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Brutale Gewalt an Opfer oder freiwilliger Sex?

Vergewaltigungsprozess Brutale Gewalt an Opfer oder freiwilliger Sex?

Die beiden Angeklagten und ihr mutmaßliches Opfer lieferten am Montag sehr unterschiedliche Aussagen zu den Ereignissen Ende Mai 2016 in der früheren Stadtallendorfer Erstaufnahmeeinrichtung ab.

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Damalige Bewohner der Stadtallendorfer Erstaufnahmeeinrichtung machten sich im Januar 2016 auf den Weg in die Stadt. Archivfoto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Stadtallendorf. Auftakt eines aufwendigen Strafprozesses: An voraussichtlich insgesamt sechs Verhandlungstagen müssen sich ein 19 und 21 Jahre alter Angeklagter gemeinschaftlich wegen­ des Vorwurfs der Vergewaltigung eines weiteren, 26 Jahre alten Bewohners der damaligen Erstaufnahmeeinrichtung (EAE) verantworten. Geschehen in der Nacht vom 30. auf den 31. Mai 2016. Sie sollen Analverkehr mit Gewalt erzwungen haben.Die Staatsanwaltschaft Marburg hat sie auch des gemeinschaftlichen Diebstahls angeklagt.

Beim 19-Jährigen kommt der Vorwurf der Nötigung hinzu. Er soll in der Folgenacht den Versuch unternommen haben, das mutmaßliche Opfer mit Drohungen davon abzuhalten, das Geschehene zu melden oder darüber zu sprechen. Laut Anklage soll der aus Kabul stammende Mann dem 26-Jährigen gedroht haben, „mit fünf Mann wiederzukommen“.

Die dritte Strafkammer fungiert aufgrund des Heranwachsenden-Alters beider Angeklagter als Jugendkammer unter Vorsitz von Richter Dr. Thomas Wolf. Beide Angeklagten äußerten sich gestern zu den Vorwürfen sehr ausführlich. Auch das mutmaßliche Opfer.

Drogen, Alkohol und kleine Feier?

Vorweg gesagt gibt es völlig voneinander abweichende Aussagen. Folgt man den Angeklagten, so gab es vor den Ereignissen jener Nacht eine Art Gelage­ auf dem Zimmer des mutmaßlichen Opfers. Beide, der 19- wie der 21-Jährige, schilderten von reichlich Alkoholkonsum, in Rede stehen jeweils eine Flasche Wodka und das Rauchen von Haschisch und Marihuana.­ Diese Drogen sollen mit einer Art „Ersatz-Wasserpfeife“ konsumiert worden sein, selbstgebaut und vor Gericht weder dem Vorsitzenden noch Staatsanwältin Kerstin Brinkmeier von der Bauart her bekannt.

Der 19-Jährige charakterisierte den angeblich von ihm geschädigten Mann als einen „verwirrten Drogenabhängigen“. Alles, was passiert sei, sei freiwillig geschehen, so eine weitere Kernaussage des jungen Mannes. Der Ältere der beiden Angeklagten formulierte eingangs eine völlig allgemein gehaltene Entschuldigung. Bei den eigentlichen sexuellen Handlungen will er nicht dabei gewesen sein.

Er sei nach einer halben Stunde noch einmal in das Zimmer des 26-Jährigen gegangen. Es sei zunächst versperrt gewesen. Beide, der 26-Jährige wie auch der zweite Angeklagte, seien nackt gewesen. „Das ist wie in einem Cartoon gewesen“, so die Schilderung des Mannes aus Afghanistan. Der 21-Jährige berichtete auch, dass zu Beginn zwischen 10 und 11 Menschen in dem Raum des 26-Jährigen gewesen sein. Ein Teil dieser Leute dürfte heute vom Gericht als Zeugen gehört werden.

Verhandlungsbesucher werden deutlich verwarnt

Vor der langen und sehr eingehenden Befragung des 26-Jährigen durch das Gerichts gab es ein besonderes Vorkommnis. Einer der beiden Dolmetscher machte eine Zeugenaussage. Demnach hatten vier Verwandte oder Freunde von Angeklagten in einer kurzen Pause versucht, ihn als „Landmann“ zu beeinflussen. Er solle doch versuchen, an den Zeugen heranzukommen. Richter Wolf rief die betreffenden Zuschauer an den Richtertisch und machte ihnen in Absprache mit Staatsanwältin Kerstin Brinkmeier unmissverständlich klar, dass ihnen strafrechtliche Konsequenzen drohten und er sie des Hauses verweisen werde, sollte sich das wiederholen.

Mit Unterbrechungen beschäftigte sich das Gericht dann deutlich über zwei Stunden mit den Ereignissen aus Sicht des 26-jährigen mutmaßlichen Opfers. Er lebt in einem anderen Teil des Landes, wurde von der Polizei zu seinem Schutz herbegleitet. Was auch immer in jenen Nächten geschah, es hat nach den Aussagen des mutmaßlichen Opfers massive Spuren in seinem Leben hinterlassen. Er sei nicht in der Lage, ­einen Sprachkurs zu machen, befinde sich in ärztlicher Behandlung, sitze meist in seinem Zimmer.

Später, auf eine entsprechende Frage von Rechtsanwalt Arik Thaye Bredendiek, der den 21-Jährigen vertritt, erklärte der Mann noch, dass er seit den Ereignissen keinerlei Lust mehr auf Sexualität habe. In seinen Schilderungen musste er zwangsläufig in für ihn sehr unangenehme Details der Ereignisse aus seiner Sicht gehen. Das Gericht, Staatsanwaltschaft und beide Verteidiger stellten zahlreiche Nachfragen zum genauen Ablauf. Dabei bekannte der Mann auch, dass er manches vergessen habe und das „Ganze vergessen“ wolle.

Chirurgin stellt mehrere Verletzungen fest

Zunächst habe er die Tat gar nicht anzeigen wollen. Er sei beschämt gewesen, habe sich den ganzen Tag in seinem Zimmer aufgehalten. Offenbar hatte der Mann aufgrund der damals schon sehr geringen Belegung der Erstaufnahmeeinrichtung ein Zimmer für sich alleine. Auf Nachfrage sagte er, dass er keine Drogen genommen und an jenem Abend zwei Bier, wohl 0,5-Liter-Flaschen, getrunken habe.

Dass er dann doch zu Beginn der zweiten Nacht zum Sicherheitsdienst im Erdgeschoss ging und alles meldete, war der angeblichen Drohung des 19-Jährigen und eines weiteren Mannes geschuldet. Sicherheitsleute, die das Gericht vernahm, schilderten, dass zumindest der 19-Jährige an jenem Abend des 31. Mai in das Gebäude gelangt sei. Den 26-Jährigen beschrieben die damaligen Sicherheitsleute übereinstimmend als ­„verängstigt“.

Eine Chirurgin untersuchte den 26-Jährigen, nachdem die Vorwürfe, einschließlich der Vergewaltigung, bekannt geworden waren. Sie stellte, so sagte sie vor Gericht aus, mehrere Verletzungen in der After-Region des Mannes fest. „Ich kann mir vorstellen, dass sie durch Analverkehr zustande gekommen sind, kann es aber nicht mit Sicherheit sagen, da ich noch nichts Entsprechendes gesehen habe“, antwortete sie auf eine genaue Frage des Vorsitzenden.

  • Die Verhandlung wird heute­ ab 9 Uhr, voraussichtlich im Saal 101, des Landgerichts fortgesetzt. Besucher werden gebeten, die Aushänge an den Sälen zu beachten.

von Michael Rinde

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