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Der Bart ist ab und das Dorf am Netz

Schnelles Internet Der Bart ist ab und das Dorf am Netz

Üblicherweise stellen Telekommunikationsdienstleister der Bürgerschaft ihre Infrastruktur zur Verfügung. In Erfurtshausen ist das umgekehrt.

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Der Zufall führt bei der Vertragsunterzeichnung Regie: Der Beamer projiziert Bernd Riehl (Mitte) passenderweise das Wort Energie auf den Pullover, sein Vorstandskollege Karl-Heinz Lohmer (rechts) trägt ein bisschen Stadtwerke auf der Stirn. Stadtwerke-Geschäftsführer Rainer Kühne bleibt „unbeschriftet“. Foto: Matthias Mayer

Erfurtshausen. Die Energiegenossenschaft Erfurtshausen hat zeitgleich mit ihrem Nahwärmenetz in weiser Voraussicht auch ein Glasfaser-Kabelnetz in den einmal aufgerissenen Straßen verlegt. Dieses 40 (Kabel-)Kilometer lange Netz hat zwei Funktionen: Es vernetzt 115 Nahwärme-Übergabestationen in den Wohnhäusern mit der Heizzentrale und erlaubt so die ständige Online-Überwachung und Steuerung des Netzes, die sogar über ein Smartphone erfolgen kann. Die zweite Funktion: Das Netz erlöst die Erfurtshäuser aus dem Klingeldraht-Zeitalter und bringt ihnen den derzeit schnellstmöglichen Internet-Anschluss mit einer stets konstanten Download-Geschwindigkeit von 200 MB pro Sekunde ins Haus.

Letzteres werden sich die zehn Ehrenämtler, die das gesamte Projekt seit 2012 zunächst in einer Arbeitsgruppe geschultert haben, allerdings nicht auch noch ans Bein binden. Für das Internet- und Telefongeschäft über ihr Glasfaserkabel-Netz holten sie sich die Stadtwerke Marburg als fachkundigen Kooperationspartner ins Boot, die schon während der Bauphase halfen. Die Energiegenossenschaft vermietet ihr Netz an die Stadtwerke, die dieses dann für alle Telekommunikationsaktivitäten vermarktet und betreibt, Das wurde am Donnerstagabend mit der Unterzeichnung eines Kooperationsvertrages im Bürgerhaus besiegelt.

Der Genossenschaftsvorstand Bernd Riehl war ganz aus dem Häuschen. Zur Feier des Tages hatte er sich von seinem Vollbart getrennt und strahlte über sein frisch freigelegtes Gesicht, sprach vom krönenden Abschluss des Projekts und einem echten Alleinstellungsmerkmal für Erfurtshausen.

Bestens gelaunt zeigte sich auch Erhard Müller, der Vorsitzende des Aufsichtsrats der Energiegenossenschaft. Müller ließ noch einmal das gesamte Vorhaben, das aus der Dorferneuerung heraus geboren wurde, Revue passieren.

Er bekannte, dass es die jüngeren Mitglieder der Arbeitsgruppe gewesen seien, die die Wichtigkeit eines Glasfaserkabel-Netzes erkannt und dessen Bau in Erfurtshausen durchgesetzt hätten. Er selbst habe anfangs nicht mit mehr als 25 Anschlusswilligen gerechnet. Inzwischen hätten sich knapp 70 Haushalte für den Anschluss an das schnelle Breitband-Netz entschieden, sagte Müller. Und da ist noch Luft nach oben. Schließlich liegt das Kabel schon in 115 Häusern.

Erhard Müller wertete das Nahwärmenetz, an dem 70 Prozent der Erfurtshäuser Haushalte hängen, im Zusammenspiel mit dem Glasfaserkabel-Netz als wichtigen Baustein zur Attraktivitätssteigerung Erfurtshausens und für die Wertsteigerung der Immobilien.

Musterbeispiel fürregionale Wertschöpfung

Bernd Riehl nannte beide Netze der Genossenschaft ein Musterbeispiel für regionale Wertschöpfung. „Wer bei den Stadtwerken einen Breitband-Vertrag abschließt, steckt sich das Geld von der einen in die andere Tasche - über den Umweg Stadtwerke und Energiegenossenschaft.“ Und da die Stadtwerke schon vor der Unterzeichnung des Vertrags (!) die Richtfunkstrecke nach Erfurtshausen aufgebaut und das Netz zum Laufen gebracht haben, konnte Bernd Riehl bei einer Live-Schaltung in die mit mehreren Kameras ausgestattete Heizzentrale zeigen, wie rasend schnell das Netz ist. Und er las auch beeindruckende Daten ab: Wirkungsgrad im Nahwärmenetz: 81 Prozent.

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich bin neidisch. In unseren Nahwärmenetzen können wir von solchen Wirkungsgraden nur träumen. Und Online-Steuerung können wir auch nicht“, sagte Stadtwerke-Geschäftsführer Rainer Kühne, der an seinem Geburtstag zur Vertragsunterzeichnung nach Erfurtshausen gekommen war. „Sie leben in Erfurtshausen auf einer Breitband-Insel, denn 200 MB pro Sekunde finden Sie im Landkreis sonst nirgendwo (außer in einigen Marburger Außenstadtteilen, wo die Stadtwerke mit Millionenaufwand eigene Netze bauen, die Red.)“, sagte Kühne. Amöneburgs Bürgermeister Michael Richter-Plettenberg bezeichnete die Leistung der Erfurtshäuser Dorfgemeinschaft als echte Sensation. Das Dorf könne sich jetzt auch Smart Village nennen. Mit dem schnellsten Netz Mittelhessens sei Erfurtshausen weit weg von der Flächenversorgung, die der Landkreis derzeit mit maximal 50 MB pro Sekunde aufbaue. Für den Ersten Kreisbeigeordneten Marian Zachow haben die Erfurtshäuser dreifach ihre Zukunftsfähigkeit bewiesen: Mit umweltfreundlicher Heizenergie, schnellem Internet und gemeinschaftlicher Tatkraft.

von Matthias Mayer

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