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Der Angeklagte, der gar keiner war

Irrungen und Wirrungen im Amtsgericht Der Angeklagte, der gar keiner war

Richter Joachim Filmer ahnte schon vor Verhandlungsbeginn, dass sein Angeklagter einen Tag nach seiner Haftentlassungwenig Lust haben würde, schon wieder vor Gericht zu erscheinen.

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Ein Fahrgast wird in einer Kasseler Straßenbahn kontrolliert. In Kirchhain wurde in Abwesenheit gegen einen Schwarzfahrer verhandelt, der seine letzte Geldstrafe wegen Schwarzfahrens im Gefängnis abgesessen hatte. Foto: Uwe Zucchi

Quelle: Uwe Zucchi

Kirchhain. Angeklagt war ein notorischer Schwarzfahrer aus Amöneburg, der innerhalb von drei Jahren fünf Vorstrafen wegen Leistungserschleichung gesammelt hat. Gegen einen vom Amtsgericht Kirchhain am 9. Juli 2013 erlassenen Strafbefehl mit einer Geldstrafe in Höhe von 70 Tagessätzen à 20 Euro wegen Erschleichung von Leistungen hatte der Amöneburger Einspruch eingelegt.

„Ihr Mandant läuft Gefahr, als einer der Wenigen wegen der Erschleichung von Leistungen einzufahren“, sagte Joachim Filmer an die Adresse der auf ihren Schutzbefohlenen wartenden Rechtsanwältin.

In diesem Augenblick sind Schritte auf dem Flur zu hören. Die Verteidigerin geht raus und fragt einen Mann „Sind Sie der Herr T.?“ Der Angesprochene bejaht das. „Dann kommen Sie schnell mit rein, wir wollen anfangen.“ Der Mann folgt und nimmt bereitwillig auf der Anklagebank Platz. Ein bizarrer Dialog schießt sich an. Richter: „Sie sind gestern aus der Haft entlassen worden?“ Angeklagter: „Nein.“ Richter: Aber sie waren doch in Haft?“ Angeklagter: „Ich verstehe schlecht Deutsch.“ Richter: „Sie saßen doch im Gefängnis.“ Angeklagter: „Nein.“ Richter: „Aber Sie sind doch der Herr T.?“ Angeklagter: „Nein“.

Der Mann legt seine Ladung vor. Aus der geht hervor, dass er aus Stadtallendorf kommt, einen völlig anderen Namen hat, kein Angeklagter ist, sondern Zeuge für eine nachfolgende Hauptverhandlung ist. Er wird in Ehren entlassen - und steuert später vor der zweiten von insgesamt fünf Verhandlungen wieder zielsicher die Anklagebank an, um neben dem richtigen Angeklagten Platz nehmen.

Doch zuvor bringt das Gericht die Sache gegen den abwesenden Schwarzfahrer zum Abschluss. Die Rechtsanwältin müht sich redlich, erreicht aber am Ende nur eine Absenkung der Tagessatzhöhe von 20 auf 15 Euro für ihren Mandanten, die sich aus der Tatsache ergibt, dass der Mann inzwischen von Hartz IV lebt.

Auch der zweite Angeklagte, der es vorgezogen hatte, an diesem Tag seiner Gerichtsverhandlung fernzubleiben, kam nicht ungeschoren davon. Mittels Strafbefehl verurteilte ihn das Gericht wegen Vortäuschung einer Straftat zu einer Geldstrafe in Höhe von 120 Tagessätzen à 20 Euro. Die Geldstrafe ist für den Angeklagten noch das geringste Übel. Das dicke Ende kommt noch.

Der Mann hatte gegenüber zwei Polizeibeamten behauptet, dass es Anschläge auf die Post und die Bahn geben werde. An Bahngleisen sollten großflächig Schrauben gelockert werden. Diese Behauptung löste einen Großeinsatz der Polizei aus, die mit einem Großaufgebot die Gleise überprüfte und dabei auch von einem Polizeihubschrauber unterstützt wurde.

Der Staat wird den Angeklagten für die Einsatzkosten zur Kasse bitten. Allein die Flugstunde eines Polizeihubschraubers kostet 2500 bis 3000 Euro.

von Matthias Mayer

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