Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
„Das Trennende muss nicht negativ sein“

Interreligöser Trialog „Das Trennende muss nicht negativ sein“

Religion - Anlass zur ­Gewalt oder Beitrag zum Frieden? Zu diesem Thema sprachen am Montagabend Theologen der drei monotheistischen Religionen ­Judentum, Christentum und Islam in Kirchhain.

Voriger Artikel
Gutachter findet Belege für „echten“ Gedächtnisschwund
Nächster Artikel
Petra Maus tritt in Edgar Nasemanns Fußstapfen

Kirchhain. Ungeachtet des Störfeuers, dem die Veranstaltung im Vorfeld durch zum Teil hasserfüllte Kommentare auf Facebook ausgesetzt war (die OP berichtete), verlief der von Pfarrerin Elisabeth Krause-Vilmar moderierte Abend in der proppevollen Aula der Alfred-Wegener-Schule in Frieden und völliger Harmonie - sehr zur Freude des Hausherren Matthias Bosse und Dekan Hermann Köhler vom veranstaltenden Kirchenkreis Kirchhain.

Letztlich war es noch nicht einmal die angekündigte Podiumsdiskussion, denn miteinander diskutiert wurde nicht. Die Theologen skizzierten die Gemeinsamkeiten und das Trennende der drei „verwandten“ Religionen, hoben die Besonderheiten und Bräuche ihrer Glaubensrichtungen hervor und taten letztlich das, was eine Schülerin ziemlich zum Schluss forderte: Sie bauten durch Gespräche und Informationen böse Vorurteile und Ängste ab, die es unter den Gläubigen unterschiedlicher Religionen gibt.

„Die Juden haben ein Missionierungsverbot. Und es ist ziemlich schwierig für jemanden, der nicht in diese Religion hineingeboren ist, Jude zu werden. Deshalb gibt es keinen Grund, Menschen mit Gewalt zum Judentum zu zwingen, sagte Jacob Donath von der Jüdischen Gemeinde Frankfurt zur Ausgangsfrage nach der von Religion ausgehender Gewalt. Für die Friedfertigkeit seiner Religion stehe die Messias-Erwartung. Mit dem Erscheinen des Messias werden alle guten Menschen, auch wenn sie längst gestorben sind, das Heil erlangen. Das gelte nicht nur für die Juden.

Als eine Form der Ausgrenzung bezeichnete er die an ihn gestellte Frage nach dem Einfluss jüdischer Fundamentalisten auf die israelische Regierung. Er solle sich als deutscher Staatsbürger mit osteuropäischen Wurzeln zu Vorgängen in einem fremden Land äußern, nur weil er den Glauben mit den meisten Bürgern Israels teile. Die Gruppen, die Siedlungen in Palästinenser-Gebieten bauten, begründeten dies mit der Tora. Er glaube aber nicht, dass diese Handlungen religiös motiviert seien und hoffe, wie die meisten Bürger Israels, auf eine Zwei-Staaten-Lösung für das Land.

Lange Gewaltgeschichte,lange Friedensepoche

Der evangelische Pfarrer Thorsten-Marco Kirschner sprach von einer sehr langen Gewaltgeschichte des Christentums, aber auch von sehr langen Friedensepochen. Diese spiegelten sich auch in der Bibel wider. Es gebe radikale, ja sogar brutale Texte in der Bibel, denen an andere Stelle widersprochen werde. Zugleich fänden sich auch zahlreiche Texte und Gebote in der Bibel, die für die Friedfertigkeit des christliche Glaubens stehen. „Das Gebot der Feindesliebe lässt uns freundlich Menschen begegnen, die wir eigentlich nicht mögen“, rückte der Pfarrer die Barmherzigkeit Christi ins Zentrum. Zugleich mahnte er: „Es gab immer wieder in der Geschichte religiös motivierte Ausbrüche der Gewalt. Wir sollten nicht auf das Gewaltpotenzial reinfallen“, sagte er.

Selcuk Dogruer sah im absolutistischen Wahrheitsanspruch den Auslöser für Gewalt - nicht nur zwischen den Religionen oder auch in anderen weltanschaulichen Fragen. Der islamische Theologe und Beauftragter der DITIB Hessen für den interreligiösen Dialog bezeichnete den Frieden und das friedliche Zusammenleben als die universale Botschaft des Islam. Gleichwohl werde seine Religion brutal instrumentalisiert. Das habe komplexe Gründe. Die allermeisten der 1,6 Milliarden Muslime hätten die Kernbotschaft des Islam verstanden. Muslimen sei es lediglich erlaubt, sich bei Gefahr handgreiflich zu schützen.

„Wie viel Koran steckt im IS“, knüpfte Elisabeth Krause-Vilmar an diese Feststellung an. Für Selcuk Dogruer sind die IS-Terroristen überwiegend islamische Analphabeten, die den Islam als Deckmantel nutzten, um im Namen Gottes systematisch zu morden.

Wie können die monotheistischen Religionen Vorbehalte abbauen? „Miteinander reden und zuhören - das ist das Wichtigste“, sagte Jacob Donath. Dem schloss sich Selcuk Dogruer an: „Das Trennende muss nicht negativ sein. Wir müssen noch mehr lernen, mit unterschiedlichen Menschen umzugehen“, sagte er. Mehr übereinander zu wissen und miteinander zu teilen sei eine zentrale Aufgabe. „Dann können wir weniger ängstlich miteinander umgehen“, ergänzte Thorsten-Marco Kirschner.

Mit einer gelungenen Performance hatte eingangs der Kurs Darstellendes Spiel der Alfred-Wegener-Schule die Komplexität des Abends vorweggenommen und die Glaubensfrage gestellt.

von Matthias Mayer

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr