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Das grüne Kraftwerk

Bionenergiedorf Das grüne Kraftwerk

Am Samstag ist ein großer Tag für Schwabendorf und Rauschenberg. Schwabendorf wird mit der Einweihung seines Nahwärme-Netzes zum Bioenergiedorf ernannt.

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Die Ortsdurchfahrt ist Hauptverteilstrang des Nahwärmenetzes. Der Ausbau der Straße wurde mit Rücksicht auf das Nahwärme-Projekt um ein Jahr verschoben. Alle Fotos: Matthias Mayer

Schwabendorf. Der Rauschenberger Stadtteil Josbach ist schon seit gut zwei Jahren Bioenergiedorf. Und möglicherweise kommt noch ein drittes Bioenergiedorf dazu. Es gibt ernsthafte Überlegungen, Teile der Kernstadt und/ oder den Stadtteil Ernsthausen mit Nahwärme aus der Biogasanlage Fiddemühle zu versorgen. Zudem schafft die den grünen Energien so zugewandte Stadt gerade die Grundlagen für den Bau eines zweiten Windparks auf ihrem Gebiet.

Doch zuerst wird in Schwabendorf gefeiert. Ab 16 Uhr gibt es eine Feier am und im Dorfgemeinschaftshaus. Wer möchte, kann sich anschließend bei einem Rundgang Einrichtungen des neuen Nahwärmenetzes aus der Nähe ansehen.

Die OP skizziert den zeitlich ziemlich kurzen, aber auch aufregenden Weg Schwabendorfs von der ersten Idee bis hin zum Bioenergiedorf.

n 7. Februar 2011: Vater und Sohn Heinrich und Karsten Müller (Foto) stellen bei einem Ortstermin mit der OP ihre Pläne vor, neben ihren Stallungen am Ortsrand von Schwabendorf eine Biogasanlage zu bauen. Mit im Boot sitzen als Partner ihrer Berufskollegen Herbert Stracke (Fiddemühle) und Heinrich Veit (Zettrichshausen). Die Möglichkeit, ein Nahwärmenetz an die Biogasanlage anzuschließend, ist zu diesem Zeitpunkt nur eine vage Idee. n 10. Februar 2011: Aus der vagen Idee erwächst Hoffnung: Mehr als 100 Besucher kommen zu einer Informationsveranstaltung der Stadt zum Thema Nahwärme in den Festsaal des Hotels Schöne Aussicht. Anfangs über wiegt eine skeptische Grundhaltung. Dann geben Bürgermeister Manfred Barth und der Josbacher Ortsvorsteher und Vorstandsvorsitzende der Josbacher Nahwärme-genossen Michael Emmerich die Eisbrecher. Sie werben eindringlich für die große Chance, eine kostengünstige Heizenergie-Versorgung aus dem Dorf für das Dorf zu verwirklichen. Wenig Erhellendes hat der Ingenieur eines Bremer Planungsbüros beizutragen, das die Ausschreibung der Stadt für die Erstellung einer Machbarkeitsstudie gewonnen hat.

