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"Da haben wir uns viel erspart"

Landgericht "Da haben wir uns viel erspart"

Eine womöglich langwierige und zähe Verhandlung blieb der 3. Strafkammer des Marburger Landgerichts erspart - in letzter Sekunde verzichtete die Verteidigung auf eine Revision.

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Durch einen Schlag mit einem Aschenbecher verlor das Opfer das Sehvermögen auf dem linken Auge.

Quelle: Florian Lerchbacher

Stadtallendorf. „Der Ehrgeiz der Verteidiger muss zurücktreten. Mit Bauchschmerzen, aber aus ökonomischen Gründen, nehmen wir die Berufung zurück“, lautete die Stellungnahme der beiden Verteidiger zweier Männer, die vor knapp zwei Jahren wegen gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit der Beteiligung an einer Schlägerei zu einem Jahr und zehn Monaten beziehungsweise einem Jahr Freiheitsstrafe, ausgesetzt zur Bewährung, verurteilt wurden.

Der Entschluss der Verteidigung ging aus einem 45-minütigen Gespräch mit der 3. Strafkammer des Landgerichts unter Vorsitz von Dr. Thomas Wolf hervor. „Da haben wir uns unheimlich viel erspart“, sagte der Richter mit Blick auf neun geladene Zeugen sowie die vorausgegangene Jugendschöffengerichts-Verhandlung im Frühjahr 2012.

Damals hatte Richter Cai Adrian Boesken mehr als 20 Zeugen vernehmen und deren oftmals bruchstückhafte Aussagen wie ein Puzzle zusammenfügen müssen, um Urteile fällen zu können.

Es war eine unübersichtliche Situation, die sich am 14. März 2010 um fünf Uhr morgens in einer Stadtallendorfer Diskothek ereignet hatte - so viel steht fest. Ein 33-jähriger Dachdecker näherte sich einem zu diesem Zeitpunkt 16-jährigen Mädchen, das körperlichen Kontakt allerdings vehement abwehrte. Daraufhin gingen drei Männer auf den Handwerker zu, darunter auch der damalige Freund der Jugendlichen, und schlugen in heftigster Art auf diesen ein. Das Opfer zog sich Nasen- und Jochbeinbrüche zu, durch einen Schlag mit einem Aschenbecher verlor er sogar das Augenlicht auf der linken Seite.

Zwei der Täter, ein 24-jähriger Neustädter sowie ein 34-jähriger Stadtallendorf, plädierten vier Jahre später immer noch auf Freispruch und wollten das Urteil aus erster Instanz anfechten. „Die bloße Anwesenheit in der Disco ist ja nicht strafbar“, legte eine Verteidigerin die Gründe für die genutzten Rechtsmittel dar. „Es fällt mir schwer, den Sinn der Berufung aus den Akten nachzuvollziehen, da es Zeugen gegeben hat, die die Beteiligung an der Schlägerei gesehen haben“, hielt Richter Dr. Wolf entgegen.

Die Staatsanwaltschaft regte ihrerseits an, das ursprüngliche Strafmaß der beiden Täter sogar zu erhöhen. Wie der Staatsanwalt erklärte, sei der 24-Jährige im Dezember 2012 mit zwei Promille nachts Auto gefahren, den 34-Jährigen habe man im April desselben Jahres, also während die Hauptverhandlung wegen gefährlicher Körperverletzung noch lief, mit ganzen drei Promille am Steuer erwischt. „Wenn Richter Boesken das zum damaligen Zeitpunkt gewusst hätte, wäre das Urteil anders ausgefallen“, war sich der Staatsanwalt sicher.

Daher zog sich die Verteidigung vor Beginn der Beweisaufnahme zum Gespräch mit der Strafkammer zurück und ersparte allen Beteiligten eine erneute ellenlange Verhandlung. Lediglich für eine Studiengruppe, die extra gekommen war, um die Verhandlung zu verfolgen, bedauerte Richter Dr. Thomas Wolf das jähe Ende dieses Falls. Er beantwortete den rund 20 Jura-Studenten im Nachgang allerdings alle aufgekommenen Fragen.

von Yanik Schick

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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