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Bundeswehr hilft, solange es nötig ist

Führungswechsel Bundeswehr hilft, solange es nötig ist

Seit 12. Juni vergangenen Jahres führte Generalmajor Eberhard Zorn die Division Schnelle Kräfte (DSK). Im OP-Interview nimmt er Stellung zur Situation am Standort Stadtallendorf und der Entwicklung der Division.

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Generalmajor Eberhard Zorns Zeit als Kommandeur der Division Schnelle Kräfte geht in wenigen Tagen zu Ende. Zorn wechselt ins Verteidigungsministerium.

Quelle: Tobias Hirsch

Stadtallendorf. Generalmajor Zorn wechselt zum 30. September wieder in das Verteidigungsministerium nach Berlin. Vorher erlebte er noch ereignisreiche Tage beim gemeinsamen Aufbau der Zeltunterkunft für Flüchtlinge am Bundeswehr-Hallenbad mit.

OP: Bundeswehr und Katastrophenschutz betreiben seit 13. September ein Flüchtlingsquartier gemeinsam. Wie funktioniert das Zusammenspiel?

Eberhard Zorn: Die Zusammenarbeit mit den zivilen Behörden und Hilfsdiensten gestaltete sich seit Anfang an völlig unkompliziert. Soweit ich gesehen habe, gehen alle mit großem Elan und Pragmatismus bei der Unterstützungsleistung vor.

OP: Können Sie das langfristig so aufrechterhalten?

Zorn: Die Bundeswehr unterstützt als Ganzes auch in Stadtallendorf. Neben Soldaten des DSK-Stabes sind Teile des Versorgungsbataillons 7 der 1. Panzerdivision sowie natürlich das Bundeswehrdienstleistungszentrum und viele andere Kräfte beteiligt. Alle militärischen Beteiligten sind darauf eingestellt, solange zu unterstützen, wie nötig. Das ist unser Auftrag.

OP: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen bietet weitere Unterstützung durch die Bundeswehr an. Welche Möglichkeiten bestehen am Standort Stadtallendorf noch?

Zorn: Kurzfristig sehe ich hier kaum zusätzliche Möglichkeiten. Grundsätzlich prüfen wir aber immer nach allen Seiten mit „maximaler Kulanz“ und werden im Bedarfsfall sicher wieder Lösungen finden. Zum Beispiel unterstützt die Bundeswehrverwaltung bei der Vorbereitung des früheren Mobilmachungs-Stützpunktes als Flüchtlingsunterkunft sehr unkompliziert und lösungsorientiert. Dies wird gewiss nach Übernahme der Verantwortung durch das Land Hessen fortgesetzt werden. Beim weiteren Ausbau der Liegenschaft könnten die Rahmenvertragsfirmen der Bundeswehr beispielsweise beauftragt werden, um eine schnelle Beauftragung und Umsetzung der Baumaßnahmen sicherzustellen.

"Die Zeit als Kommandeur hat viele Vorteile, zum Beispiel, dass man dann Herr über den eigenen Terminkalender ist"

OP: Gibt es denn etwas, was Sie nicht vermissen werden?

Zorn: Nein, denn es ist alles schön hier. Die Zeit als Kommandeur hat viele Vorteile, zum Beispiel, dass man dann Herr über den eigenen Terminkalender ist. Wobei es natürlich so ist, dass das Jahr, in dem ich jetzt Kommandeur bin, schon ziemlich vorgetaktet war durch meinen Vorgänger. Übungen werden bis zu zwei Jahre im voraus festgelegt.

OP: Sie haben mal gesagt, dass Sie mit lachendem und weinendem Auge gehen.

Zorn: Das stimmt, der direkte Kontakt zur Truppe ist das Salz in der Suppe für mich, und wir haben Standorte von Seedorf bis zum Bodensee. Ich möchte nicht nur Powerpoint-Präsentationen sehen, sondern mir vor Ort anschauen, wo der Schuh drückt. Man kann nur Entscheidungen treffen, wenn man ein reales Bild hat. Die Themen, die mich hier beschäftigt haben, von Personalwesen bis Ausstattung, werden mich in das Ministerium begleiten. Ich kann vieles aus der Truppe auf diese höhere Ebene, die direkt unter der Ministerin angesiedelt ist, spiegeln und weiterverwerten. Andererseits freue ich mich auch auf die neue Aufgabe, die andere Herausforderungen für mich bedeutet.

OP: Inzwischen lehnen sich alle Verantwortlichen in Stadtallendorf zurück und sagen sich, dass der Bundeswehr-Standort auf Dauer gesichert ist. Ist diese Haltung gerechtfertigt?

Zorn: Ich glaube schon, zumindest bei allem, was ich überblicke. Wir haben einen multinationalen Verband, der einen „schnellen Auftrag“ hat, Kräfte bereitzustellen, haben überall neues Gerät und viel Geld in diesen Standort gesteckt. Außerdem sind wir in dieser Region klasse aufgenommen, die Zusammenarbeit mit der Stadt ist hervorragend.

OP: Und was fehlt am Standort?