n 27. Februar 2011: Bioenergiefieber hat Schwabendorf voll gepackt. Zur Informationsfahrt zur Josbacher Biogasanlage auf dem Hof der Familie Staffel hat die Stadt einen 50-Mann-Bus gechartert, der bei weitem nicht ausreicht. Deutlich mehr als 100 Schwabendorfer informieren sich über die Funktionsweise der Josbacher Biogasanlage und über das Nahwärmenetz. Beim anschließenden Kaffeetrinken im Ernsthäuser Storchennest bestimmt nur eine Frage die Gespräche: Kann ich einen der 50 möglichen Anschlüsse ergattern? n 12. April 2011: Unter dem Eindruck der Ernsthäuser Diskussion verspricht Bürgermeister Manfred Barth: „Keiner geht leer aus.“ Er kündigt an, dass notfalls ein Holzhackschnitzel Heizwerk gebaut werde, sollte die Kapazität der Biogasanlage nicht für alle Anschlusswilligen ausreichen. Falsche Zahlen töten zunächst das Interesse n 10. Mai 2011: Katastrophe! Mit der Vorstellung zweier Zahlen redet der Bremer Ingenieur bei der Vorstellung der Machbarkeitsstudie das ganze Projekt kaputt. Der Mann hat seine Datenträger vergessen und referiert aus dem Kopf. Seine Kosten-Nutzen-Rechnung ist verheerend: Selbst wenn alle 151 Schwabendorfer Häuser an das Nahwärmenetz angeschlossen werden sollten, liege der Nahwärmepreis fünf Prozent über dem Heizölpreis. Machen nur die Haushalte mit, die bei einer Fragebogenaktion ihr Interesse bekundet haben, liegt der Nahwärmepreis sogar um 40 Prozent über dem Heizölpreis. Schockstarre im Saal. „Dafür macht‘s keiner“, ruft ein Besucher aus, was alle denken. Die Euphorie ist verflogen, das Projekt scheint tot. Und Karsten Müller ärgert sich, dass der Gutachter die Wärmeleistung der Biogasanlage völlig falsch angesetzt hat: Mit 200 kW statt der tatsächlichen Leistung von 320 kW. n 16. Mai 2011: Bürgermeister Manfred Barth zieht die Reißleine. Er entzieht dem Bremer Büro den Auftrag. Sein Vorwurf: Die Bremer haben mit falschen Zahlen die Rentabilität des Schwabendorfer Nahwärmenetzes schlechtgerechnet. Der Magistrat vergibt das Projekt an den Einbecker Physiker Gunter Brandt, der bereits die Josbacher Anlage praktisch auf den Euro genau geplant und verwirklicht hatte. n 22. Juni 2011: Gunter Brandt braucht bei seinem ersten Auftritt in Schwabendorf vor 50 Zuhörern nur wenige Minute, um die Nahwärme-Depression zu verjagen. Er verdeutlicht mithilfe von Grafiken, wie explosionsartig der Ölpreis in den kommenden Jahren steigen wird. Und er kündigt an, dass sich ein Nahwärmenetz in Schwabendorf mit einem Wärmepreis, der um 10 bis 15 Prozent unter dem aktuellen Heizölpreis liegen wird, wirtschaftlich betreiben lässt. n Juli 2011: Baubeginn der Biogasanlage. n 31. August 2011: Ein siebenköpfiger Arbeitskreis hat sich zur Vorbereitung einer Genossenschaftsgründung gebildet. Dieser arbeitet geräuschlos und effektiv. Bei einer vierten Informationsveranstaltung erhält er den Auftrag, zusätzlich zu den 56 Anschlusswilligen die zwölf noch unschlüssigen Interessenten für die Nahwärme zu gewinnen. Vom Erfolg dieses Unternehmens hängt eine Förderung in Höhe von 312000 Euro ab. n 21. November 2011: Gut vier Monate nach dem Baustart der Biogasanlage wird der erste Motor im Maschinenhaus angelassen. Das Aggregat wird zunächst mit Biodiesel betrieben. Seine Aufgaben: Aufheizen des bereits mit Gülle befüllten Fermenters auf 36 bis 40 Grad, was für das Anfahren einer Biogasanlage unerlässlich ist. n 22. November 2011: Es ist vollbracht: 53 Schwabendorfer gründen die Genossenschaft Bioenergiedorf Schwabendorf und unterschreiben ihre Beitrittserklärung (Foto). Den dreiköpfigen Vorstand führt Eva Hawig an. Ihr stehen Jan Gröner und Helmut Schmid zur Seite. In den Aufsichtsrat ziehen Ortsvorsteher Günther Aillaud, Bürgermeister Manfred Barth und Andreas Badouin ein. Der von den Genossen festgelegte Wärmepreis liegt zehn Prozent unter dem Heizölpreis. Die Genossenschaft wird 1,35 Millionen Euro investieren. Davon entfallen 919000 Euro auf das 3413 Meter lange Nahwärmenetz. Die Wärmeübergabestation an der Biogasanlage kostet 125000 Euro, der mit Öl betriebene Spitzenlastkessel 80000 Euro. Ebenso gehört der Wärmepufferspeicher zu den großen Kostenfaktoren. n 30. 3. 2012: Baustart für das Nahwärmenetz. Gleichzeitig werden Ortsdurchfahrt, Wasser- und Kanalnetz erneuert, ein Fuß- und Radweg wird gebaut, und schnelle DSL-Leitungen werden verlegt. 2,64 Millionen Euro werden insgesamt verbaut. n Dezember 2012: Die Gräben des Nahwärmenetzes sind wieder geschlossen, die ersten Häuser werden mit in Schwabendorf umweltfreundlich erzeugter Energie beheizt.

Hintergrund

Wie funktioniert das grüne Schwabendorfer Kraftwerk, das Strom und Nahwärme erzeugt? Die Betriebsstoffe liefert die Natur. Diese sind Mais und Gülle. Die von den Rindern und Milchkühen der Familie Müller erzeugte Gülle fließt unter Ausnutzung der Schwerkraft automatisch aus dem Kuhstall in die Vorgrube. Der zweite Betriebsstoff lagert im Mais-Silo. Das befahrbare Drei-Kammern-Silo fasst 10000 Tonnen Silage-Mais, der mittels Frontlader in einen Spezialcontainer namens „Vielfraß“ geschüttet wird. Die Gülle wird aus der Vorgrube in den auf 36 bis 40 Grad vorgeheizten Fermenter gepumpt – 15 Kubikmeter pro Tag. Der „Vielfraß“ bringt computergesteuert täglich 15 Tonnen Mais in den Fermenter ein.

Die Gülle zersetzt bei dem im Gärbehälter herrschenden Temperaturen den Mais. Es entsteht Biogas, das im Maschinenhaus zwei Zündstrahl-Motoren mit einer Gesamtleistung von 460 kW antreibt. Die Motoren erzeugen Strom, der in das E.on-Netz eingespeist wird und als „Abfallprodukt“ liefern sie soviel CO2-neutral erzeugte Wärme, dass sich damit rund 80 Schwabendorfer Häuser beheizen lassen. Der Wärmetauscher befindet in der Maschinenhalle.

Direkt nebenan steht der Wärmepufferspeicher. Dieser ist neben dem im Dorfgemeinschaftshaus untergebrachten Spitzenlastkessel dazu da, an besonders kalten Tagen die Wärmeversorgung zu sichern. Aufgeheizt wird der Heißwasserspeicher an Tagen mit geringerem Wärmebedarf durch nicht benötigte Nahwärme.

Der Vergärungszyklus der Biogasanlagen-Substratedauert 120 Tage. In dieser Zeit wandern Gülle und Mais durch den Fermenter und durch einen Überlauf in den Nachfermenter. Die ausgegasten Feststoffe werden im Restebehälter gesammelt. Von dort werden sie als hochwertiger und geruchsneutraler Naturdünger wieder auf die Felder aufgebracht. So wächst neue Nahrung heran: Für die Kühe im Stall und für den nimmersatten stählernen „Vielfraß“.

von Matthias Mayer

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