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Brandstiftung im "göttlichen Auftrag"

Kirchhain Brandstiftung im "göttlichen Auftrag"

Die 1. Strafkammer des Landgerichts Marburg machte sich am Donnerstag durch Zeugenaussagen und ein Gutachten ein Bild von der Schuldfähigkeit des Mannes, der den Großbrand in der Marburger Tapetenfabrik legte.

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Kirchhain. Ein Schaden von rund 20 Millionen Euro, einer der größten Feuerwehr-Einsätze der vergangenen Jahre, das Aus für ein Tochterunternehmen der Marburger Tapetenfabrik, waren einige der gravierendsten Folgen der Brandstiftung eines 22-Jährigen, über die gestern die 1. Strafkammer des Marburger Landgerichts verhandelte.

Bereits bei seiner ersten Aussage zu Beginn des Verfahrens vermittelte der 22 Jahre Gießener einen klaren, konzentrierten Eindruck, von Wahnvorstellungen war nichts zu hören. „Ich bereute meine Tat, ich wusste nicht, was da getan habe“, sagte der Beschuldigte.

Gefahr eines Rückfalls bleibt groß

An seine Wahnvorstellungen konnte er sich allerdings noch sehr genau erinnern. Am 23. März habe ihn „der Wind nach Kirchhain“ getrieben. Ein „göttlicher Auftrag“ habe ihn dazu veranlasst, im Druckereigebäude der Tapetenfabrik und später auch im Hochregallager Feuer zu legen. Heute weiß der an einer Psychose, einer Angst-Wahnstörung, leidende Mann, dass all das Wahn gewesen ist. Die Medikamentenbehandlung in der forensischen Klinik Haina, in die er eingewiesen wurde, hat die Besserung ausgelöst. Doch die Gefahr eines Rückfalls bleibt groß, wie Gutachter Dr. Rolf Speier, ärztlicher Direktor der Vitos-Klinik Haina am Ende des Prozesstages ausführte. Das veranlasste die 1. Strafkammer zu ihrer Entscheidung, die Unterbringung des 22-Jährigen in der Forensik anzuordnen, auch wenn ihm der Gutachter wie auch behandelnde Ärzte Fortschritte bescheinigten.

Bei der Verhandlung bemühte sich das Gericht, durch Zeugenaussagen mehr über den Beschuldigten, seine Vorgeschichte und die Ereignisse an jenem Wochenende zu Tage zu fördern.

Der 22-Jährige ist verlobt, hat mit seiner Freundin eine sieben Monate alte Tochter, beide liebt er, wie vor Gericht deutlich wurde. Doch im vergangenen Jahr trat er sie in den Bauch, nach eigenen Worten verzweifelt darüber, dass sie ein Kind erwartete. Diesen Tritt bereute er anschließend sehr.

Die Tat wie auch schon andere Handlungen legen aber für den Gutachter den Schluss nahe, dass er bereits unter einer beginnenden Psychose gelitten hat. In der Nacht zum 24. März war der 22-Jährige in die MT eingebrochen, am Morgen begann er mit dem Feuerlegen. Er habe gedacht, mit Facebook-Gründer Mark Zuckerberg telepathisch in Kontakt zu stehen. Plötzliche Kopfschmerzen auf die Frage, ob er Feuer legen solle, habe ihn dazu veranlasst.

Neun Schulwechsel und eine Verurteilung

Der Mann, geboren im thüringischen Weimar, ist wegen mehrerer Gewaltdelikte vorbestraft,einen Beruf hat er nicht erlernt, bis zu seinem Realschulabschluss wechselte er neunmal die Schule. Als er in München lebte, kam er mit rechtsradikalen Kreisen in Kontakt, wurde sogar wegen Volksverhetzung verurteilt.

Eine Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe Gießen, die ihn während einem Körperverletzungsprozess betreute, blickte vor Gericht auf die Vergangenheit des Mannes zurück. Beruflich gab es keine Perspektive. „Es hat sich alles nicht gut angehört“, fasste sie ihre damaligen Eindrücke zusammen.

Dass sich bei dem Mann etwas „anbahnte“, zeigte sich an anderer Stelle im Verfahren: Wenige Tage vor der Tat in Kirchhain ist der Mann nackt durchs Treppenhaus gelaufen, der Bekannte, bei dem er wohnte, rief Notarzt und Polizei.

Hinzu kam seine Drogensucht, Untersuchungen nach der Tat bescheinigten ihm eine hohe Abhängigkeit von Cannabis. Mehrfach versuchte der 22-Jährige, seine Unterbringung zur Bewährung aussetzen zu lassen, auch in der Hoffnung, dadurch seine Verlobte und sein Kind häufiger zu sehen.

Am Tag des Brandes wurde der Beschuldigte in einem Lebensmittelmarkt in Amöneburg festgenommen. Das Betreiber-Ehepaar des Marktes war zufällig im Geschäft. Beide sagten gestern vor Gericht aus. Bei der Ehefrau hatte der 22-Jährige auch von seiner Brandstiftung berichtet.

„Ich dachte, er ist durchgeknallt oder hat Drogen oder Medikamente genommen“, sagte die Ehefrau des Betreibers aus. Polizisten schilderten vor Gericht, wie sie schnell Bestätigungen für die Behauptungen des Mannes fanden, unter anderem durch Funde an der Brandstelle.

"Es hängt jetzt von Ihnen ab, wie es weitergeht"

An der Tat hatte das Gericht unter Vorsitz von Dr. Carsten Paul am Ende keinerlei Zweifel mehr. Gutachter Speier machte trotz der ersten Fortschritte des 22-Jährigen aber auch die aktuelle Gefahr für einen Rückfall und damit für weitere schwere Straftaten klar. „Da kann alles mögliche passieren“, sagte Speier, der dem Erkrankten allerdings auch gute Perspektiven aufzeigte - wenn er sich bei seiner Behandlung weiterhin kooperativ zeigt.

Richter Paul machte bei seiner Urteilsbegründung klar, dass es für die 1. Strafkammer bei ihrem Beschluss keine Ermessensspielräume gab. „Es hängt jetzt von ihnen ab, wie es weitergeht“, sagte Paul zum Beschuldigten am Ende der Verhandlung.

von Michael Rinde

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