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Dampfbügeleisen kommt nicht ins Haus

OP-Serie "Ich sammele" Dampfbügeleisen kommt nicht ins Haus

Ihren ersten Kontakt mit einem sieben Kilogramm schweren Bügeleisen hatte Johanna Bendel zu Beginn ihrer Schneiderlehre in Marburg in den 1960er-Jahren.

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Johanna Bendel sitzt vor einem Teil ihrer historischen Bügeleisen. Ein kleineres Exemplar hält sie in der Hand. Foto: Michael Rinde

Stadtallendorf. Ein goldglänzendes „Bügeleisen“ ist nur wenige Zentimeter groß, zum Bügeln von Wäsche nicht geeignet. Dieses Setzkasten-Exemplar verschwindet angesichts der großen, teilweise sieben Kilogramm schweren Exemplare, die gleich daneben auf dem Gartentisch vor Johanna Bendel stehen. Für den Besuch der OP hat sie alle Eisen, aktuell sind es 35, aus den Regalen im Haus zusammengeholt.

Es sind Exemplare darunter, die einst mit glühender Holzkohle befüllt wurden, damit sie heiß werden. Selbst ausprobiert hat Johanna Bendel das allerdings nicht. Sie setzt weiterhin auf ein Rowenta-Bügeleisen aus den 1950er-Jahren. Auf dieses Exemplar schwört sie. „Ein Dampfbügeleisen habe ich nie besessen“, betont sie. Von ihrem Lieblingseisen finden sich auch gleich zwei Exemplare auf dem großen Tisch.

Ihren ersten Kontakt mit Bügeleisen hatte sie zu Beginn ihrer Lehre bei einem angesehenen Marburger Herrenschneider. Ein Stück der Bügeleisen-Sammlung stammt noch aus dieser Zeit, ebenso wie die schwere Stoffschere, die die Schneiderin in die Höhe hält. „Es wird immer noch heiß“, sagt sie, als sie das Eisen aus der Lehrzeit hervorholt.

Bei ihrem Lehrmeister hat Johanna Bendel gelernt, was es heißt, eine saubere und ordentliche Bügelnaht zustandezubringen. Auch Jahrzehnte nach der Lehre setzt sie auf das Bügeln mit einem Lappen, der zwischen Eisen und Hose gelegt wird.

Zu ihrer Bügeleisensammlung kam die Stadtallendorferin teilweise ganz von selbst. „Mal bekam ich auch eines geschenkt, mal habe ich eines vor dem Wegwerfen bewahrt“, sagt sie. Nur wenige der Eisen hat sie wirklich gekauft.

Dass Johanna Bendel gerne sammelt, ist beim Blick in die Gartenlaube auch ohne Bügeleisen gleich zu erkennen. Denn überall an den Wänden hängen kleine Holzschilder mit Alltagssprüchen, mal bierernst, mal voller Wortwitz. Darunter sind Klassiker wie der Satz vom „Eber, der stets missgestimmt, weil seine Kinder Ferkel sind.“ Heute gebe es auf den Flohmärkten leider immer weniger Schilder dieser Art, bedauert Johanna Bendel, die ursprünglich aus Nesselbrunn stammt. Sie liebt Humor, schließlich gehörte sie ja auch rund drei Jahrzehnte zu den Aktiven des Stadtallendorfer Karnevalsverein FCKK. Dort kenne man sie nur unter ihrem Vornamen Johanna, sagt sie.

Zu ihren Bügeleisen weiß sie vieles zu erzählen. Etwa zu dem Exemplar mit abnehmbaren Griff. Das eigentliche Eisen lag zu dessen Zeit immer auf einem Ofen. Mit dem Holzgriff ließ es sich dann hochheben. Passenderweise steht ein alter Kohleofen in einer Ecke im Raum. Auf ihn passten auch größere Bügeleisen problemlos.

„Bei uns im Dorf hießen die Bauernschiffchen“, sagt die Sammlerin, als sie ein Bügeleisen in die Hand nimmt und hochhält. Momentan hat Johanna Bendel das Sammeln von Bügeleisen eingestellt, der Platz reicht nicht für weitere historische Schätzchen. Für weitere Schildchen wäre aber noch etwas Platz an den Wänden.

von Michael Rinde

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