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„Das ist meine erste und letzte Leiche“

Stadtallendorf „Das ist meine erste und letzte Leiche“

Bei der Verhandlung gegen einen Stadtallendorfer wegen Totschlags standen am Donnerstag die Vernehmung des Angeklagten und von drei Zeugen auf der Tagesordnung.

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Ein Polizeibeamter nahm dem Angeklagten am Donnerstag vor der Verhandlung die Handschellen ab.

Quelle: Florian Lerchbacher

Stadtallendorf. Sein Stiefvater habe ihn als „Bastard“ („piç“) bezeichnet, „dann holte ich mein Messer aus der rechten Hosentasche und stach es ihm zwei Mal in den Hals“, berichtete am Donnerstag ein 22 Jahre alter Stadtallendorfer vor dem Marburger Landgericht. „Er lag auf dem Boden, ich ging in mein Zimmer, rauchte eine Zigarette nach der anderen und dachte darüber nach, was ich getan habe“, ergänzte der junge Mann.
Sein Anwalt hatte zuvor die Vorgeschichte der Familienfehde zusammengefasst: Der leibliche Vater des Angeklagten verließ die Familie vor einigen Jahren. 2005 kehrte die Mutter dann aus einem Türkeiurlaub überraschend als verheiratete Frau zurück, und der Stiefvater zog in Stadtallendorf ein. Oft sei er betrunken gewesen und habe die „geistig zurückgebliebene“ Stieftochter beleidigt, schikaniert, drangsaliert und beläs tigt. Er bedrohte sie mit einem Messer und bezeichnete sie als seine Sklavin, erklärte der Anwalt.
Die Anwältin der Frau sorgte dafür, dass sie einen Platz im betreuten Wohnen erhielt. „Die Herausnahme aus der Wohnung resultierte aus der Annahme, der Stiefvater könne seine Tochter im alkoholisierten Zustand vergewaltigen. Die Mutter hat er wohl zum Geschlechtsverkehr genötigt“, berichtete der Anwalt und fügte hinzu, nicht nur die Tochter sei ausgezogen sondern auch der Stiefvater. Er sei allerdings nachts oftmals zurückgekehrt und habe regelmäßig bei der Familie gefrühstückt.
„Die Illusion, Ruhe vor dem Stiefvater zu haben, wurde bei meinem Mandanten zerstört“, sagte der Anwalt. Das Tötungsdelikt sei dann letztendlich eine affektive Handlung gewesen, die aus der Vorgeschichte resultierte. Die Bezeichnung als „Bastard“ habe das Fass zum Überlaufen gebracht.
„Bastard bedeutet im Türkischen, dass ich keinen Vater habe“, kommentierte der Angeklagte die Beleidigung. Er habe sein späteres Opfer nachts auf die Straße setzen wollen mit den Worten: „Verpiss dich aus meiner Wohnung, du Hurensohn“ und dabei die Bezeichnung „orospu çocugu“ verwendet. Die Verteidigung wehrt sich aufgrund der Beschimpfung als „Bastard“ gegen die Anklage wegen Totschlags und plädiert aufgrund der vorhergehenden Provokation auf einen minderschweren Fall.
In nur einer Minute fasste der Angeklagte den Tathergang zusammen, anschließend beantwortete er die Fragen des Gerichts, der Staatsanwaltschaft, seines Verteidigers und des Nebenklägers – seit gestern tritt der Bruder des Getöteten in dieser Funktion auf. Der 22-Jährige berichtete im Detail, wie er die Leiche seines Stiefvaters größtenteils in Frischhaltefolie einwickelte.
„Dann wickelte ich ihn in ein Bettlaken und schob ihn hinter die Tür“, erinnerte er sich und antwortete auf die Frage des Warums: „Ich weiß nicht. Das ist meine erste und gleichzeitig meine letzte Leiche.“
Während der Vernehmung verneinte er die Frage, ob er Freunde um Hilfe beim Abtransport des Leichnams gebeten habe – zwei Zeugen gaben später jedoch an, der Stadtallendorfer habe sie gefragt, ob sie ihm beim Vergraben der Leiche in einem Waldstück bei Niederklein helfen würden.
Die Tat ereignete sich im November des vergangenen Jahres. Zwischen den tödlichen Stichen und dem Geständnis bei der Polizei lagen ein Tag und eine Nacht. Diese Zeitspanne stand im Mittelpunkt des Interesses bei der Vernehmung von drei Zeugen. Einer war der Taxifahrer, der das Opfer nachts zur Wohnung der Familie brachte, von der der Mann eigentlich getrennt lebte.
Die anderen beiden Zeugen sind Freunde beziehungsweise Bekannte des Täters. Sie berichteten, dass sie der 22-Jährige angerufen hatte und sie fragte, ob sie ihm beim Abtransport und beim Vergraben helfen würden. Während ein 23-Jähriger Zeuge den Täter als „weinerlich“ bezeichnete, sagte ein 30-Jähriger, er habe sich „ganz normal“ verhalten.
Nächster Verhandlungstermin ist Montag um 13 Uhr im Schwurgerichtssaal. Dann stehen die Vernehmung der Schwester und ihrer Anwältin sowie die Befragung der Gerichtsmedizinerin an, die den Leichnam untersuchte und sich zu den Stichwunden äußern soll.
von Florian Lerchbacher

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