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Der Boss geht in den Ruhestand

Abschied Der Boss geht in den Ruhestand

Am Freitag verabschiedet die Martin-von-Tours-Schule ihren Leiter in den Ruhestand. Eigentlich freut sich Hartmut Boß auf den Ruhestand, doch je näher der Tag X rückt, umso mehr Wehmut kommt bei ihm auf.

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Mit Schülern im Hintergrund – so wollte sich Hartmut Boß am liebsten ablichten lassen.Foto: Florian Lerchbacher

Neustadt. „Es ist ja auch einiges, was man zurücklässt“, sagt Hartmut Boß mit Blick auf den Ruhestand und die Verabschiedungsfeier, die am Freitag ab 11.30 Uhr im Haus der Begegnung in Neustadt stattfindet. Dann geht eine lange, bewegte Karriere zu Ende - die einst auch in Neustadt begann. Der vielzitierte Kreis schließt sich also.

Der gebürtige Schwälmer hatte in Gießen Englisch und Evangelische Religion studiert und war anschließend als Referendar in die Junker-Hansen-Stadt gekommen (1978/1979). „Zu meinem Leidwesen herrschte damals in Hessen ein Einstellungsstopp“, erinnert er sich. Entsprechend stand er vor der Wahl, entweder das Bundesland zu verlassen, oder sich eine Alternative zu suchen. Boß entschied sich für Möglichkeit zwei und beteiligte sich am Aufbau des Mobilen Sozialen Hilfsdienstes in Gießen.

„Ich wollte aber gerne in meinem eigentlichen Beruf arbeiten“, berichtet er. Entsprechend dauerte es nicht lange bis zu seinem ersten Wechsel: Nach wenigen Monaten erhielt Boß eine Anstellung als Lehrer und Erzieher im Landschulheim Burg Nordeck - eine Institution, die etwas Nostalgisches habe. „Das war irgendwo zwischen Schloss Einstein und dem fliegenden Klassenzimmer“, sagt er und umschreibt die Zeit dort also mit einem Verweis auf eine Seifenoper für Kinder und einem Buchklassiker von Erich Kästner. Nicht nur das Essen in einem Rittersaal sondern vor allem die äußeren Umstände seien etwas ganz Besonderes gewesen: Die Klassenstärke sei gering gewesen, zudem habe man die Schüler genau gekannt, da man mit ihnen in Wohngruppen lebte. „Mein Ziel war jedoch der öffentliche Dienst“, erklärt Boß und gibt zu: „Wegen der Sicherheit. Ist man als Lehrer und Erzieher tätig, dann ist die Sache mit der eigenen Familie schwierig. Man hat schlicht keine Zeit für sie.“

Entsprechend blieb es bei einem kurzen Intermezzo im Landkreis Gießen. Was 1981 folgte, war das genaue Gegenteil: Boß ging an die Otto-Hahn-Oberschule, die in Berlins sozialem Brennpunkt schlechthin liegt. An der integrierten Gesamtschule in Neukölln verbrachte er eine nach eigenen Angaben tolle Zeit, in der er die Extreme erlebte. Auf der einen Seite habe er mit einer zwölften Klasse über englische Literatur auf einem Niveau gesprochen, das er nie wieder erlebte. Auf der anderen Seite habe er einen Aufbaukurs im achten Schuljahr unterrichtet - dessen Schüler sich umgangssprachlich als „ganz schwache Hauptschüler“ beschreiben lassen. Vornehmlich Migrantenkinder besuchten den Kurs: „Die Gruppe war sehr klein, dadurch kam man schnell auf eine persönliche Ebene, auf der sich hervorragend arbeiten ließ.“

Doch wieder war Boß nicht völlig zufrieden: Er hatte zwar einen unbefristeten Vertrag, strebte jedoch an, Beamter zu werden. „Völlig unerwartet bekam ich eine Planstelle in Varrel im Landkreis Diepholz in Niedersachsen“, erinnert er sich. Also wechselte er 1982 aus der Großstadt zurück ins Dorf an eine Hauptschule, wurde verbeamtet und übernahm auch noch den Posten als Fachberater für den evangelischen Religionsunterricht des Landkreises.

