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Das alte Rom zieht in Amöneburg ein

Lateinwoche Das alte Rom zieht in Amöneburg ein

Latein gilt als tot, da es niemanden gibt, der es als Muttersprache spricht. In Amöneburg ließen 25 Menschen aus ganz Europa Latein wieder aufleben - zumindest für eine Woche.

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Wie einst im alten Rom: Sophia Riederer (von links), Hartmut Dietrich und Jana Riederer tragen stilecht, bekleidet mit einer Tunika, einen Text vor.Foto: Karin Waldhüter

Amöneburg. Einmal im Jahr wird das Johanneshaus zum Treffpunkt für Menschen aus ganz Europa, die eine Leidenschaft teilen: die zur lateinischen Sprache.

Malerisch neben der Stiftskirche gelegen, bietet das Johanneshaus in Amöneburg die optimale Umgebung. Dort treffen sich seit über 25 Jahren Menschen aus ganz Europa, für die Latein etwas ganz Besonderes darstellt. „Von wegen, die lateinische Sprache ist tot. Sie ist sehr lebendig, faszinierend, und man kann alles damit ausdrücken“, erklärt Sophia Riederer aus Saaldorf/Bayern voller Hingabe.

Sie besucht gemeinsam mit ihrer 18 Jahre alten Schwester Jana zum vierten Mal die Lateinwoche und hat sichtlich Spaß beim Tragen einer römischen Tunika. Inzwischen sei ein enger Kontakt mit den Teilnehmern entstanden, erzählt sie: „Auch wenn wir uns nur einmal im Jahr sehen: Wir schreiben lateinische E-Mails, skypen in Latein und halten lateinisch Kontakt auf Facebook“. So waren es während der verschiedensten Aktivitäten zumeist lateinische Vokabeln, die durch das Johanneshaus schallten. „Mir gefällt, dass Menschen aus allen Generationen hierher kommen, um Lateinisch zu sprechen. Das ist einmalig und sehr selten“, berichtet Hartmut Dietrich. Er zeigt den Teilnehmern, wie sie eine Toga korrekt anlegen.

Internationales Publikum

Hamet Corentin, 19-jähriger Geschichtsstudent, ist aus der Nähe von Marseille nach Amöneburg gekommen. „Latein ist Leidenschaft - und lateinisch sprechen kann man nicht in Frankreich“, erklärt er enthusiastisch - und in perfektem Deutsch. Man begebe sich mit einem Sprung in die Vergangenheit, die nicht allzu fern sei, denn noch im 17. und 18. Jahrhundert sei Latein die Sprache der Intellektuellen gewesen.

Und die Zahl derjenigen, für die das gesprochene Latein etwas ganz Besonderes ist, wächst. Deshalb wurde die Lateinwoche geteilt. Eine zweite Veranstaltung dieser Art findet zum wiederholten Mal in Freising in Bayern statt. Nach Amöneburg sind in diesem Jahr 64 Teilnehmer aus England, den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Dänemark, Österreich und Deutschland gekommen.

„Der Zulauf ist groß, es haben sich viele Freundschaften gebildet. Und über das Internet kommen immer wieder neue Interessenten hinzu“, berichtet Thomas Gölzhäuser, Organisator und Vorsitzender des Vereins „Europäische Lateinwoche“, der als Lehrer an der St.-Lioba-Schule in Bad Nauheim tätig ist.

Erst im vergangenen Jahr hatte der Verein sein 25-jähriges Bestehen gefeiert. Die Altersstruktur der Teilnehmer ist groß und reicht von 15 bis 80 Jahre. Es ist ein bunter Mix aus Schülern, Studenten, Lehrern, Professoren und Vertretern verschiedener Berufen.

Römisches Festmahl

„Amöneburg ist fest in unserer Hand“, erklärt Gölzhäuser - und bezieht sich auf die Unterbringungsmöglichkeiten. Nicht alle hätten eine Übernachtungsmöglichkeit gefunden, umso dankbarer sei er Pfarrer Marcus Vogler, der es ermöglicht habe, dass einige Teilnehmer ihre Zelte neben der Stiftskirche aufbauen.

Ein besonderer Höhepunkt der Lateinwoche war in diesem Jahr der Vortrag „Fabeln des Phaedrus“ von Professor Andreas Fritsch aus Berlin. Er erläuterte den Teilnehmern, welche Alltagsformulierungen man aus Fabeln lernen kann. Aufgeteilt in fünf Gruppen lernten die Teilnehmer in der Woche von Alltagsthemen bis hin zur anspruchsvollen Literatur für Fortgeschrittene verschiedene Themenbereiche kennen.

„Bene Sapiat!“, was übersetzt „Guten Appetit“ bedeutet, hieß es während des festlichen römischen Mahls. Dabei durften Mostbrötchen, ein typischer Bestandteil eines römischen Essens, nicht fehlen. Nach Aprikosen mit Likörwein und Schweinegulasch mit Äpfeln gab es zur Nachspeise Sesamgebäck. Zu Ende ging die Lateinwoche mit einem Fest und Aufführungen der Schauspielgruppe und des Chors.

von Karin Waldhüter

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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