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„Judenfrei“ am 27. August 1941

Das Ende jüdischen Lebens in Rauschenberg „Judenfrei“ am 27. August 1941

Dem düstersten Kapitel der Rauschenberger Geschichte hat Willi Wolf die neueste Ausgabe der Rauschenberger Stadtschriften gewidmet: der Verfolgung, Vertreibung und Ermordung jüdischer Mitbürger.

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Heute erinnert nur der außerhalb der Stadt gelegene Friedhof an die von den Nazis ausgerottete jüdische Gemeinde Rauschenbergs. Der damalige Rauschenberger Bürgermeister Moll wollte 1940 den „Jüdischen Totenhof“ weltlichen Zwecken zuführen.

Quelle: Matthias Mayer

Rauschenberg. „Jüdische Bürger in Rauschenberg. Rückblicke bis 1900 hat Willi Wolf ­seine Arbeit überschrieben, die von der Geschichtswerkstatt des ­Arbeitskreises „Wir alle in ­Rauschenberg“ herausgegeben wird. Erhältlich ist das Heft im Verkehrsbüro Am Markt 22.

Die Zeitspanne von 1933 bis 1945 steht naturgemäß im Zentrum der Stadtschrift. Aber der Autor beleuchtet zu Recht auch den Zeitraum ab 1900, rückt er doch das Schicksal der Rauschenberger Bürger jüdischen Glaubens ab 1933 in ein noch unbegreiflicheres Licht.

Der Anteil deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens war in Rauschenberg nie höher als zehn Prozent. Diese Bevölkerungsgruppe engagierte sich überproportional stark für das Rauschenberger Gemeinwesen, wie Willi Wolf anhand der Mitgliedzahlen des wichtigen­ Verschönerungsvereins belegte. Wie sehr auch in dieser ­Bevölkerungsgruppe eine vaterländische Gesinnung herrschte, macht der Autor an den Beispielen des hoch dekorierten Weltkriegs-Offiziers und Rauschenberger Arztes Julius Oppenheim, des Veterans von 1870/71 Michael Katz-Stiefel und des Lehrers Menko Schirling deutlich. Den beiden Erstgenannten warfen nach ihrem Tod örtlichen Zeitungen lobende Worte nach. Der jüdische Lehrer Menko Schirling sprach selbstverständlich 1920 für den Verein der Kriegsteilnehmer bei der Einweihung der „Heldentafel“.

1933 wurde alles anders. Am 5. März wählten die Rauschenberger Braun: 79 Prozent für Hitlers NSDAP. Am 23. März gab‘s zur Eröffnung des Reichstags einen Umzug durch die Stadt ­unter Absingen vaterländischer Lieder. Schon im April nannten die Stadtväter den Marktplatz in Adolf-Hitler-Platz um. Zudem ernannten sie einstimmig Hitler, Göring und Hindenburg zu Ehrenbürgern. „Führers ­Geburtstag wurde mit Fackelzug und Festakt gefeiert.

Ein Pfarrer, der einem Juden Beistand leistete

Die ersten Konsequenzen für die jüdischen Bürger ließen nicht lange auf sich warten. Im Juli 1933 fand der Kirchhainer Viehmarkt erstmals ­ohne ­„jüdischen Handel statt“. Im November 1934 verlor Pfarrer Franz Berthoud im von einem SA-Mann geführten Kirchenvorstand jeden Rückhalt, weil er es gewagt hatte, den 84-jährigen Juden Michael Plaut auf dem Sterbebett beizustehen. Der entscheidende Einschnitt für die jüdischen Bürger sollte die vom Gemeinderat am 11. September 1935 erlassene „Judenordnung in Rauschenberg“ sein. In dieser heißt es: „Alle städtischen Einwohner, welche nach dem 20. August d. Js. noch Geschäfte irgend welcher Art mit Juden tätigen, werden von allen städtischen Arbeiten, Leistungen und Unterstützungen ausgeschlossen.“ Damit wurde den Handel treibenden Juden die Lebensgrundlage entzogen. Sie mussten fliehen.

Und sie taten das, wie das erschütterndste Dokument der Stadtschrift zeigt, die Tabelle­ mit den Stationen zur „Judenfreiheit“ in Rauschenberg. In acht Jahren ging es von 33 auf 0 runter. Der 20-jährige Julius­ Katz-Stiefel emigrierte 1933 nach Frankreich. Die dreiköpfige Familie von Isaak Katz-Stiefel zog am 27. August 1941 nach Marburg um. Von dort wurde sie deportiert und ermordet. Am gleichen Tag meldete Bürgermeister Moll an den Landrat: „Gleichzeitig wird berichtet, dass Rauschenberg ab heute „judenfrei ist“.

Die Bilanz: 22 jüdischen Mitbürgern gelang die Flucht, vier starben eines natürlichen Todes und sieben wurden nach ­ihrem Wegzug deportiert und ermordet. 15 weitere schon vor 1933 verzogene Rauschenberger ­Juden wurden ermordet.

An jüdisches Leben in Rauschenberg erinnert heute im Stadtbild nur noch der außerhalb der Stadt liegende jüdische Friedhof. Die Synagoge wich für drei Garagen. Nur im Haus von Helmut Nau und Markus Semmler finden sich neue Zeugnisse jüdischer Kultur. Als sie das baufällige ehemalige jüdische Kaufmannshaus Kattens Hob vor dessen Sanierung entrümpelten, fanden sie sakrale­ jüdische Gegenstände, denen sie im Haus Ehrenplätze einräumten. Sie fanden aber auch Dokumente, die belegen, wie schäbig in den 50er-Jahren die letzte jüdische Eigentümer-­Familie unter Mitwirkung namhafter Marburger Juristen abgespeist wurde: 500 Mark für Haus und Grundbesitz.

Magistrat brüskierte 1985 jüdische Geschwister

Die Schande reicht bis in die jüngere Vergangenheit. 1985 rief die Marburger „Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit kreisweit dazu auf, noch lebende ehemalige jüdi­sche Bürgerinnen und Bürger einzuladen. Die Initiatoren gestalteten das Programm und kamen für Unterkunft und Verpflegung auf. Zugleich wurden die ehemaligen Heimatgemeinden gebeten, die Reisekosten zu übernehmen. Die umliegenden Kommunen waren nach Willi Wolfs Recherchen sofort dabei und leisteten vielfach mehr, als von ihnen erbeten.

Der Rauschenberger Magistrat versagte den aus Josbach stammenden Geschwistern Kadden die Reisekosten für ihren Besuch in ihrem Heimatort mit dem Hinweis, „dass die Stadt Rauschenberg eine sehr arme und finanzschwache Stadt ist.“ Der Magistrat blieb trotz der Intervention von Friedrich Bohl und Gerhard Jahn und der Proteste­ lokaler Initiativen bei seiner Haltung. Es kam noch schlechter: In einem zweiten Beschluss verlangte der Magistrat von den Opfern der Shoa, sie sollten für einen eventuellen Reisekostenzuschuss als Antragsteller ihre Bedürftigkeit nachweisen. Der Besuch fand trotzdem statt - auch dank vom Rauschenberger SPD-Ortsverein initiierten Spende in Höhe von 1300 Mark.

von Matthias Mayer

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