Zorn: Die SAR-Leitstelle für den Luftrettungsdienst aus Münster muss noch umziehen. Dafür sind die nötigen Baumaßnahmen geplant, aber einen Termin für den Umzug gibt es noch nicht. Seit 1. Juli ziehen aber auch die Soldaten der 4. Kompanie des Versorgungsbataillons 7 aus Unna nach Stadtallendorf. Diese Soldaten waren ja auch beim Aufbau der Zelt­unterkunft für die Flüchtlinge beteiligt. Ihre grünen Autos werden jetzt vermehrt zum Stadtallendorfer Stadtbild gehören, die Truppe ist wieder sichtbarer. Ende des Jahres sind diese 200 Soldaten alle hier am Standort. Sie unterstehen nicht der Division Schnelle Kräfte.

"Ich bin froh, dass jetzt saniert wird"

OP: In diesen Wochen beginnt die Sanierung der Rüstungsaltlasten auf dem Teil des „Wasag“-Geländes, das der Bundeswehr gehört. Freuen Sie sich, dass es nach jahrelangem Vorlauf losgeht?

Zorn: Ja, ich bin froh, dass jetzt saniert wird, dass Entscheidungen gefallen sind. Neben dem Umweltaspekt geben viele dieser Bunker an unserem Standort auch kein sonderlich schönes Bild ab. Gut, dass sie jetzt Zug um Zug verschwinden. ­Außerdem wird uns Übungsgelände wieder zur Verfügung stehen, das wir wieder nutzen können.

OP: Worin muss denn noch investiert werden?

Zorn: Das Geld muss vor allem in die Herrenwaldkaserne gesteckt werden, in den Übungsplatz werden wir keinen weiteren Beton setzen. Wir brauchen das neue Betreuungsgebäude, einzelne Unterkünfte müssen noch saniert werden. Der Plan dafür liegt vor. Anderes müsste verschwinden, weil es nicht mehr nutzbar ist, etwa das frühere Soldatenfreizeitheim. Dafür haben wir einen Antrag auf Abriss gestellt. Diese Prozesse dauern, wir brauchen einen langen Atem, aber den haben wir auch. Alles ist auf den Weg gebracht.

OP: Sie haben die Division in einer ereignisreichen Zeit übernommen. In diese Zeit fiel unter anderem die Integration der Heeresfliegerregimenter. Vor einem Jahr haben Sie gegenüber der OP gesagt, die Einsatzfähigkeit der Division wäre durch die Probleme mit dem Transporthubschrauber NH 90 nicht beeinträchtigt. Gilt das immer noch?

Zorn: Das gilt immer noch. Die vier bis acht Hubschrauber, die ich für unseren Bedarf brauche, habe ich. Im nächsten Jahr gehört die Division zur European Battle Group. Dafür habe ich alles, was wir brauchen. Das Grundproblem bei der Ersatzteilversorgung der Transporthubschrauber bleibt, hat sich aber deutlich verbessert. Wir haben mit der Industrie auf allen Ebenen verschiedene Steuerungsmechanismen eingerichtet. Jetzt müssen sich die Dinge einspielen.

OP: Wie lange wird das noch dauern?

Zorn: Bis wir sagen können, dass wir eine Flotte einsatzbereiter Hubschrauber haben, wird es noch das ganze nächste Jahr andauern, sagen mir auch meine Fachleute in den Regimentern. Zumal wir jetzt erst Zug um Zug weitere Maschinen geliefert bekommen. Wobei wir in unseren drei Heeresflieger-Regimentern völlig unterschiedliche Situationen haben, in einem sind wir inzwischen dabei, erste alte Maschinen auszumustern. Wir brauchen einfach etwas Zeit.

OP: Wie viele schlaflose Nächte hatten Sie eigentlich wegen der Hubschrauberprobleme?

Zorn: Keine einzige.

OP: Die weltweite Sicherheitslage hat sich verändert, das Wort Landesverteidigung hat heute ein anderes Gewicht als vor einem Jahr. Wie sehr muss sich Ihre Division umstellen?

Zorn: Bei uns ist zunächst eine gravierende Änderung bei den Auslandseinsätzen eingetreten. Vor zwei Jahren hatten wir immer zwischen 500 und 900 Soldaten der Division im Einsatz. Heute sind es 20. Wir haben jetzt wieder die Zeit, an Übungen teilzunehmen, etwa in Polen, in Bulgarien oder an „Swift Response“, wo wir an einem Tag 600 Fallschirmjäger abgesetzt haben. Wir üben unser Grundgeschäft wieder. Die sicherheitspolitische Gesamtlage hat sich dort auf uns niedergeschlagen.

Hintergrund
Ab 1. Oktober ist Generalmajor Zorn Abteilungsleiter Führung Streitkräfte im Verteidigungsministerium. Seine Abteilung ist direkt beim obersten Soldaten der Bundeswehr, dem Generalinspekteur, angesiedelt. Eine Aufgabe der Abteilung ist zum Beispiel die materielle Einsatzbereitschaft der Truppe. Am 30. September übernimmt der Nachfolger, Brigadegeneral Andreas Marlow, bei einem feierlichen Appell die Division Schnelle Kräfte. Die beiden stellvertretenden Divisionskommandeure Brigadegeneral Stephan Thomas und der niederländische Brigadegeneral Jack van Maaswaal bleiben in ihren Positionen. Zur Division gehören rund 9 200 Bundeswehrsoldaten und die 11. Luchtmobiele Brigade der niederländischen Streitkräfte. 

Michael Rinde

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