Dort genoss er besonders, ein enges Verhältnis zu den Schülern und ihren Familien zu pflegen, was die geringe Größe des Einzugsgebietes förderte. Kenne ein Lehrer die persönlichen Umstände, in denen Schüler lebten, könne er viel besser auf die Jugendlichen eingehen und sie verstehen. Umgekehrt sei dies natürlich auch der Fall, betont Boß.

Im Jahr 1993 kehrte der damals zwei- und inzwischen dreifache Vater mit seiner Frau Karin dennoch zu seinen Wurzeln zurück und übernahm die Leitung des Haupt- und Realschulzweiges der Gesamtschule Neustadt. Auf Bitten von Schulleiter Dr. Harald Horn wurde er 1999 dessen Stellvertreter, um nicht ganz ein Jahr später noch weiter aufzurücken. Nach einer Erkrankung Horns übernahm er dessen Posten. „So, jetzt haben Sie den Laden alleine an der Backe“, habe Horn im Krankenbett zu ihm gesagt. „Das war eine harte Zeit“, kommentiert Boß.

Er musste sich also ohne große Hilfe einarbeiten, was damals recht schwierig gewesen sei, da die einzige Fortbildungsmöglichkeit ein Zwei-Tages-Seminar im Schulrecht gewesen sei.

Kaum fand sich Boß einigermaßen zurecht, kam eine Hiobsbotschaft aus Wiesbaden: Die damalige Landesregierung und Kultusministerin Karin Wolff beschlossen, dass es pro Klasse mindestens 25 Schüler geben müsse, um einen Gymnasialzweig aufrechtzuerhalten. „Uns fehlten Null-Komma-Irgendwas Schüler“, so Boß, der ergänzt: „Daraufhin sagten wir, dass wir ein vollständiges Schulangebot brauchen - als Haupt- und Realschule hätten wir aufgrund des geringen Interesses keine Chance gehabt. Daher wollten wir integrierte Gesamtschule werden, was Wolff natürlich ablehnte.“

Doch die Neustädter ließen nicht locker, und „Superminister“ Jürgen Banzer gab einige Jahre später sein Okay zur Umwandlung. „Wenn man die Chance hat, Schule komplett neu zu gestalten, muss man das passgenau für die Schüler machen - und zwar in der Gestalt, dass man sehr stark zukunftsorientiert arbeitet“, erklärt der heute 60-Jährige.

Die Neustädter änderten nicht nur den Namen in Martin-von-Tours-Schule, sondern krempelten sie komplett um. Und war so, dass Boß noch heute ins Schwärmen gerät und mit Schlagwörtern wie Kompetenzorientierung, Forderung der Guten und Förderung der Schwachen oder selbständiges Lernen nur so um sich wirft.

Langsam erntet die Schule die Früchte: In diesem Jahr verabschiedete sie den letzten reinen Realschüler, ab dem neuen Schuljahr ist sie komplett „integrierte Gesamtschule“. „Das ist ein guter Zeitpunkt für den Abschied“, sagt der scheidende Leiter, der sich künftig der Renovierung seines Hauses und der Pflege „zeitaufwändiger Dinge“ widmen will. Das heißt, er wolle Radfahren und Bergwandern, erläutert er. Zudem möchte er an seinem Lotus Seven arbeiten, einem zweisitzigen Sportwagen Cabrio.

Die Nachfolge-Frage für seinen Posten ist laut Boß noch nicht geklärt. Das Kultusministerium habe noch keine Entscheidung getroffen, sagt er und bedauert, den Schlüssel am Freitag nicht dem zukünftigen Leiter, sondern „lediglich“ seinem Stellvertreter, Volker Schmidt, übergeben zu können. Und so kann er nur an die Schule insgesamt einen Wunsch richten: Sie möge sich „konsequent und nachhaltig weiterentwickeln“, schließlich gelte: „Stillstand ist Rückschritt.“

von Florian Lerchbacher

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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