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Das Ziel ist das starke Kind

pädagogik Das Ziel ist das starke Kind

Seit einem Jahr ist im Großseelheimer Regenbogenland alles anders. Die Kinder der evangelischen Kindertagesstätte bestimmen im Wesentlichen selbst, mit wem und mit was sie ihren Tag im Kindergarten verbringen.

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Zwischen einem und sechs Jahre alt sind die Kinder der evangelischen Kindertagesstätte Regenbogenland, die sich mit dem Erzieher-Team zum (unvollständigen) Gruppenbild ins Gras setzten. Fotos: Matthias Mayer

Großseelheim. Karin Ittermann, Leiterin der Einrichtung, erläuterte im Gespräch mit der OP die Grundzüge des Konzepts. Dabei fallen Begriffe, die sonst eher von der gymnasialen Oberstufe oder von der Universität her geläufig sind: Bildungsräume, Einwahlmöglichkeiten, (Kinder-)Konferenzen.

Auffälligstes Element des neuen Großseelheimer Konzepts ist die teilweise Auflösung der in Kindergärten üblichen Gruppen- und Altersstruktur. Auch im Regenbogenland gibt es noch Gruppen, aber diese sind nicht mehr nach dem Lebensalter eingeteilt. In den drei Gruppen finden sich jeweils Kinder von zwei bis sechs Jahren zusammen. Nur die unter Zweijährigen, bleiben im Raum der Kinderkrippe noch für sich, ohne abgeschottet zu sein. Dank der offenen Architektur des Gebäudes mit seinem forumartigen Flur bekommen sie das Leben der größeren Kinder mit, erläutert Karin Ittermann.

Die Gruppen lösensich ab 9 Uhr auf

In ihren Gruppen bleiben die Kinder nur bis 9 Uhr. Dann wählen sie sich selbstständig und nach ihren Neigungen in einen der sechs Bildungsräume der Einrichtung ein. Das geschieht ganz einfach. Für jeden Bildungsraum gibt es ein Plakat, auf das die Kinder ihr Porträtfoto heften können. Bietet ein Bildungsraum einmal kein Programm an, weist ein Button die Kinder darauf hin. In den Bildungsräumen betreuen Erzieherinnen das inhaltliche Arbeiten und Spielen der Kinder. Aber auch die Gruppenräume bleiben mit je einer Erzieherin besetzt, um den Kindern jederzeit eine Rückzugsmöglichkeit zu bieten.

In den Bildungsräumen werden die jeweils dreiwöchigen Projektarbeiten umgesetzt, erklärt Karin Ittermann. Die Themen setzen in Zweifelsfall die Kinder selbst. So hat sich der Kindergarten, auf Wunsch von einigen Jungen, auch schon kreativ mit den Star-Wars-Filmen auseinandergesetzt. Normalerweise sind die Themen allerdings weiter gefasst, sagte die Kita-Leiterin und erklärt das Geschehen in den Bildungsräumen am Beispiel des Projekt-Themas „Was uns die Natur gibt.“

n Bauraum: Die Kinder erkundeten hier, welche Baustoffe die Natur bietet und versuchten sich mit Bausteinen aus Holz als Hochbaumeister. n Bauspielplatz: Dieser Bildungsraum befindet sich im Freien und ist deshalb ganzjährig sehr beliebt. Hier sammelten die Kinder unter anderem Schnecken und beobachteten deren Verhalten. Zugleich legten die junge Forscher mithilfe ihrer Eltern ein Kräuterbeet in Schneckenform an. n Kreativraum: Die Nachwuchskünstler gestalteten mit den natürlichen Baustoffen Ton, Sand, Erde und Schlamm und lernten dabei: Sogar mit Erde kann man lernen. n Projektraum: Welches Erzeugnis der Natur schwimmt? Welches versinkt? Die experimentierfreudigen Kinder fanden das heraus und banden zugleich Blumenkränze. n Bibliothek: Dieser Bildungsraum wurde zu einer Art Hörsaal; die Kinder hörten Geschichten und Sachgeschichten aus der Natur und betrachteten entsprechende Bilderbücher. n Turnsaal: Der größte Raum bot den jungen Forschern willkommene Gelegenheit, zwischendurch ihrem Bewegungsdrang nachzugehen. Raum zu voll? DieKinder regeln das selbst Was passiert eigentlich, wenn ein Bildungsraum völlig „überbucht“ ist? „Das regeln die Kinder selbst“, sagt Karin Ittermann. „Wenn zum Beispiel 30 Kinder gleichzeitig im Turnsaal sind, merken sie sehr schnell, dass es dann überhaupt keinen Spaß macht, dort mit dem Rollbrett oder dem Laufrad zu fahren. Dann suchen sie sich einen anderen Platz“, ergänzt sie.Diese Eigenverantwortung ist gewollt. „Unser oberstes Ziel ist das starke und selbstbewusste Kind“, macht die Kita-Leiterin klar. Für dieses Ziel verzichteten die Erzieher auf einen Großteil ihrer Macht. Die Kinder setzten nicht nur ihre Themen für die Projektwochen, sie bestimmten auch in den eigens eingeführten Kinderkonferenzen mit. Das reiche von der Anschaffung neuer Spielgeräte bis hin zur Ahndung kleiner Übertretungen. „Gelegentlich müssen wir noch einschreiten, wenn die Kinder für eine kleine Verfehlung gleich ein halbes Jahr Bauraum-Verbot fordern, für das zwei Tage angemessen wären“, erzählt Karin Ittermann, die die Kinder auch schon mithilfe eines Zollstocks überzeugen musste, dass das gewünschte zweite Kindertaxi beim besten Willen nicht mehr in den Abstellraum passt. Daraufhin votierten die Kinder für den Ankauf zweier Laufräder. Zeigt das neue Konzept nach einem Jahr Veränderungen bei den Kindern? Karin Ittermann beantwortet diese Frage mit einem klaren Ja. „Die Kinder hinterfragen heute viel mehr, was wir tun“, sagt die Pädagogin. Sie räumt ein, dass die Umsetzung des neuen Konzepts auch mit Mühen und Anstrengungen verbunden gewesen ist. Es sei ein großer Unterschied, ob eine Gruppenleiterin über Jahre hinweg ihr Ding durchziehe, oder ob man gemeinsam Projekte für alle Kinder auf den Weg bringe. Gleichwohl möchte sie die alten Verhältnisse nicht zurück haben. Schließlich war ihr Satz, „irgendwie gefällt es mir hier nicht mehr, wir machen immer wieder dasselbe“ die Initialzündung für das vom Team gemeinsam erdachte neue Konzept. Dies wiederum hat dem Team von Eltern und Elternbeirat inzwischen große Wertschätzung eingebracht.

von Matthias Mayer

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