganze Dorf

Was bleibt nach 48 Jahren Schießsport? Die Jennemänner sprechen von der Vorfreude auf Wettkämpfe, besonders wenn diese auf dem tollen Stand in Rüdigheim stattfinden, von der Freundschaft untereinander, von der guten Kameradschaft mit anderen Alterskameraden und von der sozialen Funktion, die das Schützenhaus als offener und einziger Treffpunkt für alle Stausebacher hat. Und für Günther Jennemann steht fest, dass die erworbene mentale Stärke auch im Alltag hilft: „Das positive und konstruktive Denken hilft in allen Situationen. Ein Schütze wird unter Belastung wohl immer besser sein als jemand, der nicht diesen mentalen Hintergrund hat.“

Vor diesem Hintergrund müsste die Stausebacher Jugend eigentlich den Schützenverein stürmen. Das tut sie aber nur bedingt. Norbert Jennemann spricht von einer „wellenartigen Bewegung“ des jugendlichen Engagements. „Kommt die erste Freundin oder das eigene Auto, hören einige wieder auf“, stellt er nüchtern fest.

Dessen ungeachtet ist die Schützenbewegung noch immer eine Massenbewegung. Der Deutsche Schützenbund ist mit knapp 1,4 Millionen Mitgliedern der viertgrößte deutsche Sportverband. Viele Schützenvereine nehmen über den Sport hinaus wichtige gesellschaftliche Aufgaben wahr. Das gilt auch für Stausebach. Derr Schützenverein Hubertus hält mit seinem Einsatz die Kirmes-Tradition am Leben, die aus vielen größeren Orten längst verschwunden ist. Er veranstaltet die offenen Singeabende und gestaltet den Seniorennachmittag.

von Matthias Mayer

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