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Fördern, mit Leben füllen oder abreißen

Bürgermeisterwahl Amöneburg Fördern, mit Leben füllen oder abreißen

Nachdem sich die Kandidaten für die Bürgermeisterwahl in der vergangenen Woche zur Zukunft der Bürgerhäuser äußerten, mussten sie sich diesmal der Problematik der Leerstände in den Ortskernen widmen.

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Die Amöneburger Bürgermeister-Kandidaten: Jan-Gernot Wichert (CDU, von links), der amtierende Bürgermeister Michael Richter-Plettenberg (parteiunabhängig) sowie Anders Arendt (parteilos).

Amöneburg. Vermehrt stehen in den historischen Ortskernen Gebäude leer, teilweise warten herrliche Fachwerkhäuser auf einen Mieter oder Besitzer. Immer mehr Menschen zieht es vom Land in die Stadt, zudem sind die Auswirkungen des demografischen Wandels schon jetzt vielerorts ablesbar oder zumindest zu erahnen. Aus diesen Gründen stellten wir den drei Kandidaten für die Bürgermeisterwahl die Frage: „Was wollen Sie gegen Leerstände in den Ortsmitten tun?“ Während der amtierende Bürgermeister Michael Richter-Plettenberg (parteiunabhängig) und CDU-Kandidat Jan-Gernot Wichert Fördermittel und – wenn keine andere Möglichkeit sinnvoll erscheint oder möglich ist – Abrisse in den Mittelpunkt ihrer Aussagen stellen, will Anders Arendt (parteilos) andere Anreize schaffen, zum Beispiel möchte er Anliegergebühren abschaffen. Lesen Sie hier die Antworten der Kandidaten.

Richter-Plettenberg: „Auf meine Initiative hin wurde 2007 ein Programm zur Förderung für die Altortslagen eingeführt, welches die Selbstnutzung von erworbenen Wohnimmobilien in allen Ortskernen finanziell begünstigt. Familien mit zwei Kindern können ohne weiteres 10.000 Euro an Förderung erhalten. Wir waren damit die Ersten im Landkreis. Mich beunruhigt, dass es seit 2007 zu wenig Fälle gegeben hat, obwohl 2011 noch mehrere Förderbescheide übergeben werden können.

Ich möchte dieses Programm verlängern und ergänzen, so dass grundhafte Sanierungen auch ohne Eigentümerwechsel zuschussfähig sind. Hierzu müssen wir uns finanzielle Spielräume erarbeiten.

Mit der Region Marburger Land haben wir ein wissenschaftliches Projekt der Stadt Marburg unterstützt. Die in Schröck gewonnenen Ergebnisse sind auf uns übertragbar. Viele Eigentümer sind noch nicht ausreichend problembewusst und warten oft zu lange bis sie handeln. Hier müssen wir ansetzen und beraten, indem wir gezielt auf die Eigentümer leerstehender Gebäude zugehen, damit sie diese dem Immobilienmarkt zuführen.

Bei der Statistik für die Dorferneuerung Erfurtshausen haben wir herausgefunden, dass sich das Problem in den nächsten zehn Jahren stark verschärfen wird. Deshalb ist auch eine konsequent durchgeführte Dorferneuerung ein wichtiges Element. Gute öffentliche Maßnahmen ziehen eine große Zahl an privaten Maßnahmen nach sich, die den Orten insgesamt guttun.

Wir müssen dafür sorgen, dass das ein oder andere Gebäude abgerissen werden darf, für das nachhaltig keine Nutzungspers-pektive besteht.

In Erfurtshausen zum Beispiel ist es uns gerade gelungen, den Abriss eines solchen Hauses vorzubereiten. Das Grundstück wird zukünftig als sonniger Garten einer Familie dienen. Im Gegenzug werden wir ein Grundstück am Bürgerhaus bekommen, welches die Ortsmitte stärkt. In Rüdigheim konnten wir dagegen noch nicht überzeugen einen besonders schlimmen Schandfleck zu beseitigen, obwohl der Eigentümer das Haus verschenken und die Stadt den Abriss durchführen wollte. Man sollte in solchen Fällen hartnäckig verhandeln und nicht zu schnell aufgeben.

