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Das Herumgestochere hat ein Ende

Landgericht Das Herumgestochere hat ein Ende

Seit vielen Jahren hängen eine zerbrochene Liebschaft und ein Verfahren wegen Beleidigung und Verleumdung wie ein Damoklesschwert über zwei Familien - vielleicht können die Wunden nun zu heilen beginnen.

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Marburg. Die Zuschauer schlackerten einmal mehr mit den Ohren, als der nicht aus der Ruhe zu bringende Richter Hans-Werner Lange am Freitag während der Berufungsverhandlung die Beschimpfungen und Verleumdungen verlas, die nach dem Ende einer heimlichen Liebschaft im Jahr 2007 über einen heute 58-Jährigen verbreitet worden waren. Er sei ein Pädophiler, der auf Gräbern seine Notdurft verrichte und seine Finger nicht von den Frauen anderer Männer lassen könne, hieß es in Briefen und SMS, die an Familie, Freunde, Bekannte und Kollegen geschickt worden waren. Und das ist nur die erheblich zensierte Kurzfassung der Beleidigungen und Verleumdungen. Von ähnlichem Kaliber waren die eingestreuten Kommentare über seine Frau.

Das Amtsgericht hatte eine inzwischen 48-Jährige zu einer Geldstrafe in Höhe von 240 Tagessätzen à 25 Euro verurteilt. Die Frau legte Berufung ein - und eigentlich hätte ein psychologisches Gutachten über sie erstellt werden sollen. Das zumindest war während des ersten Berufungstermins im November festgelegt worden. Seitdem ruhte das Verfahren.

Strafkammer will alte Wunden nicht aufreißen

Die Bereitschaft, sich untersuchen zu lassen, zog die Angeklagte allerdings wieder zurück, so dass am Freitag die Verhandlung wieder bei null begann. Am Anfang stand die Verlesung des Protokolls durch Richter Lange, der aus den Akten ungerührt die wüstesten Beschimpfungen zitierte. Lediglich einmal zeigte er eine Emotion: In einem Schreiben war erklärt worden, dass das Flachlegen einer Karnevalsprinzessin nach Paragraf 15 des Strafgesetzbuches strafbar sei. Tatsächlich geht es in diesem Paragrafen um „vorsätzliches und fahrlässiges Handeln“ - angesichts so viel juristischer „Kompetenz“ zog er voller ironischer Anerkennung die Augenbrauen hoch.

Die Anwältin der Angeklagten versuchte derweil einmal mehr, die Einstellung des Verfahrens zu erreichen - zunächst wegen „rechtsstaatswidriger Verfahrensverzögerung“, dann wegen „Verfahrenshindernis“, da für zwei der angeklagten zwölf Taten kein Strafantrag gestellt worden war. „Da der Antrag 15 Seiten lang ist, stellen wir ihn erstmal zurück“, kommentierte Lange den ersten Antrag und lies auch den zweiten Antrag Antrag sein.

Als dann das als Nebenkläger auftretende Opfer in den Zeugenstand musste und seine Aussage machte, kam es zum zweiten Wortgefecht zwischen Richter und Anwältin: Es sei eine Spekulation des Zeugen, dass die gepfefferten SMS und Briefe von ihrer Mandantin stammten, monierte die Anwältin. „Schlussfolgerungen sind nicht verboten“, entgegnete der Richter. „Die Gedanken sind frei“, betonte der Anwalt des Opfers.

Zeugin traumatisiert

Dass Gedanken allerdings auch belastend sein können, zeigte sich im weiteren Verlauf der Verhandlung: „Ich hatte es bisher noch nie erlebt, dass Zeugen mich vor einer Verhandlung anrufen und sagen, dass sie am liebsten nicht aussagen würden“, berichtete der Richter und ergänzte, eine Zeugin sei traumatisiert und könne das Gerichtsgebäude nicht betreten. Er schlug vor, das Verfahren nach Paragraf 153a, Absatz 2 der Strafprozessordnung ohne Entschuldigung, aber gegen Auflagen einzustellen. Zwar gebe es Verdachtsmomente, Beweise und - da war er sich sicher weitere Möglichkeiten, um Beweise zu finden. Er halte es allerdings nach mehreren Jahren der Ruhe - die Beziehung hatte von 2003 bis 2007 gedauert, die Beschimpfungen 2008 geendet -für sinnvoll, den Zeugen eine erneute Befragung zu ersparen, „um nicht weitere Wunden aufzureißen“.

Die Anwältin der Angeklagten sagte zwar, dass die Gerichtsverhandlungen einer Hexenjagd gleichgekommen seien und es laut Gutachten keine Beweise gebe, dass ihre Mandantin die Verfasserin der Schmähschriften sei. Dennoch stimmten sie „schweren Herzens“ zu, um die „Schmuddelangelegenheit zu beenden“. Das Opfer stimmte nicht zu, da es vor der ersten Verhandlung am Amtsgericht in Kirchhain zu diesem Schritt bereit gewesen sei - gegen eine Entschuldigung und Zahlung von 2000 Euro an eine gemeinnützige Organisation. Nun jedoch sei er enttäuscht, da nach „langer Zeit am Ende weniger herauskommt, als er am Anfang angeboten hatte“, erläuterte sein Anwalt.

Die Angeklagte muss nun sowohl ihre als auch die Anwaltskosten des Nebenklägers tragen und 500 Euro an einen gemeinnützigen Verein zahlen. Dafür stellt die Kammer das Verfahren ein, und sie gilt nicht als vorbestraft. „Eine Strafkammer ist kein Moralapostel, aber in diesem Fall gibt es nur Verlierer - und das würde durch ein Urteil auch nicht besser werden“, fasste Lange zusammen und betonte: „Wir würden noch mehr kaputt machen, wenn wir weitermachen.“ Laut Angeklagter und Opfer haben die Affäre beziehungsweise das Verfahren ihn seine Familie und sie ihre berufliche Karriere gekostet.

von Florian Lerchbacher

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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