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Das Mädchen mit den zwei Gesichtern

Rabiate Gewalttäterin Das Mädchen mit den zwei Gesichtern

Als die Angeklagte den Gerichtssaal betrat, trauten die Prozessbeteiligten kaum ihren Augen: So sieht doch keine rücksichtslose Schlägerin aus.

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Ein Weihnachtsstern hängt an einem Zellen-Fenster der JVA Preungesheim. In diesem Gefängnis wartete die Angeklagte 13 Tage auf ihren Prozess, weil sie zu den ersten beiden Verhandlungsterminen nicht erschienen war. Weihnachten hinter Gittern bleibt ihr erspart.Foto: Christine Kokot

Quelle: Christine Kokot

Kirchhain. Vor ihnen stand ein kleines und zierliches Mädchen mit einem engelsgleichen Gesicht, dem man das Alter von 19 Jahren nicht ansieht. Und dieses Kirchhainer Mädchen soll in ihrem Umfeld Angst und Schrecken verbreitet haben?

Was Oberamtsanwalt Reinhard Hormel in seinem Anklagesatz vortrug und durch Zeugenaussagen bestätigt wurde, hatte es in sich. Am 7. Februar soll die Angeklagte in einer Kirchhainer Schule wie eine Furie auf eine Mitschülerin losgegangen sein. Sie zog nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme der deutlich größeren Schülerin an den Haaren den Kopf herunter, stieß mit ihrem Knie gegen diesen, zerrte ihr Opfer zu Boden, schleifte dieses an den Haaren über den Boden, trat und schlug das sich nicht wehrende Mädchen.

Das geschah im Beisein einer Freundin der Angeklagten, die sich vor Gericht als mitschuldig an dem Vorfall bezeichnete. Sie habe ihrer Freundin berichtet, dass das spätere Opfer unschöne Dinge über sie verbreitet habe. Die Angeklagte habe dies über Facebook groß verbreitet und angekündigt, die Mitschülerin zu „vermöbeln“. Sie habe das spätere Opfer noch gewarnt, sagte die Zeugin, die bei den minutenlangen Attacken ihrer Freundin nicht einschritt. „Ich hatte Schiss vor ihr“, bekannte sie.

Schülerin verprügelteihren Lehrer

Die zweite angeklagte Tat ereignete sich am 15. August in einem beruflichen Schulungszentrum in Marburg. Die Angeklagte beleidigte ihren Lehrer als „deutschen Hurensohn“, weil dieser mit ihrer Hausaufgabe nicht einverstanden war. Eine Mitschülerin fragte die Angeklagte daraufhin, ob sie eine Rassistin sei, die etwas gegen Deutsche habe. Damit war es um die Unterrichtsstunde beendet. Die Angeklagte rastete völlig aus. Schlug ihrem Lehrer vor der ganzen Klasse ins Gesicht, und wenn der dieses schützte, zerkratzte sie dessen Hals. Dieses Wechselspiel hat sich nach Aussagen einer Zeugin ständig wiederholt. Und so malträtierte sie auch die Mitschülerin, die sie zuvor kritisiert hatte. Einzige Variation: Sie packte die Schülerin an deren neun Halsketten, strangulierte sie damit und fuhr ihr zudem mit einem Fingernagel in ein Auge. Die junge Frau musste daraufhin in zwei Kliniken behandelt werden. Noch vor dem Eintreffen der alarmierten Polizei verließ die Angeklagte den Raum mit der Drohung, sie werde jedem Einzelnen auflauern und abstechen. Dabei soll sie auf ihre zahlreichen einschlägigen Vorstrafen verwiesen haben.

Die Angeklagte räumte die von ihr begangenen Körperverletzungen ein, konnte sich aber nicht an Details erinnern. Auch eine Drohung habe sie möglicherweise ausgesprochen.

Barbara Weber von der Jugendgerichtshilfe wusste nichts über die Angeklagte zu sagen, da diese zu den vereinbarten Terminen nicht erschienen war. Auch den ersten beiden Verhandlungsterminen vor dem Jugendgericht war sie ferngeblieben, was ihr einen Haftbefehl und eine 13-tägige Haftzeit in der JVA Preungesheim einbrachte, aus der sie direkt dem Gericht vorgeführt wurde. Barbara Weber gelang es durch Befragung im Gerichtssaal doch noch, den Werdegang des Mädchens nachzuzeichnen, der geprägt ist von stetig wechselnden Aufenthalten bei der Mutter, in Pflegefamilien, Heimen oder kurzzeitig beim gewalttätigen Vater. Barbara Weber regte die Anwendung von Jugendrecht für die Heranwachsende und die Teilnahme an einem viermonatigen sozialen Training zum Abbau von Aggressionen an.

Nur ganz knapp an der Jugendstrafe vorbei

Diesem Vorschlag folgte Reinhard Hormel in seinem Antrag. „Sie stehen hart an der Grenze zur schädlichen Neigung und damit zu einer mindestens sechsmonatigen Jugendstrafe, sprach Hormel Klartext. Allein die Aufklärung ihres familiären Hintergrunds in letzter Minute veranlasse ihn, einen dreiwöchigen Dauerarrest und die Teilnahme an dem Anti-Aggressionstraining zu beantragen.

„Der Aufenthalt in Preungesheim hat gewirkt“, bescheinigte Rechtsanwalt Ralf Luthe seiner Mandantin Einsicht in ihr Fehlverhalten. „Streit unter Mädels rechtfertigt keine körperlichen Angriffe. Der soziale Trainingskurs ist Ihre Chance, die Aggressionen zu bekämpfen“, sagte Luthe, der bei der Bemessung des Dauerarrests um Milde bat.

Die vor Gericht höflich und zurückhaltend auftretende Angeklagte, die sich zuvor beim einzigen im Saal befindlichen Opfer entschuldigt hatte, sagte im Schlusswort: „Es tut mir leid. Ich würde gern Hilfe bekommen.“

Diesem Wunsch stellte sich Jugendrichter Joachim Filmer zum Abschluss seiner letzten Hauptverhandlung des Jahres nicht in den Weg. Er verurteilte die Angeklagte wegen Körperverletzung in zwei Fällen, davon einmal tateinheitlich mit Bedrohung, zu einem zweiwöchigen Dauerarrest und der Teilnahme an dem viermonatigen sozialen Training. „Nehmen Sie an diesem Training nicht teil, brechen Sie dieses ab und werden Sie verhaltensbedingt von dem Kurs ausgeschlossen, wandern Sie direkt für vier Wochen in Beugehaft“, warnte der Jugendrichter.

Joachim Filmer nahm sich viel Zeit, um der Angeklagten „mit den zwei Gesichtern“ ihr Verhalten vor Augen zu führen. „Sie kommen als Racheengel in die Schule reingeschneit und langen richtig zu. Sie traktieren eine junge Frau über Minuten. Sie zerren sie an den Haaren über den Boden. So etwas macht nur, wer einem anderen richtig wehtun will. Sie rasten aus und kennen keine Gnade mehr. Ihr Angriff auf den Lehrer vor der Schulklasse ist ein unglaublicher Vorgang, wobei Sie die passive Haltung ihrer Opfer noch angestachelt hat. Sie zeigen bei Ihren Ausrastern ein ganz anderes Bild, als Sie es heute in der Verhandlung getan haben“, sagte der Richter. Er riet der jungen Frau, den gewiss harten Trainingskurs als letzte Chance zu begreifen, die eigene Impulsstörung zu bekämpfen.

Das Urteil wurde sofort rechtskräftig.

von Matthias Mayer

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