Generell müssen die Kommunen alles dafür tun, dass die öffentliche Infrastruktur und das Ortsbild stimmen. Gute Kinderbetreuungsangebote, Spielplätze, Freizeit- und Kulturangebote für Menschen jeden Alters tun den Rest.“

Arendt: „Ich weiß, dass ich mir mit meinen Ausführungen zu dieser Fragestellung keine neuen Freunde mache, aber wir kommen nicht umhin, den Menschen endlich reinen Wein einzuschenken. Hauseigentümer müssen sich darauf einstellen, dass der Wert von bestimmtem Wohneigentum schon bald massiv sinken wird. Offenkundig ist das schon heute, wenn Häuser zwangsversteigert werden müssen. Wer sich mit der Absicht trägt, ein Haus zu verkaufen, der sollte es bald tun! Die Jahre steigender Immobilienpreise liegen hinter uns. Versetzen Sie sich in die Lage eines möglichen Käufers: Würden Sie für ein renovierungsbedürftiges Fachwerkhaus viel Geld ausgeben wollen? Wir erreichen neue Bewohner nur über einen akzeptablen Preis. Ergänzend kann eine städtische Prämie als Anreiz wirken, im Vordergrund muss aber ein Umdenken beim Verkäufer eines Hauses stehen. Die Stadt sollte m.E. nicht zu sehr in den Markt eingreifen, sondern Hauseigentümern beratend zur Seite stehen. Der demografische Wandel ist bisher nur ein Schlagwort in der großen Politik, in den Köpfen der Kommunalpolitiker und der betroffenen Menschen ist noch nicht angekommen, welche Konsequenzen sich daraus gerade für den Immobilienmarkt ergeben.

Selbstverständlich können und müssen wir uns auch um eine Attraktivitätssteigerung des Wohnortes Amöneburg kümmern. Mit der wunderbaren Lage im Ohmtal und auf dem Berg kann man aber nicht alleine punkten. In Sachen Verkehrsanbindung und Nähe zu attraktiven Arbeitsplätzen haben andere Gemeinden Standortvorteile. Der Tourismus spielt traditionell in Amöneburg eine Rolle, die aber auch nicht überbewertet werden darf. Wir brauchen weiterhin niedrige Steuern und Gebühren, eine gute Versorgung mit Kindergärten und Schulen, sowie Einkaufsmöglichkeiten. Nicht mehr zeitgemäße Geldeintreibepraktiken wie die Erhebung von Anliegerbeiträgen bei Straßenerneuerung gehören abgeschafft! Für neue Hauseigentümer ist eine 100-prozentige Finanzierung durch die Gemeinde, wie sie der Ebsdorfer Grund hat, deutlich attraktiver.“

Wichert: „Die richtigen Maßnahmen gegen den zunehmenden Leerstand in unseren schönen Ortskernen zu finden, erachte ich als eine wichtige Herausforderung der nächsten Jahre. Als einige Gründe der Entwicklung sehe ich den demografischen Wandel und beschränkte Entwicklungsmöglichkeiten in der bestehenden Bausubstanz, z.B. durch fehlende Grünflächen und denkmalschützerische Vorgaben. Die Politik der Erschließung neuer Baugebiete und Subventionen, die den Neubau stärker fördern als den Erwerb vorhandener Häuser, sind ebenfalls für diese Entwicklung verantwortlich. Das vom jetzigen Bürgermeister initiierte Programm zur Förderung alter Bausubstanz setzt nicht die richtigen Anreize. Es wurde seit 2006 kaum in Anspruch genommen.

Ich werde mich als Bürgermeister für die Weiterentwicklung der Förderinstrumente „Baukindergeld“ und „Altortslagenförderung“ einsetzen, so dass Investitionen in vorhandene Bausubstanz attraktiver werden. In Bezug auf die historischen Ortskerne gilt für mich der Grundsatz: Erhaltenswertes erhalten, Nicht-Erhaltenswertes neu gestalten. Dies bedeutet konkret, dass in Einzelfällen auch ein Abriss eine denkbare Alternative sein muss. Dadurch entstehen neue Lebensräume und die Möglichkeit, bestehende Gebäude heutigen Ansprüchen genügend aus- und umzubauen. Die touristische Erschließung, die ich gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern vorantreiben möchte, ist eine Chance für eine innerörtliche Belebung durch neue Gebäudenutzungen, zum Beispiel als Ferienwohnungen, Stätten von Kunst und Kultur, der Begegnung mit altem Handwerk usw.. Der Dorferneuerungsprozess in Erfurtshausen bietet eine gute Möglichkeit, exemplarisch für alle Ortsteile entsprechende Ideen zu entwickeln. Hieraus könnten langfristig auch andere gewerblich interessante Perspektiven in den Ortskernen erwachsen. Sozialstationen und Begegnungsstätten, wie die Sternstuben, das ehemalige Schwesternhaus oder das ‚NIZA‘ zeigen Möglichkeiten zur Belebung der Ortskerne auf.

Es muss uns gelingen, junge Familien in Amöneburg zu halten und neue hinzuzugewinnen. Dazu müssen wir die gesamte Infrastruktur, zum Beispiel die Bildungseinrichtungen im Auge behalten. Wahr ist und bleibt: Kinder sind unsere Zukunft. Ohne Kinder gibt es auch keine Zukunft für unsere schönen historischen Ortskerne.“

von Florian Lerchbacher

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