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Cholerischer Tyrann oder liebevoller Partner?

Aus dem Gericht Cholerischer Tyrann oder liebevoller Partner?

Im Prozess gegen einen mutmaßlichen Sexualstraftäter sagten unter anderem drei Arbeits­kolleginnen des Opfers aus. Ihnen hatte sich die 26-Jährige teils anvertraut.

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Sie hat erzählt, dass sie festgehalten, geschlagen und bedroht wurde“, erklärte eine Zeugin im Prozess gegen einen mutmaßlichen Sexualstraftäter.

Quelle: Julian Stratenschulte/dpa

Stadtallendorf. Der zweite Verhandlungstag war geprägt von der Frage, wie die fast sieben Jahre währende Beziehung des Angeklagten mit seiner früheren Verlobten wirklich aussah. Laut Anklage soll der Mann seine Ex-Freundin im Herbst 2010 zweimal in Stadtallendorf vergewaltigt und sie dabei an Hals und Armen verletzt haben (die OP berichtete).

Außerdem wird ihm zur Last gelegt, der 26-Jährigen im September 2011 aufgelauert und sie bedrängt zu haben. Ihm drohen laut Strafgesetzbuch zwischen zwei und 15 Jahren Haft.

Der Angeklagte hatte während seiner Vernehmung das Bild ­eines geradezu perfekten Zusammenlebens gezeichnet. Er erzählte von gemeinsamen Erlebnissen, die für harmonische Zweisamkeit sprechen sollten: „Ich habe ihr die Weintrauben geschält, weil sie die Schalen nicht mochte“, so der 27-Jährige. Streit gab es nur ganz selten - Handgreiflichkeiten dagegen nie. „Sie hat mir mal vorgeworfen, eifersüchtig zu sein. Das war aber unbegründet.“

„Er hat mir verboten, meine Eltern zu besuchen"

Mit den Ausführungen des mutmaßlichen Opfers passte all dies nicht zusammen. Die Nebenklägerin erzählte von einer gestörten Beziehung, die durch den fortwährenden Kontrollwahn des Mannes geprägt worden sei. „Ich durfte gar nichts mehr“, sagte die Geschädigte, „er hat mir verboten, meine Eltern zu besuchen, meine Musik zu hören und eine eigene Meinung zu haben“.

Sie spricht auch von daraus resultierender Gewalt: Im Oktober 2010 hatte die Frau für gut zwei Wochen einen Verband am Arm getragen. Damals habe sie auf Druck des Angeklagten überall erzählen müssen, sie sei während der Arbeit von einer Treppe gefallen. In Wahrheit aber - das betont sie heute - habe er selbst ihr die Verletzungen zugefügt.

Drei Kolleginnen der 26-Jährigen sagten nun vor Gericht, die Geschädigte hätte sich nach etlichen Nachfragen zu den Hämatomen geäußert. „Sie hat erzählt, dass sie festgehalten, geschlagen und bedroht wurde“, erklärte eine Zeugin. Während sich eine Polizeibeamtin der Kripo kaum noch an die Befragungen von damals erinnern konnte, hatte der behandelnde Arzt im Zeugenstand für die Kammer einen dienlichen Hinweis parat: Er entnahm den Akten, dass es sich nicht um einen Berufsgenossenschafts-Unfall gehandelt habe - somit ereignete sich der Treppensturz auch nicht - wie vom Angeklagten behauptet - während der Arbeit. „Sie hat mir das damals so gesagt. Und ich habe es ihr geglaubt“, verteidigte er sich.

In den Auseinandersetzungen der beiden sei es, so die Nebenklägerin, aber nicht immer nur um Eifersucht gegangen, so die 26-Jährige, sondern auch um das Thema Geld.

Angeklagte erzielt Einkommen durch Aktiengeschäfte und Casinobesuche

Es bleibt eine rätselhafte Frage, wie der Angeklagte finanziell über die Runden kommt. Er selbst gab gegenüber Richter Gernot Christ an, arbeitslos zu sein und eine Ausbildung vor einigen Jahren abgebrochen zu haben. Sein Einkommen erziele er durch Aktiengeschäfte und Casinobesuche. „Ich bin nicht spielsüchtig, aber ich war in meinem Leben bestimmt mehr als 1500 Mal im Casino“, schätzte er. Einmal sei er mit33000 Euro von dort nach Hause gekommen - zum Leben habe es aber immer gereicht. „Ich habe mir Mühe gegeben“, erklärte er sein vermeintlich simples Erfolgsrezept in Roulette, Poker und Black Jack, das den Richter erkennbar mit der Stirn runzeln ließ.

Die Nebenklägerin behauptete derweil, ihr Ex-Freund habe durch sein Glücksspiel nie etwas zur Haushaltskasse beisteuern können. Lediglich sie selbst und die Mutter des Angeklagten, die ebenfalls in der Wohnung in Stadtallendorf lebte, hätten die laufenden Kosten getragen. Letztere teilte dem Landgericht schriftlich mit, dass sie als Mutter des Angeklagten von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen werde.

Der zweite Verhandlungstag endete damit, dass die Beteiligten hinter verschlossenen Türen den Verfahrensstand erörterten. Verteidiger Sascha Marks vertrat die Meinung, dass die nun noch kommenden Beweismittel nicht für eine Verurteilung seines Mandanten ausreichen würden. Den Inhalt der Erörterung wird Richter Christ zum Beginn des nächsten Verhandlungstages bekanntgeben.

von Yanik Schick

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