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Das Gesicht der AWS geht in Pension

Abschied Das Gesicht der AWS geht in Pension

9 Jahre war Jürgen Franke Schüler der Gesamtschule Kirchhain, 42 Jahre Lehrer - mehr als 30 dieser Jahre war er in Leitungsfunktionen tätig. Am Freitag wird er von „seiner“ Schule in den Ruhestand verabschiedet.

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 „Güte, wo immer möglich. Strenge, wo immer nötig. Gerechtigkeit auf jeden Fall" - das war der Grundsatz seiner Lehrtätigkeit. Am Freitag muss sich die Alfred-Wegener-Schule von Jürgen Franke trennen.

Quelle: Florian Lerchbacher

Kirchhain.  „Güte, wo immer möglich. Strenge, wo immer nötig. Gerechtigkeit auf jeden Fall.“ Für alle sichtbar hängt der Grundsatz seiner Lehrertätigkeit über dem Büro von Jürgen Franke, der nun - mit 64 Jahren -in den Ruhestand geht.

„Ich würde gerne weitermachen, weil der Beruf nie eine Last war und ich viel Spaß am Umgang mit Menschen habe - was mir auch fehlen wird“, sagt der Realschulzweigleiter, betont aber sogleich: „Sorgen muss man sich um mich aber nicht machen: Ich habe noch viele weitere Standbeine, denen ich nun eben mehr Zeit widmen kann.“ Unter anderem spielt er Tischtennis in Burgholz, Tennis und Golf, Gitarre in der Band „Black Hawks“, ist Schiedsmann der Großgemeinde Kirchhain und vieles mehr. Ganz vorne steht aber natürlich seine Familie.

Mit Franke geht das Gesicht der Alfred-Wegener-Schule in Pension. Oder, um es mit seinen Worten auszudrücken: die „personifizierte Kontinuität“. Denn eigentlich begleitete er die Gesamtschule Kirchhain seit ihrer Gründung im Jahr 1956. Zumindest fast, denn mit Ende des Grundschuljahres 1959/1960 kam der damals kleine Jürgen an die große Gesamtschule - die zweite ihrer Art in Hessen - und weiß daher über sämtliche Meilensteine der Geschichte zu berichten: zum Beispiel über den Besuch von Bundeskanzler Willy Brandt im Jahr 1961, die zahlreichen Neu- und Umbauten, die Ernennung zum Schulsportzentrum im Jahr 1970, die Gründung der Big Band im Jahr 1989 oder -für ihn als Realschulzweig-leiter besonders wichtig - die Zusammenführung von Haupt- und Realschule zur Mittelschule vor wenigen Jahren.

„Einfach nur die Zweige zusammenzulegen, hätte keinen Sinn gemacht. Also entwickelten wir in der Schule eine neue Konzeption. Zwei Jahre später führte das Kultusministerium die Mittelstufenschule ein. So schlecht kann unser Entwurf also nicht gewesen sein“, freut er sich noch heute.

Höhen und Tiefen

In mehr als 50 Jahren gibt es aber natürlich auch Tiefpunkte. Besonders traurig habe ihn die aus „bildungspolitischen Vorgaben“ resultierende Aufhebung der Förderstufe im Jahr 1996 gemacht, die er noch immer als „optimale Schulform“ für die Jahrgänge 5 und 6 bezeichnet. Als Sohn eines Elektromeisters wäre er zum Beispiel nie auf die Idee gekommen, den Gymnasialzweig zu besuchen - seine Leistungen in der Förderstufe brachten ihn jedoch auf den Weg Richtung Abitur.

In den 1990ern kam es dann aber zum Wechsel: Nicht mehr die Schule traf mit ihrer Empfehlung für einen Zweig die Entscheidung, sondern die Eltern durften ihren Willen äußern. „Und das war eben nicht immer deckungsgleich“, sagt Franke und nimmt die Eltern gleichzeitig in Schutz: „Sie handelten natürlich immer nur in bester Absicht!“

Er selber besuchte also nach der Förderstufe den Gymnasialzweig, legte im Jahr 1968 das Abitur ab und studierte anschließend Mathematik und Physik. Im zweiten Semester rief die Bundeswehr - was Franke zunächst weniger glücklich machte. Allerdings sei er nach wenigen Monaten Ausbilder geworden, und als er vor seiner Truppe stand, habe er gemerkt, dass ihm die Führungsrolle liege. Da wundert es dann auch nicht, dass er in seiner späteren Karriere immer wieder auf entsprechenden Posten landete.

Das Formen junger Menschen liegt ihm am Herzen

Nach Abschluss seines Studiums kehrte Franke im Jahr 1973 an die Gesamtschule Kirchhain zurück. Ein bisschen sei Zufall gewesen, ein bisschen habe er es forciert, erklärt er geheimnisvoll. Wie dem auch sei: Er kam zurück, blieb 42 Jahre lang und war in dieser Zeit Förderstufenleiter (als Übergangslösung), Hauptschulleiter (10 Jahre) und Realschulleiter (23 Jahre). Zudem übernahm er für sechs Jahre die Geschäfte des stellvertretenden Schulleiters.

Bei all diesen Aufgaben wollte er auf eines nie verzichten: den Beruf des Lehrers weiter auszufüllen. Das Formen junger Menschen liege ihm am Herzen: „Wenn es einem gelingt, die Akzeptanz der Schüler zu bekommen, dann ist man wie ein Leitwolf, für den sie durchs Feuer gehen“, betont Franke, der auch am Ende seiner Karriere noch immer den Draht zu den um die 50 Jahre jüngeren Schülern hat. „Lehrer ist man oder ist man nicht“, erklärt er. Ein Geheimrezept gebe es nicht: „Didaktik und Methodik kann man lernen - aber ein Standing hat man oder hat man nicht.“ Und Franke hat dieses Standing. Eine gesunde Mischung aus Güte und Strenge und vor allem sein Sinn für Gerechtigkeit dürften daran einen maßgeblichen Anteil gehabt haben.

Die Feier zur Verabschiedung von Jürgen Franke findet am Freitag ab 15.30 Uhr in der Aula der Alfred-Wegener-Schule statt.

von Florian Lerchbacher

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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