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Der Grandseigneur denkt an Abschied

Willibald Preis Der Grandseigneur denkt an Abschied

Kundige Leser werden auf den ersten 25 Plätzen der CDU-Kandidatenliste für die Wahl zum Stadtparlament einen ganz wichtigen Namen vermissthaben: den von Willibald Preis.

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So erleben die Kirchhainer Willibald Preis bei vielen Anlässen: Der Stadtverordnetenvorsteher sitzt mitten unter ihnen – hier am Mittwoch beim Begegnungscafé des Arbeitskreises Flüchtlingshilfe im vollbesetzten Bürgerhaus. Foto: Matthias Mayer

Kirchhhain. Der Kirchhainer Stadtverordnetenvorsteher findet sich erst auf Platz 36 des Wahlvorschlags der CDU. Das ist ein Platz, für den sich normalerweise verdiente Kandidaten ohne Ambitionen aus Solidarität zu ihrer Partei zur Verfügung stellen.

Gilt das auch für Willibald Preis? Der Himmelsberger holt im Gespräch mit dieser Zeitung erst einmal tief Luft und sagt dann: „Ich bin im 74. Lebensjahr, mache seit 42 Jahren Kommunalpolitik . . .“ Nach einer weiteren Atempause erzählt er von seiner Lebenssituation. „Jetzt kommt die beste Phase unserer Ehe“, hat seine Frau beim acht Jahre zurückliegenden Eintritt in den Ruhestand gesagt. Der Beruf ist Geschichte, die Kinder sind aus dem Haus. „Und dann war ich doch immer wieder weg“, klagt sich Willibald Preis indirekt selbst an.

Der Grund für seine häufige häusliche Abstinenz: das Amt. Willibald Preis übt das Ehrenamt des Stadtverordnetenvorstehers nicht aus, er lebt es mit aller Konsequenz: entweder ganz oder gar nicht. In diesem Amt ist er zum Grandseigneur der Kirchhainer Kommunalpolitik aufgestiegen. Dies nicht nur wegen seines äußeren Erscheinungsbilds. Willibald Preis ist stets sorgfältig und stilsicher gekleidet. Vor die Stadtverordnetenversammlung tritt er grundsätzlich im Anzug und mit korrekt sitzender Krawatte. Das ist keine Attitüde, sondern der Respekt vor dem hohen Hause. Viel entscheidender ist seine Haltung, die von großer Liebe zur Stadt, überparteilicher Amtsführung, Respekt gegenüber allen Menschen, geradezu preußischem Pflichtbewusstsein, Tatkraft, Kreativität und ungeheurem Fleiß geprägt ist.

Diese Haltung zeigt sich nicht nur in der Stadtverordnetenversammlung und während der Sitzungen der Ausschüsse, die er regelmäßig besucht, sondern auch bei unzähligen Anlässen außerhalb der Politik, zu denen Preis die Stadt repräsentiert.

Für jeden einpersönliches Wort

Willibald Preis meidet die gängigen Phrasen, findet bei Ehrungen und anderen Anlässen stets persönliche, zur Person oder zu dem Ereignis passende Worte. Selbst über die Gastgeschenke macht er sich Gedanken, fahndet aufwendig nach Dingen, die einen Bezug zu den Beschenkten haben, anstatt in den Schrank mit den Wappentellern zu greifen. Und wenn bei Festkommersen zu vorgerückter Stunde die Tafel der geladenen Ehrengäste längst verwaist ist, findet man ihn oft genug noch inmitten der Bürger.

Diese Zugewandtheit zu den Menschen kostet viel Zeit. Das gilt auch für die großen Reden, für die Entwicklung von Konzepten für größere Veranstaltungen, die der Ehrenämtler im Dienst der Stadt entwirft, oder für die Arbeit auf seinen Lieblingsfeldern Stadtgeschichte und Kunst, die er besetzt hat, weil er sich selbst nicht für einen politischen Strategen hält. Ungezählte Stunden verbringt er in seinem bescheidenen Dienstzimmer im Verwaltungsgebäude der Stadt. Das ist weitaus mehr, als man von einem Ruheständler erwarten kann.

Die Bürger honorieren sein großes Engagement. Im März 2011 schickten sie ihn mit den weitaus meisten Stimmen unter allen Abgeordneten ins Stadtparlament. Die Stadtverordneten wählten ihn zweimal einstimmig zu ihrem Vorsteher, was Willibald Preis jeweils als Auszeichnung und Verpflichtung empfand.

Dank des besonderen Wahlrechtes schützt ein schlechter Listenplatz bei Kommunalwahl nicht vor einem Einzug ins Parlament. Der inzwischen verstorbenen DGB-Vorsitzenden Käte Dinnebier ist das bei einer Wahl zur Marburger Stadtverordnetenversammlung auf spektakuläre Art und Weise widerfahren. Dem Kirchhainer Christdemokraten Norbert Graf ist bei der Kommunalwahl 2011 passiert. Angesichts seiner enormen Popularität liegt es sehr nahe, dass die Kirchhainer am 6. März ihren Willibald weit nach oben kumulieren und panaschieren werden. Was dann? Willibald Preis denkt eine Weile nach und sagt dann langsam: „Ich strebe kein parlamentarisches Amt mehr an.“

Die Vorstellung, dass Willibald Preis bald kein politisches Amt mehr bekleiden könnte, fällt schwer. Zu herausragend ist seine Rolle in der Stadtpolitik. Wenn es so kommt, verdient auch das Respekt. Schließlich muss Willibald Preis niemandem mehr etwas beweisen. Er hat schon heute einen Platz im Herzen sehr vieler Kirchhainer. Mehr kann ein Politiker nicht erreichen.

von Matthias Mayer

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